AufgeMODst

Sonntag, 10. April 2005, 20.26 Uhr

Es gibt viele Gründe für den Erfolg des Personal Computers. Einer davon ist seine universelle Erweiterbarkeit. Ein Computer ist in seiner Grundkonfiguration nur eine Basisstation, die sich der Besitzer durch mehr Speicher, größere Festplatten oder Erweiterungskarten für alle nur denkbaren Einsatzzwecke als seinen ganz persönlichen Computer anverwandelt. Doch seitdem die Hersteller immer bessere Geräte für immer weniger Geld auf den Markt bringen, bietet selbst der PC vom Discounter mehr Rechenleistung, als man jemals benötigt. Heute muss niemand mehr seinen PC aufschrauben, um die letzten Leistungsreserven aus der Maschine zu kitzeln oder das Zusammenspiel der Komponenten zu verbessern. Schlechte Zeiten für die Spezies der PC-Schrauber.

Was aber macht der passionierte Computer-Bastler, wenn es eigentlich nichts mehr zu basteln gibt? Ganz einfach: Er erfindet sich neu und wird zum »Casemodder«. Das bedeutet so viel wie »Gehäuse-Modifizierer«, was allerdings nicht halb so cool klingt – womit man bereits dem Sinn des »Casemoddings« auf die Spur gekommen ist. Zielten frühere PC-Basteleien generell auf mehr Leistung, so hat der Casemodder die Gefilde derart profanen Nützlichkeitsdenkens hinter sich gelassen. Nicht das Rechner-Tuning, sondern der schönen Schein treibt ihn an. Der Computer soll nicht besser, er soll schöner werden.

Wenn man etwa ein Loch in die Gehäusewand seines Computers sägt, dieses mit Plexiglas verkleidet und das Innere der Maschine mit allerlei Leuchteffekten ausrüstet – zum Beispiel mit LEDs auf dem Prozessorkühler, die, je nach Geschwindigkeit des Lüfters, unterschiedliche Lichtspiele erzeugen –, so ist das nicht nur auf dem ersten Blick völlig unnütz, sondern auch auf dem zweiten. Aber es sieht cool aus. Ein nach allen Regeln der Modderkunst bearbeiteter PC ist ein filigranes Meisterstück aus Plexiglas, optischen Effekten, verblüffenden Anbauten und Gehäusedeformationen, der dennoch – darauf legen die Casemodder großen Wert – als normaler Computer eingesetzt werden kann.

Einen Schritt weiter als die Casemodder gehen die »Casecons«, die kein industrielles Seriengehäuse modifizieren, sondern ein komplett neues Computer- Outfit entwerfen und anfertigen, in dem das Innere des Computers besser zur Geltung kommt als im umgebauten Standard-Chassis. So wird etwa ein Computer auch schon mal in Holzgehäusen installiert oder in die Form eines PS-starken Motors gebracht.

Was nach eine verrückte Spielerei einer Handvoll Technikfreaks klingt, hat nicht nur weltweit eine große Fangemeinde, sondern auch einen veritablen Markt an Zubehör, Bauteilen und Spezialwerkzeugen hervorgebracht. Inzwischen gehören beleuchtete Lüftern oder durchsichtige Gehäuseteile zum Standardangebot der Elektronik-Fachmärkte. Das Casemodding ist inzwischen derart populär geworden, dass die Zeitschrift »Chip« einen eigenen Modding-Wettbewerb ausrufen konnte oder die Deutsche Casemod Meisterschaft Mitte April nun schon zum fünften Mal statt findet.

Die Ergebnisse dieser Aktionen sind häufig beeindruckend, mitunter verblüffend – nur eines können sie schließlich doch nicht verbergen. Ganz gleich, wie extravagant die Verkleidung auch ist, wie futuristisch das Gehäusedesign auch wirkt: Im Innern werkelt am Ende doch immer nur ein ganz normaler Computer.

Zuerst erschienen in: Sonntagsblick Magazin (CH), 10. April 2005


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