„Ah Bartleby! Ah humanity!“

Freitag, 19. März 2004, 10.32 Uhr

Anfang einer IBM-Anzeige in der SZ vom 18.3.2004, Seite 5:

Was Ihnen Bartleby der Schreiber über Bernd den Verkäufer beibringen kann.

Kennen Sie Herman Melvilles 1853 erschienene Geschichte über Bartleby, den Büroschreiber einer New Yorker Anwaltskanzlei? Eines Tages weigerte er sich einfach zu tun, was ihm gesagt wurde: „Ich möchte das lieber nicht tun¡, war seine Antwort – und dabei blieb er, er egal was kam. Womit er seinen Chef brüskierte, seine Kollegen befremdete und schließlich dem Geschäft schadete.

Die Moral der Geschichte: Wenn der Faktor Mensch nicht mitspielt, gibt es keinen Erfolg.

Was mag wohl in den Köpfen der Anzeigenmacher vorgehen, wenn sie so ein Wunder von Text wie Melvilles Bartleby – nun, wie soll man das nennen: vergewaltigen? Das ist ja im Ganzen derart abseits, dass es schon nicht mehr bloß falsch wäre – und man also hier und da korrigierend nachhelfen könnte, etwa bei der Zusammenfassung der Geschichte oder bei der seltsamen Moral, die sie angeblich hat –, sondern Teil hat am Bösen. Aber mindestens.

Nun könnte man natürlich spekulieren: Was ist da los, wenn ein Anzeigentexter eine Anzeige textet, für deren Einstieg er einen Text heranzieht, dessen zentraler Satz „I would prefer not to“ lautet? Wie mag der berufliche Hintergrund des Texters aussehen? Vielleicht hat er Anglistik studiert und sich nie träumen lassen, dass er dereinst als Schreiber die Produkte bewerben soll, mit denen an der New Yorker Wallstreet und anderswo Geld verdient wird? Vielleicht würde er es vorziehen, es nicht zu tun? Vielleicht ist er Bartleby, the Scrivener redividus, der nun zwar nicht in einer Kanzlei, aber doch in einem Büro als Schreiber arbeitet, der die Wünsche seiner Kunden gewissermaßen vorausahnend abschreibt, bevor sie ihnen bewusst werden? Vielleicht ist die Anzeige einfach nur seine „Story of Wall-street“ und ihr verstecktes Credo lautet: I would prefer not to?

Doch, genau so wird es gewesen sein. „Sehen Sie es?“, fragt der letzte Satz der Anzeige.

Ja, ich sehe es.

(Melvilles erstaunliche Erzählung kann man zum Beispiel hier nachlesen.)

(Zuerst in meinen ersten Blog-Gehversuchen, dem Großen Mülleimer)


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