Apples Sündenfall

Freitag, 9. Juni 2006, 20.37 Uhr

Es traf die Fans wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Wer schon in Apples Wechsel zu Intel den Abfall von der reinen Lehre des Ganz Anderen sah, fühlte sich in seiner Sorgen aufs Erschreckendste bestätigt. Was bislang eine eher sportliche, aber reichlich sinnlose Herausforderung für Hacker war, bekam über Nacht den Segen von ganz oben. Mit „Boot Camp“ öffnet Apple die Heiligen Hardwarehallen dem Windows-Pöbel. Das Programm ermöglicht die Installation von Windows XP auf Apples Intel-Hardware und macht aus eleganten Mac-only-Computern banale Dual-Boot-Systeme. Allein die Vorstellung, dass man einen Teil der Festplatte dem parasitären Systembefall einräumen müsste, um in den zweifelhaften Genuss zu kommen, nicht mehr von einem melodischen Gong begrüßt zu werden, sondern statt dessen die Frage beantworten muss, ob man lieber mit Mac OS X oder Windows XP booten möchte, kann bei einem Apple-Anwender zu akuter Übelkeit führen. Natürlich, so das Apple-Marketing, habe man auch in Zukunft nichts für Windows übrig und Support für Boot Camp gäbe es auch nicht. Aber die Kunden hätten danach gefragt und bitte sehr, das haben sie jetzt davon. Doch die Apple-Anhänger können sich trösten. Mit Boot Camp hat Apple nicht nur die durch die Hacker-Aktionen bedrohte Deutungshoheit über ihre Hardware zurückgewonnen, sondern einmal mehr bewiesen, dass man auch nach 30 Jahren immer noch in der Lage ist, die gesamte Branche zu überraschen. Und das ist sehr viel mehr als andere IT-Firmen von sich sagen können. Microsoft, zum Beispiel.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, 6/2006