Cebit? Nein, danke!

Sonntag, 13. März 2005, 20.29 Uhr

Wissen Sie, was für mich das Schönste an der alljährlichen Cebit ist? Dass sie ohne mich statt findet. Ich habe diese grauenhafte Veranstaltung zu oft ertragen müssen, als dass ich jemals wieder freiwillig die Hölle in Hannover betreten werde.

Die Cebit ist, darauf sind die Veranstalter mächtig stolz, die größte Computermesse der Welt. Und genau so sieht sie auch aus. Sie ist der ultimative Messe-Overkill, eine grausige Großveranstaltung, von der wenige Tage genügen, damit schon der bloße Gedanken an einen Computer für würgende Übelkeit sorgt.

Die Cebit ist nicht einfach nur voll oder gut besucht, sie ist ein Gewimmel von Menschen, das sich durch die Gänge der riesigen Hallen ergießt und jeden verschlingt, der versucht, von einem Stand zum anderen zu gelangen.

Wer einen Cebit-Besuch in der Hoffnung plant, einen Blick auf die neuesten Entwicklungen der IT-Branche werfen zu können, der sollte besser zu Hause bleiben. Die erhofften Neuheiten wird er, wenn überhaupt, nur aus der Ferne zu sehen bekommen und viel zu sehr damit beschäftigt sein, auf der mehr als 300.000 Quadratmeter großen Ausstellerfläche das gesuchte Angebot zu finden, bevor er bemerkt, dass ihm ohnehin mehrreihig die Sicht verstellt ist.

Sollte es ihm tatsächlich gelingen, in die Reichweite der angeblichen Neuheiten zu gelangen, wird er ernüchtert erkennen, dass auch ein neuer Computer am Ende doch nur ein Computer ist und die PC-Hersteller nichts anderes als Hütchenspieler und Trickbetrüger sind, die noch die langweiligste Wiederkehr des Immergleichen lauthals als bahnbrechende Innovation ausschreien. Bedeutet „Neu“ in einer Branche, deren einziger Qualitätsmaßstab die schiere Quantität ist, doch nichts anderes als: Immer mehr vom längst Bekannten.

Bis man zu dieser Erkenntnis gelangt ist, hat man sich bei seinen endlosen Märschen zwischen den Hallen auf dem wind- und regengepeitschen Freigelände – die Cebit findet traditionell bei ausgesucht miesem Wetter statt – schon längst wunde Füße und einen besonders hartnäckigen Katarr eingehandelt.

Irgendwann hat man von all dem übergenug. Man möchte nur noch erschöpft in einen Stuhl sinken und in Griffnähe ein wärmendes Getränk wissen. Hier hat man die Wahl zwischen dem Messe-Restaurant, das jede Pommesbude zum Inbegriff freundlicher Gastlichkeit werden lässt und einiger weniger, auf dem Gelände verteilter Imbissstände, an denen sich die vollends Verzweifelten drängeln.

Flucht in die Stadt Hannover ist ausgeschlossen, zur Cebit-Zeit ist der gesamte Landstrich nur ein Wurmfortsatz des Messe-Molochs mit hoffnungslos überfüllten Kneipen und überteuerten Unterkünften im norddeutschen Niemandsland. Ein normales Hotelzimmer ist zur Cebit praktisch nicht zu bekommen und man ist auf die Unterkünfte bei privaten Vermietern angewiesen, die ihre Kinder für eine Woche aus dem Haus jagen, um deren Zimmer an messemüde Besucher zu verhökern. Auf diesem Geschäftsmodell basieren ganze Neubausiedlungen im Hannoveraner Umland.

Wer nach einigen Tagen Messe endlich wieder nach Hause kommt, macht in der Regel eine finstere Bilanz auf. Als bleibendes Andenken hat man aus Hannover kaum mehr mit gebracht als verletzte Füße, lang anhaltenden Husten, schmerzhafte Heiserkeit und schlecht riechende Kleidung, die man am besten gleich verbrennt.

Zuerst erschienen in: Sonntagsblick Magazin (CH), 13. März 2005