Deutsches Elend
»Computer, what is the mist I’m seeing?«
Dr. Beverly Crusher, Remember me
»Computer, was ist das für ein Mist, den ich da sehe?«
Dr. Beverly Crusher, Das Experiment
Ein Film im deutschen Kino bekommt auch einen deutschen Titel. Manchmal wird der Originaltitel übersetzt, manchmal auch unübersetzt übernommen, in der Regel aber wird er nach einem schwer durchschaubaren und offensichtlich bescheuerten System durch einen deutschen Titel ersetzt, der frei erfunden, glatt gelogen oder völlig wirr und wahnsinnig ist: Dass ein deutscher Titel eines Films rein gar nichts mit dem Originaltitel oder dem Film, den er betitelt, zu tun hat, ist keine Ausnahme, sondern sichere Regel. – Einige wenige unsortierte Beispiele und Anmerkungen mögen einen schwachen Eindruck des ganzen Elends geben, umfassender kann man sich in der Titeldatenbank ärgern. Die Titeldatenbank wurde zuletzt am 17. Mai 2010 aktualisiert und dokumentiert derzeit 119 Titel.
25. Dezember 2008
Der müde Indiana-Jones-Abklatsch The Librarian: Quest for the Spear ist ein schlechter TV-Film. Aber das gibt den deutschen Titelgebern nicht unbedingt das Recht, ihn als The Quest – Jagd nach dem Speer des Schicksals den deutschen Fernsehzuschauern zuzumuten. Immerhin, sie blieben sich treu. Die Fortsetzung The Librarian: Return to King Solomon’s Mines wurde zu The Quest – Das Geheimnis der Königskammer. Warten wir ab, was man aus dem dritten Teil The Librarian: The Curse of the Judas Chalice wird.
21. Dezember 2008
Sie können es einfach nicht lassen. Selbst, wenn ein Titel ganz simpel wortwörtlich übersetzt werden könnte, muss man eine deutsche Duftmarke hinterlassen. So kommt das Remake von George Cukors klassischer Komödie The Woman (1939) (die hierzulande noch ganz schlicht und korrekt Die Frauen heißen durfte) heuer als The Women – Von großen und kleinen Affären in die Kinos.
16. November 2008
Mitunter hat ein Film gleich doppeltes Pech und gerät nach den Kinotitlern auch noch den TV-Redakteuren in die Hände. Die machen dann etwa aus The Man Who Wasn’t There ein Der unauffällige Mr. Crane. Ganz übel hat es Bill Murray erwischt, der als The Man Who Knows Too Little unterwegs war, in den deutschen Kinos aber als Agent Null Null Nix veralbert wurde. Das hat den TV-Leuten aber noch nicht gereicht, vielleicht halten sie ihr Publikum ja für noch dümmer als die Kinobesucher. Also wurde der Film bei seiner TV-Ausstrahlung in Agent Null Null Nix – Bill Murray in hirnloser Mission umgetauft. Hirnlos, in der Tat.
15. November 2008
Besonders blöd: Spoiler im deutschen Titel. Vom Geheimnis des verborgenen Tempels weiß Young Sherlock Holmes zum Beispiel nichts.
15. November 2008
Selbst wenn ein deutscher Titel nah am Original bleibt, versiebt er’s mit einer unnötigen Zugabe dann doch noch. Etwa, wenn aus The Sons of Katie Elder ein Die vier Söhne der Katie Elder wird.
15. November 2008
Eine echte Sternstunde deutscher Titelkunst beschert man uns bei The House on Haunted Hill. Der Film kursiert zwar häufig unter Das Haus auf dem Gespensterhügel, aber das ist ja langweilig. Nur gut, dass es eine sehr viel griffigere Alternative gibt: Die 7 Särge des Dr. Horror. Yeah!
15. November 2008
Beliebt ist auch die Unsitte, den Originaltitel mit einer deutschen Dreingabe zu übernehmen. Glück hat man, wenn es sich dabei wie bei The Village – das Dorf um eine Übersetzung handelt (bei der man sich nur noch fragt, warum man sich nicht einfach darauf beschränkt hat). Doch nur zu häufig müssen die Titeltexter partout ihre Duftmarke hinterlassen. Dann werden sie wie bei Miracle – Das Wunder von Lake Placid oder Scarface – Toni, das Narbengesicht unnötig geschwätzig, wenn sie nicht gleich ganz vom Weg abkommen: Grosse Point Blank – Ein Mann, ein Mord. Dass es auch anders geht, zeigt die erste Fassung von Scarface aus dem Jahr 1932, die als Das Narbengesicht in die Kinos kam.
14. November 2008
Ärgerlich wird es, wenn ein Filmtitel in seiner Bedeutung komplett umgedreht wird, zum Beispiel bei Saving Private Ryan. Es geht bei Spielberg in Titel und Film um Rettung in jeder nur denkbaren Bedeutung. In Deutschland aber pervertiert man ihn und hebt auf typisch Deutsches, also Soldatisches ab und verwirrft die Rettung zugunsten des Soldat James Ryan. Das Plakat unterstreicht durch Nachahmung des Originals die Umdeutung. Wird bei diesem »Saving« gefettet, so in der deutschen Version »Soldat«:
13. November 2008
Machine Gun Kelly wird partiell entwaffnet und muss nun als Revolver-Kelly sein Unwesen treiben, White Heat dafür in Maschinenpistolen umgetauft, auch wenn in dem ganzen Film keine Maschinenpistolen auftauchen.
13. November 2008
Bei Tieren gibt man sich nicht immer zimperlich und die Spottdrossel (To kill a mockingbird) wird zur gestörten Nachtigall. Ick hör’ dir trapsen.
13. November 2008
Der Mann, who loved Cat Dancing war natürlich auch kein Mann, der die Katzen tanzen ließ.
13. November 2008
Und wo wir gerade dabei sind: The Glass House ist kein Glashaus, sondern das Haus der Familie Glass. Aber der Titel ist mehrdeutig und gläserne Gegenstände spielen eine gewisse Rolle, da wollen wir mal nicht so kleinlich sein.
13. November 2008
Mit Zahlen tun sich die deutschen Filmbetitler besonders schwer und greifen immer wieder begeistert daneben. Müssen bei 7 Men from now noch sieben Menschen ins Gras beißen, weiß der deutsche Titel nur von einem: Der Siebente ist dran. Umgekehrt verschwindet The Ninth Gate spurlos in den Neun Pforten der deutschen Fassung.
13. November 2008
Sie können noch nicht einmal bis drei zählen. Das Trio The Good, the Bad and the Ugly schrumpft in der Eindeutschung zu Zwei glorreiche Halunken zusammen. Lost in Translation, gewissermaßen.
13. November 2008
Wenn mal keine Zahl auftaucht, erfindet man rasch eine und macht aus dem Wortspiel Once upon a crime ein launiges 7 Gauner und ein Dackel. Wir können auch komisch!
13. November 2008
Hitchcocks Thriller im Bühnenmillieu heißt im Original passend Stage Fright, die korrekte Übersetzung »Lampenfieber« gibt aber leider nur eine blasse Ahnung und ist als Filmtitel wohl eher ungeeignet. Keine Frage, da musste man sich etwas Neues einfallen lassen – aber musste es denn ausgerechnet Die rote Lola sein?
13. November 2008
Vollends skurril wird es, wenn ein englischer Titel wie Rabbit-Proof Fence ins, je nun, eben nicht Deutsche übersetzt, sondern einfach nur englisch umbenannt wird und als The Long Walk Home in die Kinos kommt. Das wollte man dem deutschen Publikum aber auch nicht unübersetzt lassen und hängte also prompt noch Der lange Weg nach Hause an. Das ist beileibe kein Einzelfall, sondern gern geübte Praxis. Da wird aus Bend it like Beckham ein Kick it like Beckham und aus A Man apart Extreme Rage, das zu allem Übefluss auch noch oberneckisch hipp eXtreme Rage geschrieben wird. Die Mean Girls kamen als Girls Club samt Zusatz Vorsicht, bissig! in die Kinos, während die Hobby-Biker der Wild Hogs hierzulande als Born to be wild – Saumäßig unterwegs waren. Einen Platz in der ewigen Bestenliste der seltsamsten Titelumbenennungen aller Zeiten gebührt allerdings dem Film Black Eagle, der in Deutschland die Farbe wechselte und sich als Red Eagle erhob.
13. November 2008
Was auf englisch geht, geht natürlich auch auf französisch. Und so wird aus La Môme ein La vie en rose. Kleiner Trost: Der Titel wurde weltweit umbenannt, Edith Piaf wollte man, scheint’s, nirgendwo als »Göre« sehen.
13. November 2008
Natürlich ist es schlicht kommerzielles Kalkül, das die deutsche Titelwahl bestimmt, aber nur selten ist es so deutlich greifbar wie beim australischen Film The Hard Word, der sich als The Australian Job bis in die Covergestaltung der DVD (und wohl auch beim Filmplakat) beim Italien Job bediente:
13. November 2008
Unverständliche Titel werden generell vermieden und zum Beispiel aus Turk 182! ein eher idiotisches Schlitzohr. Na gut, werden Sie jetzt sagen, aber mit »Turk 182« kann ein deutscher Zuschauer halt wenig anfangen. Stimmt. Aber da geht es ihm genau so wie den amerikanischen Zuschauern und den Figuren im Film: die verstehen es nämlich auch nicht.
13. November 2008
Ein Kapitel für sich sind die verschwitzen Eindeutschungen, mit denen ein Titel zuverlässig auf Jerry-Cotton-Niveau gebracht wird. The Human Jungle klingt gleich nach problematischen Verstrickungen, vor denen man die deutschen Zuschauer bewahren möchte. Da nehmen wir doch lieber Immer jagt er Blondinen, ist doch gleich viel flotter. Und Key Largo? Wird zum Hafen des Lasters, auch wenn im ganzen Film kein Hafen vorkommt (ein Laster übrigens auch nicht). Später hat man sich ein wenig besonnen und den Unfug in Gangster in Key Largo abgemildert. Auch nicht gut, aber besser.
13. November 2008
Wo in Italien Il grande silenzio herrscht, pflastern in Deutschland halt Leichen seinen Weg.
13. November 2008
Doch seien wir fair, nicht alles ist Mist. In sehr seltenen Fällen gelingt der deutschen Titelei mehr als dem Original. Die Fearless Vampire Killers haben Polanski nie gefallen, er wollte genau das, was der deutsche Titel verspricht, einen Tanz der Vampire. Und auch bei The Brave One ist der deutsche Titel, wie Jodie Foster gern und oft beteuert, sehr viel passender: Die Fremde in dir.