Bärenjagd

Mittwoch, 28. Mai 2008, 14.33 Uhr

Eine der eindrücklichsten Stellen in Karl Mays zeitlosem Jugendroman Winnetou I ist der Kampf mit einem Grizzly, den der nur mit zwei Revolvern und einem Messer bewaffnete Old Shatterhand im Zweikampf erlegt. Diese Stelle habe ich kürzlich einem Bekannten geschickt, der sich für einen Urlaub in den Wäldern Kanadas rüstete. Dann kam ich auf die Idee, den originalen Karl-May-Text mit der Bearbeitung durch den Karl-May-Verlag zu vergleichen. Das Ergebnis war so niederschmetternd wie ein Schlag gegen die Schläfe.

Dass der Text hier und da modernisiert wurde, war mir natürlich vor dem Vergleich klar. Aber wie weit selbst diese als moderat geltende Bearbeitung von immerhin Hans Wollschläger verfälschend in den Text eingreift, ist schon erstaunlich. Ich habe nur zwei, drei Seiten (Fehsenfeld-Reprint: S. 99 ff.; KMV: S. 93 ff.) verglichen, dann hat’s mir erstmal gereicht.

Drei, fünf, neun

Da heißt es bei May etwa, ein Grizzly werde bis neun Fuß lang und der Ich-Erzähler gibt stolz an, er habe Exemplare erlegt, welche ebenso viel Center schwer waren.

Veraltete Maßeinheiten (Fuß, Centner) werden durch den KMV immer nach dem aktuellen Stand modernisiert. In den 60er Jahren (aus denen diese Bearbeitung stammt) war »Zentner«  noch eine übliche Maßeinheit. In der KMV-Ausgbe wird also die Zentner-Einheit beibehalten, aber die Fuß-Angabe in Meter modernisiert.

Schon bei diesem simplen Beispiel wird das Problem der Bearbeitung deutlich. Denn wenn die Maßeinheit aktualisiert wird, dann funktioniert die weltmännisch-lässige Verknüpfung von Größe und Gewicht nicht mehr, die Mays Ich-Erzähler so problemlos vornehmen kann.

Dann ist ein Grizzly aufgerichtet bis zu drei Meter hoch, was einer ungefähren Umrechnung der (sächsischen) Fuß-Angabe entspricht. Aber was macht man jetzt mit dem Gewicht? Soll sich Old Shatterhand plötzlich nur noch mit Drei-Zentner-Bären herumgeschlagen haben, wo er es bei May doch mit dreimal so wuchtigen Wildtieren aufnimmt? Nein, so sehr wollte ihn sein Bearbeiter nun auch wieder nicht zurechtstutzen. Aber auf neun Zentner wollte er es auch nicht mehr kommen lassen. Da kam es dann zu folgender Kompromissbildung: und ich habe Grizzlies erlegt, die fünf Zentner wogen.

[Ergänzung vom 2. Juni: Wenn man der Wikipedia glauben darf, hat May an dieser Stelle das mögliche Gewicht eines Grizzly übrigens nicht übertrieben. Neun Zentner entsprechen 450 kg, ein Grizzly kann bis zu 680 kg wiegen.]

Also 

Im Original lässt May nach seiner etwa gestelzt-korrekten Beschreibung des Bären ein grammatisch fragwürdiges, aber umgangssprachlich-direktes Also ich sprang ins Gebüsch folgen und den Text unvermittelt wieder in Handlung umschlagen. Die Bearbeitung glättet das zu einem bedächtigen Ich sprang also ins Gebüsch.

Spurensuche

Der Grizzly, der das Lager überfällt, scheint aus dem Nichts gekommen zu sein – warum haben ihn die Westmänner nicht rechtzeitig bemerkt? Während Old Shatterhand zum Schauplatz des Geschehens rennt, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen:

Dorthin hatte der Bär den Bullen geschleppt.  Von dorther war er vorher gekommen;  darum hatten wir seine Spur nicht sehen können, da sie durch das Fortschleifen des Bisons ausgelöscht worden war.

Auch hier gilt, dass die Grammatik hinter dem Spannungsbogen zurücktreten muss. May nutzt eine vorwärts drängende Alliteration – Dorthin hatte … Von dorther war er … darum hatten … da sie  und kümmert sich nicht darum, dass der Satz am Ende ins Stolpern gerät. Was angesichts der sich überschlagenden Ereignisse ohnehin nur angemessen ist.

Der Bearbeiter mochte das allerdings so nicht stehen lassen. Zwar hebt Old Shatterhand auch hier mit Dorthin hatte… Von dort her war er an, aber dann ist die Luft raus und der ordentliche Satzbau siegt über das atemlose Geschehen:

Wir hatten seine Spur nicht sehen können, da sie durch das Fortschleifen des Bisons ausgelöscht wurde.

Fauchen und Brummen

Bei May ist der Grizzly ein Monster, das nichts mehr gemein hat mit dem vielleicht gefährlichen, aber doch auch knuddligen Brummbären wie Knut, Bruno oder Flocke. Das besonders Dämonische des Bären zeigt sich darin, dass er über keine Stimme verfügt. Er brummt nicht, er faucht:

Ich kam mit jedem Sprunge, den ich that, näher; jetzt hörte ich die Stimme des Bären, oder vielmehr nicht die Stimme, denn auch dadurch, daß es keine Stimme hat, unterscheidet sich dieses gewaltige Tier von den andern Bärenarten; es brummt nicht, sondern sein einziger Laut in Zorn oder Schmerz ist ein eigentümliches, lautes und rasches Schnauben und Fauchen.

Doch da kannte May seinen späteren Bearbeiter schlecht. Der nämlich mochte scheint’s keine fauchende Bären, setzte den Rotstift an schrieb statt dessen:

Mit großen Sprüngen näherte ich mich der Stelle. Jetzt hörte ich das markdurchdringende Brummen des Bären.

Ein, zwei, drei, vier

Old Shatterhand schießt dem Bären in die Augen – und zwar genau viermal: … und schoß ihn ein=, zwei=, drei=, viermal in die Augen. Bei jedem Schuss ist der Leser hautnah dabei, die Spannung steigt.

In der KMV-Ausgabe lässt man es etwas ruhiger angehen und nimmt es mit der Anzahl der Schüsse nicht gar so genau: … und schoß ihm drei-, viermal in die Augen.

 


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Keine Kommentare zu „Bärenjagd“

coolcat schrieb am 28. Mai 2008, um 16.20 Uhr

…aber abgesehen von der sprachlichen Verhunzung würde ich doch gerne vorgeführt bekommen, wie man dem Bären mit dem Bowiemesser viermal in die Augen schießt.

Stimmt, das war missverständlich formuliert.

Und was wirft das für ein Licht auf den sonst so sprachpuristischen Hans Wollschläger?

Schöne Analyse !

Dirk Sohns schrieb am 2. Dezember 2008, um 4.40 Uhr

Hmm, ich finde die Bearbeitung seitens des KMV einfach unerträglich, und vor allem sinnentstellend.

Beim Lesen der Originalstellen (obige Zitate) stelle ich mir tatsächlich jemanden vor, der ein Erlebnis ERZÄHLT (sei es Abends am Lagerfeuer oder sonstwo), während die bearbeiteten Stellen ein nüchternes Schriftdeutsch sind, die keinerlei Lebendigkeit besitzen (abendliche Notizen ins Tagebuch)