Als Trittbrettfahrer im Internet

Freitag, 5. Mai 2006, 13.52 Uhr

Vor ein paar Tagen kam ich abends von einer kleinen Dienstreise zurück und machte auf dem Heimweg noch einen Abstecher bei meinem Büro. Ich wollte noch rasch einen kurzen Blick auf die während meiner Abwesenheit eingetroffene Papierpost werfen, meinen PC brauchte ich dafür nicht und ließ ihn ausgeschaltet. Beim Verlassen des Büros fiel mir dann natürlich doch noch etwas ein, was ich online erledigen musste.Nun hätte ich natürlich meinen PC starten können, aber ich werde Ihnen wohl nicht erläutern müssen, wie quälend langwierig der Start von Windows XP sein kann – erst recht dann, wenn man eigentlich schon längst daheim sein wollte.

Zu meinem Reisegepäck gehörte allerdings auch mein Powerbook, das innerhalb weniger Sekunden einsatzbereit ist. Also klappte ich meinen mobilen Computer auf und hoffte auf ein offenes Funknetz in der Nähe (im Büro habe ich DSL, aber kein WLAN). Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Insgesamt fanden sich vier WLAN-Zugänge, einer davon war ungesichert und ließ mich problemlos ins Netz.

So war ich für rund 10 Minuten als Trittbrettfahrer mit einer fremden Internet-Verbindung online. Ich weiß bis heute nicht, welcher Nachbar so leichtsinnig war, sein Funknetz ungesichert zu betreiben.

Leichtsinn oder Idealisums?
Doch was heißt hier überhaupt „leichtsinnig“? Vielleicht war es ja auch Absicht. Bei einer DSL-Flatrate spielt es ja keine große Rolle, wenn gelegentlich auch mal ein anderer die Verbindung mitbenutzt – vorausgesetzt natürlich, er missbraucht die Leitung nicht für den Versand riesiger Datenmengen oder ähnlich unerwünschte Aktivitäten.

Vielleicht gehört der unbekannte Nachbar zu den Netzidealisten, die mit der Einführung von Funknetzen schon den allgegenwärtigen Netzzugang für jedermann kommen sahen. Diese Idee basiert auf dem klassischen Internetprinzips des „give a bit – take a bit“: Wenn jeder Anwender seinen WLAN-Zugang zur allgemeinen Nutzung frei gibt, so die Theorie, entsteht ein riesiges Netz öffentlicher Hotspots, von denen unterm Strich alle Nutzer profitieren.

Man wäre nicht mehr auf kostenpflichtige Terminals oder Access-Points angewiesen und müsste sich auch nicht mehr in Internet-Cafés aufhalten, um seine E-Mails abzurufen. Statt dessen könnte man im Idealfall einfach da, wo man sich gerade aufhält, auch aufs Internet und seine Daten zugreifen.

Die Probleme offener Netze
Aus dieser naheliegenden Idee ist bis heute nichts geworden, zu gewichtig sind die Einwände. Wie schützt man sich etwa vor Vandalen, die die Bandbreite komplett aufsaugen und den eigentlichen Besitzer gewissermaßen aus seinem eigenen WLAN drängeln? Oder was ist mit Cybergangstern, die einen fremden Zugang für Online-Betrügereien benutzen?

Der gesamte Komplex Datensicherheit wirft ebenfalls Fragen auf. Der Funkverkehr zwischen Router und Computer kann zwar einigermaßen abhörsicher verschlüsselt werden – aber nicht, wenn der Zugang öffentlich problemlos nutzbar sein soll. Betrügerische Routerbetreiber könnten etwa bei ahnungslosen Trittbrettfahrer Jagd nach sensiblen Daten machen. Hier müsste man etwa ausschließlich mit SSL-geschützten Verbindungen arbeiten, was aber nicht in jedem Fall möglich ist.

Kurz: Die Idee der allgegenwärtigen Hotspots ist gut, stößt in der Praxis aber auf einige Schwierigkeiten.

Linus, Bill und Alien
Doch das könnte sich, wie ich heute in der Süddeutschen Zeitung gelesen habe, in Zukunft vielleicht ändern. Denn in Spanien rüstet sich der Anbieter Fon, um die alte Idee endlich zu verwirklichen.

Den verschiedenen Sicherheitsbedenken begegnet man durch einen eigenen Router und eigene Software. Dadurch sollen betrügerische Manipulationen ausgeschlossen werden. Außerdem kann der Anwender entscheiden, wie viel Bandbreite er öffentlich machen will.

Die Fon-Kunden (die das Unternehmen „Foneros“ nennt) werden in drei Gruppen geteilt: Linus, Bill und Alien, von denen lediglich die „Aliens“ zur Kasse gebeten werden.

  • „Linus“-Nutzer (benannt nach dem Linux-Erfinder Linus Torvalds) stellen ihren WLAN-Zugang kostenlos für andere Foneros zur Verfügung und können dafür im Gegenzug selbst kostenlos fremde Zugänge nutzen.
  • Die „Bill“-Vertreter (hier ist natürlich Microsofts Boss Bill Gates Namenspatron) verlangen dagegen eine Nutzungsgebühr, müssen dann aber ebenfalls bezahlen, wenn Sie andere Zugänge benutzen möchten.
  • Die „Aliens“ nutzen das durch „Linus“- und „Bill“-Anwender aufgebaute Fonero-Netzwerk, ohne jedoch selbst Fonero zu sein. Für diese Nutzung müssen sie einen bestimmten Obolus an Fon entrichten, über den sich das Unternehmen schließlich finanzieren soll.

Derzeit ist Fon noch im Beta-Betrieb und man gibt sich optimistisch.

Doch ob es wirklich gelingen wird, alle Sicherheitsbedenken zu zerstreuen und sich gegen mächtige Konkurrenz der großen Telekommunikationskonzerne durchzusetzen? Warten wir’s ab – vielleicht ist ja, wie der SZ-Autor vermutet, die Zeit tatsächlich reif, um die Idee der freien Funknetze endlich Wirklichkeit werden zu lassen.