Bestseller aus dem Netz

Mittwoch, 24. Mai 2000, 17.22 Uhr

Das Konzept „Books on demand“ bewährt sich – Profi-Autoren steigen jetzt ein

Guido Keller ist zufrieden: Das von ihm übersetzte Buch „Hagakure“ des japanischen Mönchs und Samurais Yamamoto Tsunetomo verkauft sich gut. Wie gut, verrät er zwar nicht, aber „eine fünfstellige Auflage innerhalb von vier Monaten“ klingt nach einem respektablen Bestseller. Zum Erfolg trug hier zu Lande Jim Jarmuschs Film „Ghost Dog“ bei. Dort zitiert der Hauptdarsteller immer wieder die Kriegerweisheiten des 18. Jahrhunderts. Keller sah den Film im Oktober 1999, war begeistert und wollte die zitierten Texte im Zusammenhang nachlesen. Überrascht musste er feststellen, dass es keine deutschsprachige Ausgabe der Samurai-Bibel gab. Kurz entschlossen schritt er zur Tat, besorgte sich die Übersetzungsrechte und kaum zwei Monate später, noch vor dem Filmstart am 6. Januar 2000, lag Hagakure in einer deutschen Übersetzung vor.

Die verblüffend kurze Produktionszeit verdankt Libri dem Konzept „Books on demand“, kurz BoD. Dabei wird, die fortschreitende Digitalisierung macht es möglich, ein Buch erst dann gedruckt, wenn es einen Käufer gefunden hat. Produziert wird nach Eingang der Bestellung auf Maschinen, die an etwas zu groß geratene Kopiergeräte erinnern. Die Geräte werden mit der digitalen Druckvorlage gefüttert, und wenige Minuten später liegt das versandfertige Buch vor.

Doch BoD zeichnet sich nicht so sehr durch den Produktionsprozess aus – heute kann jeder mit seinem Manuskript auf Diskette zum nächstbesten Copyshop gehen und sich sein persönliches Buch drucken und kleben lassen. Entscheidend bei Libris System ist die Kombination moderner digitaler Drucktechnik für Kleinstauflagen mit dem klassischen Vertriebskanal des Buchhandels. BoD wickelt nicht nur die Bestellung ab, sondern sorgt auch dafür, dass es überhaupt etwas zu bestellen gibt: Jedes der Books on demand besitzt eine ISBN, die eine private Blättersammlung erst in ein Buch verwandelt, das weltweit bestellt werden kann.

Die Vorteile von BoD liegen auf der Hand: Wenn ein Buch nur bei Bedarf gedruckt wird, entfallen Lagerkosten samt Logistik und das Wort „vergriffen“ verschwindet aus dem Wortschatz – jeder Titel ist jederzeit lieferbar. Auch die Produktionskosten reduzieren sich bei diesem Verfahren auf ein Minimum, es fällt lediglich eine einmalige Grundgebühr von wenigen hundert Mark für die Erstellung des Druckmasters und den ISBN-Eintrag an. Rund 600 Mark musste zum Beispiel Guido Keller für die Produktion von Hagakure zahlen, die Einnahmen sind dagegen „deutlich fünfstellig“.

Kein Wunder, dass das Interesse am Buchdruck bei Bedarf seit der Einführung vor rund einem Jahr kontinuierlich steigt. Herrschte anfangs noch Spott über den Copyshop als Verlagsersatz für hoffnungslose Hobbyautoren vor, die die Welt partout mit ihren Werken beglücken wollen, so sehen heute manche Kritiker schon den Untergang des klassischen Verlagswesens heraufdämmern. Doch damit wird es noch gute Weile haben. Zwar ist Hagakure nicht der einzige erfolgreiche Titel bei BoD – auch von Erhardt Scholz Biografie eines Stasi-Opfers „Die Stadt der kranken Gehirne“ oder Roman Rauschs Krimi „Tiepolos Fehler“ wurden bislang mehrere Tausend Exemplare verkauft – aber eine fünfstellige Auflage mit entsprechend hohen Einnahmen ist die bekannte Ausnahme der Regel. Schließlich wird ein bislang unverkäufliches Buch nicht dadurch zum Bestseller, weil es bei BoD erscheint – nur die Verluste halten sich im überschaubaren Rahmen. Zum anderen stehen den Vorteilen handwerkliche Mängel gegenüber. Zwar verspricht Libri, es sei „kein Qualitätsunterschied zum traditionellen Druckverfahren erkennbar“, doch zwischen einem üblichen Book on demand und einem hochwertigen Taschenbuch liegen Welten. So hat der Verleger in spe lediglich fünf unterschiedliche Standardformate zur Auswahl, gedruckt wird auf weissem 90g-Papier, das eher an Schreibmaschine und Fotokopie als an ein Buch erinnert und durch den hohen Kontrast von schwarzer Schrift auf weißem Grund dafür sorgt, dass die BoD-Lektüre eine mitunter anstrengende Angelegenheit ist. Einziger Farbklecks im harten Schwarzweißkontrast ist der Umschlag, der aus vierfarbig bedrucktem und laminiertem 200-Gramm-Karton besteht und getreulich jeden Fingerabdruck bewahrt.

Die etwas enttäuschende Produktionsqualität eines BoD ist es denn auch, was Leser am häufigsten monieren. „Inhalt gut, Buch grauenhaft“ resümieret etwa ein Hagakure-Käufer aus Heidelberg beim Internet-Buchhändler Amazon und macht seinem Ärger deutlich Luft: „Nicht einmal das schlechteste Taschenbuch ist so mies verarbeitet wie Hagakure“. Ein anderer Leser spricht von „miserabel gedrucktem Papier“, ein dritter findet, ein BoD verdiene die „Bezeichnung Buch im gewohnten Sinne gar nicht“.

Doch ganz so schlimm ist es nicht, nicht immer liegt die Schuld beim System. Die Druckqualität bei BoD hängt direkt von der eingereichten Druckvorlage ab – und aus einem unsauber ausgedruckten, fehlerhaften und schlecht gesetzten Manuskript kann auch BoD kein bibliophiles Meisterwerk machen. Ein professionell gestaltetes Manuskript in Form einer druckfertigen digitalen Datei bringt das BoD-Endergebnis allerdings sehr nah an die gewöhnliche Taschenbuchqualität. Auch bei Büchern auf Bestellung wird das verlegerische Wissen und Handwerkzeug wie Layout und Lektorat benötigt. Verlage werden also nicht überflüssig, es eröffnen sich ihnen im Gegenteil neue Perspektiven. Für den Krimiautor Fred Breinersdorfer steht es daher auch außer Frage, dass sich „die Verlagslandschaft in Kürze auf BoD einstellen wird“. Sein Kollege Horst Bosetzky, Krimi-Lesern besser bekannt als „-ky“, stellt fest: „Vier Fünftel der Kollegen sind begeistert“. Skeptikern rät er: „Sehen Sie sich die Bücher selber an: sie sind von einem ,normalen‘ Taschenbuch nicht zu unterscheiden“.

Breinersdorfer und Bosetzky, beides arrivierte und bekannte Autoren, deren Büchern bei Rowohlt, Heyne und anderen Verlagen erscheinen, gehören seit der Leipziger Buchmesse im März ebenfalls zu den BoD-Autoren. Sie veröffentlichen ihre Texte beim „Verlag der Criminale“, den der ehemaligen Ullsteinverleger Wolfram Göbel zusammen mit der Autorenorganisation „Das Syndikat“ ins Leben gerufen hat.

Ziel des Verlags der Criminale ist es, vergriffenen Krimis via BoD erneut zugänglich zu machen. 20 Titel von 19 Autoren sind aktuell im Programm, darunter nicht nur neu aufgelegte Klassiker, sondern auch zwei Erstausgaben. Für Autoren wie Breinersdorfer ist das eine feine Sache – sein Roman „Der Hammermörder“ erschien erstmals als Hardcover-Ausgabe, danach als Taschenbuch bei Rowohlt und Heyne. Mit BoD bietet sich ihm nun die Möglichkeit, den inzwischen vergriffenen Roman lieferbar zu halten und mit seinem Werk weiterhin Geld zu verdienen: „Dem System gehört die Zukunft. Die Datensätze halten länger als die Backlist der Verlage in dieser Zeit.“ Genau, pflichtet Jungautor Roland Rausch dem versierten Profi bei: „BoD ist ein geiles System.“

Zuerst in: Die Welt, 24. Mai 2000


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