»Babel und Bibel« meets Bod

Dienstag, 5. Mai 2015, 14.45 Uhr

Cover von Babel und Bibel, Reprint Beim Stöbern in alten Backups gefunden: eine Rezension, die ich 2004 für den Beobachter an der Elbe geschrieben habe. Und da es im Blog wieder einmal sehr still ist, lege ich das mal hier ab. Die hier besprochene Ausgabe ist übrigens immer noch lieferbar und liegt inzwischen auch als kostenloses E-Book vor.

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Mays »Arabische Fantasia« als Reprint bei Books on Demand

Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein. Hier ist ein Märchen von übermorgen. Es gibt keine Verlage mehr, es gibt nur noch Leser und ein weltweites Datennetzwerk. Der Begriff »Auflage« ist abgeschafft, man druckt bei Bedarf. Mit heute noch unvorstellbarer Geschwindigkeit kann jeder Leser das Buch seiner Wahl im Druckautomaten produzieren lassen. Einer dieser Automaten ist Bod. Winziger Teil eines gigantischen Informationssystems, das die Menschheit mit Büchern versorgt.

Nein, ganz so »Raumschiff Orion«-mäßig geht es, Märchen, May & Technik hin oder her, denn doch noch nicht zu. Also etwas nüchterner: Books on Demand (Bod) ist ein Angebot des Barsortimenters Libri, das die Möglichkeiten digitaler Buchproduktion nutzt. Statt wie sonst üblich Bücher in einer bestimmten Auflage zu drucken und vorrätig zu halten, wird bei Bod ein Buch erst dann produziert, wenn es einen Käufer gefunden hat. Gedruckt wird nach Eingang der Bestellung, die Auslieferung erfolgt über die üblichen Vertriebswege. Da ein Bod auch eine ISBN besitzt, kann es problemlos über jede Buchhandlung bezogen werden.

Als 1998 die ersten Titel als Bod herauskamen, erntete das System noch Spott und galt als billiger Verlagsersatz für verzweifelte Hobbyautoren, die keinen Verlag gefunden haben. War der Spott schon damals unangebracht – was ist so albern daran, wenn sich jemand den Herzenswunsch nach einem eigenen Buch erfüllt? –, ist er heute vollends obsolet geworden.

Natürlich finden sich bei den derzeit rund 11.000 Titeln auch zahlreiche Werke, die nur den Autor interessieren, doch inzwischen hat sich Bod als wichtiges Angebot für Klein- und Kleinstverleger etabliert. Heute erscheinen bei Bod regelmäßig Dissertationen, haben Verlage das Verfahren als preisgünstige Methode zur Pflege der Backlist entdeckt und sorgt Bod immer wieder dafür, dass veritable Raritäten wieder problemlos lieferbar sind.

Eine dieser Raritäten ist Karl Mays »Arabische Fantasia in zwei Akten«: Ralf Schönbach legt bei Bod »Babel und Bibel« als Reprint der Erstausgabe von 1906 vor. Wer wissen möchte, was mit heutiger Technik auch für den engagierten Privatmenschen möglich ist, der schaffe sich dieses Buch an und staune. Schönbach hat Mays einziges Drama am heimischen Computer mit viel Liebe zum Detail druckfertig aufbereitet und die fertigen Daten von Bod produzieren lassen. Selten ist ein Reprint derart fehler- und fleckenlos, und man kann nur mutmaßen, wie viel Zeit Schönbach beim Bereinigen der eingescannten Seiten investiert hat, um ein derart sauberes Druckbild zu erreichen.

Die Papierauswahl ist einer der Stolpersteine bei Bod, der schon so manchen Selbstverleger zu Fall brachte. Bod bietet 90g-Papier in den Farben Weiß und Chamois an. Viele Kunden wählen automatisch Weiß – und erhalten ein Buch, in dem sattes Schwarz auf hellem Weiß eine mitunter arg kontrastreiche Verbindung eingeht. Für den »Babel und Bibel«-Reprint wurde glücklicherweise das augenfreundliche Chamois gewählt.

Neben dem vollständigen Nachdruck der Erstausgabe von 1906 bietet der Band noch erläuternde Nachbemerkungen zur Textgeschichte des Dramas und im sauberen Faksimile drei Seiten aus Mays Manuskript.

Dass der Reprint nicht nur für May-Sammler interessant ist, die gern einen Blick in die Erstausgabe werfen möchten, sondern auch für genaue Leser von Mays Werk, belegt bereits ein kursorischer Vergleich der Textfassung des Dramas, die 1998 im Rahmen der »Gesammelten Werke« im Karl-May-Verlag erschien. »Babel und Bibel« findet sich hier in Band 49 auf den Seiten 283–453. Zwar stützt sich diese Fassung, wie es im Vorwort heißt, auf den »manchmal etwas unpolierten, aber präzisen Wortlaut der Erstausgabe von 1906«, doch so ganz ohne schleifende Politur geht es beim KMV anscheinend trotzdem nicht. So ist der Abdruck im Ganzen zwar von einer lobenswerten und ansonsten leider nicht selbstverständlichen Texttreue, kann sich aber glättende Eingriffe bei den grammatischen Formen und einigen Schreibweisen nicht versagen.

Man mag es für eine zu vernachlässigende Petitesse halten, aber es ist ein Unterschied, ob es in einem Text »Beim Anfange des Schattenspieles« heißt, von einem »Muhammedaner« die Rede ist, bestimmte Begriffe gesperrt und arabische Namen und Begriffe durchgängig mit diakritischen Zeichen versehen werden – oder ob man dergleichen der leichteren Lesbarkeit wegen zu »Beim Anfang des Schattenspiels« und »Mohammedaner« einebnet, Sperrungen nur selektiv übernimmt und auf diakritische Zeichen praktisch völlig verzichtet.

Das sind, wie gesagt, Winzigkeiten der Textgestalt, doch ohne Einfluss auf die Textwahrnehmung sind sie nicht. Im Reprint betont beispielsweise die im Deutschen ungewohnte Fülle diakritischer Zeichen den seltsamen Exotismus des Werks und unterstreicht so den metaphorischen Charakter des Mayschen Orients. Während der Neusatz die eigentümliche Fremdheit des Mayschen Textes zum Teil beschädigt, wird dieser so wichtige Aspekt des Werkes im Reprint bewahrt. Ebenfalls eine Kleinigkeit der Textgestalt ist die saubere und sehr gut lesbare Textverteilung der Erstausgabe – unschöne Umbrüche und veritable Hurenkinder, wie sie im Neusatz etwa auf den Seiten 340 und 438 zu finden sind, gibt es hier nicht.

Alles in allem ist Ralf Schönbachs »Babel und Bibel«-Reprint eine sehr erfreuliche Neuerscheinung, von der man hoffen kann, dass sie anderen – und nicht nur engagierten Privatiers – als Vorbild dienen möge.

Karl May: Babel und Bibel. Reprint der ersten Buchausgabe Freiburg 1906. Hg. von Ralf Schönbach. Mit einer Nachbemerkung und drei Faksimiles. Paperback. 211 Seiten. ISBN 3-8334-1722-6. 12,80 Euro.


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