Anglizismus des Jahres 2010

Dienstag, 28. Dezember 2010, 14.22 Uhr

Zum Jahreswechsel werden wir wieder traditionell mit allerlei „Wörtern“ oder „Unwörtern“ des Jahres belästigt und es steht zu vermuten, dass sich in den Neujahrsausgaben der Zeitungen die sprachlichen Bedenkenträger feinsinnig zu Wort melden, um den Verfall der deutschen Sprache warnend zu beklagen.

Diesem dämlichen Gejammer hat der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch in seinem empfehlenswerten Sprachlog nun einen „Wahlaufruf zum Anglizismus des Jahres 2010“ entgegengesetzt:

Alle hassen englische Lehnwörter. Wir nicht. Wir geben jedem neuen Wort, egal, woher es stammt, zunächst einmal die Gelegenheit, seinen kommunikativen Nutzen unter Beweis zu stellen und vertrauen darauf, dass die Sprachgemeinschaft überflüssige Wörter schnell wieder aussortiert.

Um den mehr oder weniger aufschlussreichen Wahlen zum Wort und/oder Unwort des Jahres, mit denen uns verschiedene Sprachgesellschaften und -vereine uns zum Jahreswechsel beglückt haben oder dies noch tun werden, eine weitere hinzuzufügen, möchten wir den Beitrag, den die englische Sprache zur Entwicklung des Deutschen macht, angemessen würdigen.

Was auf Anhieb wie Satire klingt und vielleicht auch so gedacht war, hat sich inzwischen zu einem, wenn auch ironischen, so doch durchaus ernstgemeinten (und wie ich finde sehr begrüßenswerten) Projekt entwickelt:

Um die Ernsthaftigkeit der Wahl zum Anglizismus des Jahres zu unterstreichen, habe ich die Jury noch um zwei Mitglieder erweitert und außerdem Wahlmodalitäten festgelegt. Wie man sieht, haben wir eine ganz hervorragende Jury und ein sehr transparentes Verfahren, sodass die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2010 der Beginn einer langen und erfolgreichen Tradition werden dürfte.

Vorschläge können mit Begründung bis zum 7. Januar als Kommentar zum Wahlaufruf hinterlegt werden.


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Wolfgang Schadt schrieb am 29. Dezember 2010, um 14.15 Uhr

Bisher war ich der Meinung, Anglizismen sind nicht die Lehnwörter, sondern die Übernahme von Formulierungsgewohnheiten aus dem Englischen. Zum Beispiel habe ich in einer SMS geschrieben: „Soll ich dich dann aufpicken“ was dem „pick you up“ entspricht, oder bekannt ist die Gewohnheit von: „ich denke, dass“ welches “ ich meine, dass“ immer mehr ersetzt.
So erinnere ich mich wenigstens an einen alten Radiobeitrag von Oskar Maria Graf, der Theodor Fontane vorwarf, viele Anglizismen zu verwenden.