3:1 für Windows

Montag, 15. März 2004, 17.38 Uhr

Der Linux-Pinguin ist ein freundliches, aber scheues Tier. Zumindest mir gegenüber. Seit Jahren schmeichle ich ihm, seit Jahren weicht er mir aus. Doch dieses Jahr soll alles anders werden.

Vielleicht bin ich ja einfach nur zu blöd. Während von Schwäbisch Hall bis München ganze Stadtverwaltungen geschlossen auf Linux umsteigen, gelang es mir in den letzten fünf Jahren nicht ein einziges Mal, Tux, den freundlichen Pinguin und das Maskottchen aller Linuxianer, auf meinen Monitor zu bringen.

Nicht, dass ich mich nicht angestrengt hätte! Ich habe mich durch kryptische Anleitungen gekämpft und fand sie so verständlich wie die Bedienungsanleitung russischer U-Boote. Ich habe Experten gefragt und mit meinen Problemen zur Verzweiflung getrieben. Ich habe dicke Fachbücher angeschafft und sie nach Stunden qualvollster Lektüre – wissen Sie eigentlich, was unter Computerfachautoren als deutsche Sprache gilt? – bei Seite gelegt. Es half alles nichts. Jahr um Jahr erlitt ich mit meinen Linuxversuchen jämmerlich Schiffbruch.

Gewitzt durch die jahrelange Erfahrung ging ich die Sache diesmal systematisch an: Zwei Notebooks, zwei Desktop-PCs, drei Linux-Distributionen. Eine der möglichen Kombinationen muss doch einfach funktionieren.

Für den ersten Versuch muss mein altes Notebook herhalten. Für Windows XP ist es zu betagt, aber was hält es denn von Linux? Die Antwort kommt schnell und unmissverständlich: Gar nichts. Knoppix 3.3 – ein Schnupperlinux, das vollständig von der CD startet, ohne Daten auf die Festplatte zu schreiben –verabschiedet sich mit Zeichensalat und wirren Meldungen; Suse Linux 9, der unumstrittene Platzhirsch in Sachen Einsteigerlinux, friert während der Installation ein; Mandrake 9.2, dem zweiten als besonders einsteigerfreundlich bekannten Linux, geht es nicht sehr viel besser. Da gibt es leider nichts zu beschönigen: Das alte Notebook taugt nicht für ein neues Linux.

Das kann mit dem zweiten Notebook nicht passieren, das ist keine drei Monate alt und damit praktisch nagelneu. Zu neu, wie sich bald herausstellt. Zwar startet Knoppix, zwar lässt sich Suse installieren und auch Mandrake hatte keine Probleme. Doch statt bildschirmfüllend mit millionenfacher Farbenpracht zu protzen, bescheidet sich Linux mit einem winzigen Fenster und einer handvoll Farben. Alle Versuche, daran etwas zu ändern, schlagen fehl. Kurz: Linux mag auch dieses Notebook nicht und das Halbzeitergebnis ist niederschmetternd eindeutig – 2:0 für Windows.

Computer Nummer drei ist knapp drei Jahre alt, besitzt gängige Standardkomponenten und läuft klaglos, wenn auch betulich, unter Windows XP. Und siehe da: Nach kurzen Startschwierigkeiten – die Festplatte musste mit Windows-Bordmitteln aufgeräumt (»defragmentiert«) werden, um Platz für das neue System zu schaffen – lässt sich Suse Linux reibungslos installieren. Und weil es so einfach war und ich ein neugieriger Mensch bin, probiere ich es gleich noch einmal mit Mandrake Linux, das mich ebenfalls nicht enttäuscht. Im Gegenteil, es macht sogar einen etwas eleganteren Eindruck als Suses Linux-Version. Doch das nützt mir alles nicht viel, da dieser Computer nicht mehr im aktiven Arbeitseinsatz ist. Wie für Windows XP gilt bei diesem Computer auch für Linux: Das System läuft, aber doch etwa zu zäh und zu langsam, als dass diese Maschine mehr als eine Generalprobe sein könnte.

Immerhin, Linux schafft souverän den Anschlusstreffer. 2:1, Hoffnung keimt auf.

Frohgemut mache ich mich an den vierten und letzten Computer. Jetzt wird es ernst, denn das ist mein täglich eingesetztes Arbeitswerkzeug. Knoppix startet auf Anhieb, ich wage die Mandrake-Installation. Die schlägt leider schon im Vorfeld fehl: Das Laufwerk im Computer und die Installations-DVD vertragen sich nicht, Mandrake rödelt eine zeitlang herum und meldet nach anfänglichen Erfolgsmeldungen einen nicht behebbaren Hardware-Fehler. Schade.

Aber auch Suse zeigt sich störrisch. Trotz der obligatorischen Aufräumaktion der Festplatte will Linux hier alles oder nichts und denkt gar nicht daran, Windows neben sich zu akzeptieren. Auch ein erneutes Defragmentieren kann das halsstarrige System nicht umstimmen. Erst nach dem Einsatz eines kostenpflichtigen Spezialprogramms aus dem Internet bescheidet sich Linux mit einem Eckchen auf der Platte und lässt Windows in Ruh‘.

Dafür ist die restliche Installation ein Klacks. Alle angeschlossenen Geräte werden erkannt, nach einem Neustart kann ich wählen, ob der Computer mit Linux oder mit Windows starten soll. Unter Linux sorgt die deutlich an Windows angelehnte Oberfläche KDE dafür, dass ich mich auf Anhieb zurecht finde.

Und es klappt! Ich stöbere durch Softwareverzeichnisse, kann meine Dokumente aus dem Windows-Bereich in Linux öffnen, bearbeiten und drucken, ich kann Musik-CDs abspielen, Daten auf CD-ROMs brennen, Filmdateien starten, Bilder bearbeiten und vieles mehr. Gut, Linux verblüfft mich gelegentlich mit seltsamen Meldungen wie »mount:/dev/fd0 ist kein gültiges blockorientiertes Gerät« oder »KLauncher ist nicht über DCOP erreichbar«. Aber darüber sehe ich großzügig hinweg. Ich bin begeistert und auch ein wenig stolz: Ich habe es geschafft.

Dann kam der Alltag und mit ihm die Probleme.

Für die erste Ernüchterung sorgte der Versuch, einen kleinen Abstecher ins Internet zu unternehmen. Linux erkannte die Netzwerkkarte, sämtliche Zugangsdaten waren korrekt und trotzdem ging gar nichts. Erst eine gute Stunde später und inzwischen wieder mit Windows XP, fand ich in einem englischsprachigen Supportforum im Internet heraus, dass ich mit meinem Kartenproblem durchaus kein Einzelfall bin – meine spezielle Karte macht immer Probleme. Einfachste Lösung: Neue Netzwerkkarte kaufen, alte Karte aus-, neue Karte einbauen und konfigurieren. Danach war der Tag zwar fast vorbei, aber ich mit Linux online.

Misstrauisch geworden, ging ich daran, ein paar Dinge auszuprobieren, die ich nicht immer, aber häufig benötige. Meinen Scanner zum Beispiel. Der zickte ein wenig rum, funktionierte dann aber doch. Meine Digitalkamera machte mich dagegen mit dem »KDE-Crashmanager« bekannt. Der teilte mir mit, das »Programm SuSE Plugger« sei abgestürzt und habe »das Signal 11 empfangen«. Ahja. Meinen Handheld-Computer mochte Linux auch nicht: »device /dev/pilot doesn’t exist. Assuming the device uses DevFS. Trying to open device. Could not open device: /dev/pilot (will retry)«. Nunja. Da muss man wohl noch in den Systemtiefen Hand anlegen. Fehlanzeige auch in Sachen Spiel & Unterhaltung. Das Einlegen einer Film-DVD quittierte das System mit »Xine Fehler: Unbekannter Fehler«, und meine 3D-Karte funktionierte ebenfalls nicht. Das macht aber nichts, das Spieleangebot unter Linux ist ohnehin viel zu bescheiden, als dass man sich darüber den Kopf zerbrechen sollte.

Auf dem vierten Computer laufen also jetzt Linux und Windows XP, gelegentlich starte ich Linux und bin über die gewaltigen Fortschritte, die das System seit meinen letzten Versuchen gemacht hat, begeistert.

Trotzdem: Wirklich arbeiten kann ich damit leider doch nicht – 3:1 für Windows. Noch.

Zuerst in: Focus, 12/2004