„Bei Timpes Erben!“

Dienstag, 5. Mai 2015, 15.06 Uhr

Und noch ein Fundstück von der Festplatte, das schon allein deshalb hier gelagert weden soll, weil ich die Originaldatei dank Apples mitunter sehr rigider Update-Politik nur noch mit Mühen & Tricks öffnen konnte. Diese Rezension habe ich 2008 für den Beobachter an der Elbe geschrieben.

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Die historisch-kritische Ausgabe der Werke Karl Mays wird fortgesetzt

Eine historisch-kritische Ausgabe ist ein immer riskantes Unterfangen. Der Anspruch ist hoch, der Arbeitsaufwand enorm, und das verlegerische Risiko kaum abwägbar. So gehörte schon eine gute Portion zuversichtlicher Tollkühnheit dazu, als Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger 1987 bekannt gaben, sie hätten die Arbeit an einer auf 99 Bände ausgelegten, historisch-kritischen Ausgabe der Werke Karl Mays in Angriff genommen.

Das ehrgeizige Unternehmen, das rasch unter dem Kürzel „HKA“ bekannt wurde, geriet nach einem verheißungsvollen Start in allerlei Turbulenzen und mehr als einmal hatte es in den folgenden 20 Jahren den Anschein, die Ausgabe werde das Schicksal vieler ambitionierter historisch-kritische Editionen teilen und als fragmentarischer Torso scheitern.

Doch mitunter geschehen auch in editorischen Dingen Zeichen von Wunder. In einer von Hans Wollschläger angeregten und nachgerade historischen Kooperationen, die noch vor wenigen Jahren als utopischer Wunschtraum erschienen wäre, haben sich die die Karl-May-Gesellschaft, die Karl-May-Stiftung und der Karl-May-Verlag zusammengefunden, um das große Projekt der HKA gemeinsam weiter- und zuendezuführen.

Die Verhandlungen waren langwierig und, so weit man das als Zaungast sagen kann, wohl auch kompliziert, doch jetzt können wir die erste Frucht des ungewöhnlichen Bündnisses in Händen halten: Mit dem Band „Der schwarze Mustang“ wird die seit langer Zeit ins Stocken geratene Arbeit an der Edition mit frischem Mut und vereinten Kräften wieder aufgenommen.

Der Band passt sich in Aufmachung und Optik fast nahtlos in die Reihe der bisherigen Bände ein, so dass sich Sammler nicht sorgen müssen, die langersehnte Fortführung der Edition durch hässliche Brüche im Bücherbord erkaufen zu müssen. Der ursprüngliche Editionsplan wurde zwar hier und da an den neuesten Forschungsstand angepasst und marginal verändert, aber dergleichen ist bei so langwierigen Projekten, wie es eine historisch-kritische Ausgabe von Haus aus nun einmal ist, ein völlig normaler und nicht weiter verwunderlicher Vorgang.

Wichtiger ist da schon die Entscheidung der Herausgeber, die Bände der HKA an die Gepflogenheiten wissenschaftlicher Editionen anzupassen und ihnen eine hier übliche Zeilenzählung mit auf den Weg zu geben. Dergleichen erleichtert natürlich die exakte Lokalisierung von Zitaten und ist bei der wissenschaftlichen Textarbeit eine große Hilfe, läuft aber immer Gefahr, die Lesefreude durch optisches Sperrfeuer zu trüben. Doch auch Kritiker von eingedruckten Zeilennummern können aufatmen – die Zählung ist in diesem Fall so dezent geraten, dass sie sich bei der Lektüre allenfalls auf den ersten Seiten als leichte Irritation bemerkbar machen, die sich aber sehr schnell verliert.

Der nun vorliegende Band enthält nicht nur die titelgebende Erzählung „Der schwarze Mustang“ (1896/1897), sondern auch die kleineren Texte aus dem „Guten Kameraden“. Bei diesen Arbeiten ist die Autorschaft Mays zwar nicht völlig gesichert, aber es gibt mehr als hinreichende Indizien, um sie ihm mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben. Dazu gehört etwa ein undatiertes Schreiben Wilhelm Speemanns, in dem dieser May um Erzählungen zu verschiedenen Illustrationen bittet (die entsprechenden Illustrationen werden im Band zusammen mit der dazugehörenden Erzählung abgedruckt).

Anschließend werden die mit dem Pseudonym „Hobble-Frank“ unterzeichneten Beiträge in der Rubrik „Fragen und Antworten“ des „Guten Kameraden“ wiedergegeben. Auf den Seiten 453 bis 462 stehen schließlich eine Reihe kürzester Texte aus den „Briefkastenantworten“ im „Guten Kameraden“, die hier erstmals zusammengestellt und als May-Texte identifiziert werden. Natürlich lässt sich auch hier die Autorschaft Mays nicht mit völliger, aber doch hinreichender Sicherheit feststellen.

Bei der Durchsicht der „Kamerad“-Bände ist dem Herausgeber auch ein kurzer Brief eines gewissen „Mardin Appelboom“ aufgefallen, der sich als „Bedinder of Vihla Bährenfed“ ausgibt und ebenfalls wohl von Karl May ersonnen sein durfte – womit das Figurenpersonal des May’schen Kosmos unversehens um einen bislang wohlverborgenen Neuzugang bereichert wurde.

Bleibt zu hoffen, dass der HKA mit diesem erfreulichem Neustart neues Leben eingehaucht wurde und die folgenden Bände zügig erscheinen wird. Doch da kann man wohl guten Mutes sein: der nächste Band („Der Ölprinz“) ist noch für dieses Jahr angekündigt.

Karl May: Der schwarze Mustang und andere Erzählungen und Texte für die Jugend. Hg. v. Joachim Biermann und Ruprecht Gammler. [= Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe für die Karl-May-Stiftung. Abteilung III. Band 7.] Karl-May-Verlag: Bamberg, Radebeul 2008. 530 Seiten. ISBN 978-3-7802-2050-9. 39,90 Euro. – Der Band ist nicht im Buchhandel erhältlich und wird ausschließlich über die Karl-May-Stiftung vertrieben.