Can’t buy me love

Montag, 12. Februar 2001, 14.29 Uhr

Was kriegt man für rund 60 Millionen? Einen Artikel im Time Magazine. Immerhin.

Angeschlagen, aber nicht ausgezählt: Napster wurde von den US-Bundesrichtern zwar kräftig vermöbelt, bleibt aber online, mehr als 60 Millionen Nutzer atmen auf. Und nicht nur die – das Urteil sei „ein wichtiger Schritt nach vorn“, tröstet man sich bei Bertelsmann, wo man die kostenlose und dezentrale MP3-Tauschbörse im Sommer in einen kostenpflichtigen, zentral organisierten Abo-Service umwandeln will. Rund 60 Millionen Mark soll Bertelsmann für Napster gezahlt und dafür, so das Gütersloher Kalkül, Zukunftstechnologie und eine der größten Communities im Netz bekommen haben. Wenn man sich da mal nicht verrechnet hat: Bei näherem Hinsehen könnte sich der Napster-Coup als peinlicher Rohrkrepierer entpuppen und ernste Zweifel an der Netzkompetenz der Bertelsmänner nähren. Napster zeichnet sich nicht durch technologischen Vorsprung, sondern durch eine jener genial einfachen Ideen aus, von denen das Netz lebt und die, sind sie erst einmal in der Welt, jedermann umsetzen und weiterentwickeln kann: Schon längst gibt es bei Gnutella oder Freenet ein reges Tauschleben jenseits von Napster. Bleibt die umworbene Community – doch ob es die im Sommer noch geben wird? Wie schnell sich eine gewachsene Netz- Gemeinschaft in das Nichts verflüchtigt, aus dem sie entstand, lehrten die Wanderbewegungen zwischen E-Bay, E-Hammer & Co.: Ändert einer die Gesetze, nach denen er angetreten, verschwinden die Kunden zur Konkurrenz. Für die Napster- Nutzer kommt’s gleich knüppeldick. Die sollen nicht nur für etwas bezahlen, was es früher umsonst gab, sie bekommen obendrein das genaue Gegenteil des ursprünglichen Konzeptes. Was die betrogenen Napster-Liebhaber halten soll, wenn es Napster de facto nicht mehr gibt, bleibt rätselhaft. Den kargen Rest muss Bertelsmann dann gegen die Konkurrenz verteidigen, schon planen Sony und Vivendi den Musikversand via Internet. Immerhin: Das Time-Magazine widmete Thomas Middelhoff nach dem Napster-Deal eine mehrseitige Geschichte. Ist doch auch was.

Zuerst in: Kress-Report, 7/2001


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