Chrome OS; oder: Die Rückkehr des Dumb Terminals

Montag, 23. November 2009, 1.15 Uhr

Vor ein paar Tagen stellte Google erstmals öffentlich sein neues Betriebssystem Chrome OS vor. Das, was bislang als „Windows-Killer“ gehandelt wurde, entpuppte sich als ziemlich clevere Webappliance.

Fällt die erwartete OS-Revolution also aus? Nicht ganz, sie sieht nur anders aus, als manche vielleicht erwartet haben.

Holen wir mal etwas weiter aus und lassen die Geschichte der Computer-Entwicklung im Zeitraffer ablaufen.

Es war einmal …
Früher, also wirklich früher, als es noch keine PCs gab und die Großrechner herrschten, da arbeitete man, wenn man denn überhaupt an einem Computer arbeitete, an einem Dumb Terminal bzw. einem Thin Client (die genaue Terminologie ist jetzt wurscht, ich bleibe bei Dumb Terminal. Das hat so einen schön beleidigenden Unterton 8-)).

Ein Dumb Terminal war nicht viel mehr als eine Schnittstelle zum Großrechner, dessen allmächtige Stellung nicht in Frage gestellt wurde. Was auf dem Großrechner installiert wurde, stand auch den Dumb Terminals zur Verfügung. Alle Programme wurden auf dem Großrechner ausgeführt, alle Daten dort gespeichert.

Sturz der Tyrannen
Dann schlug die Stunde des Personal Computers, dessen Namensgebung schon zeigt, gegen welche Strukturen hier aufbegehrt wurde. Das „Personal“ kann man getrost ernst nehmen, ein PC gibt dem Anwender die Freiheit, mit der Maschine das zu tun, was er will, die Programme zu installieren, die er will, die Daten zu speichern, die er will und die Systemumgebung so einzurichten, wie er das will. Damit war die Tyrannei der Großrechner gebrochen, die Dumb Terminals starben aus, der PC siegte auf ganzer Linie.

Die Rüstungsspirale
Doch die Sache hat einen Haken. Wenn kein Großrechner mehr Ressourcen zur Verfügung stellt, dann muss die lokale Maschine halt alles selbst machen. Und so wurde eine Aufrüstungsspirale in Gang gesetzt, die zu immer schwindelerregenderen Rechnerboliden führte. Die Rechenpower heutiger Standard-PCs lässt jeden Großrechner vergangener Tage alt aussehen, in privaten Haushalten stehen Hardwareressourcen, von denen man früher selbst bei IBM nicht zu träumen gewagt hätte.

Die „computer on every desk and in every home“ (Bill Gates) sind so irrwitzig komplex geworden, dass die Großrechner früherer Zeiten einem wie ein Taschenrechner vorkommen und angesichts der Dinge, die man normalerweise mit einem Computer tut – Spielen, Schreiben, Mailen, Surfen, Chatten … – der Vergleich vom Porsche, den man aus der Garage holt, um beim Laden nebenan rasch mal Milch zu holen, schon verdammt nahe liegt. Nur dass aus dem Porsche heute ein Fünftonner geworden ist.

Der Anwender als Admin
Und nicht nur das: Wenn es keinen zentralen Großrechner mehr gibt, gibt es auch keinen Admin, der sich um alles kümmert und den der Anwender fragen könnte. Also muss er auch hier sich alles selber machen: Programme installieren, Programme updaten, Sicherheitskopien anfertigen, das System vor Malware jeder Art schützen und so weiter und so fort.

Dass viele Anwender mit dieser Verantwortung schlicht überfordert sind, zeigt ein Blick in den Computeralltag. Datenverlust, korrupte Backups, Viren, Würmer & Co sind für die Anwender vertraute Begleiter.

Der Browser als Desktop
Doch dann kam das Internet und änderte alles. Schon vor zehn Jahren kursierte die Idee, man könne die privaten Maschinen deutlich verschlanken, wenn man bestimmte Funktionen ins Internet auslagert. Von dort würden sie dann bei Bedarf nachgeladen. Eine Firma namens Desktop.com wollte Desktopfunktionen und Applikationen über den Webbrowser zugänglich machen, Sun plante seinerzeit ein „StarPortal“, in dem man das just akquirierte StarOffice modular online vermarkten wollte.

Das ging zwar schief, aber die Idee lebte weiter und das, was vor zehn Jahren bei der Realisierung rasch an seine technischen Grenzen stieß, ist heute durchaus möglich. Im Zeichen von Ajax und Cloud Computing ist der Webbrowser das geworden, was früher der Desktop war: die zentrale Arbeitsfläche. Selbst komplexe Applikationen von der Textverarbeitung bis zur Bildverarbeitung laufen heute auf Internetservern und der Anwender braucht im Prinzip nicht mehr als einen Computer mit Browser und Internetzugriff, um mit seinem Computer das zu tun, was er tun möchte.

Chrome OS
Genau hier setzt Chrome OS an. Der Computer, auf dem dieses System läuft, ist im Grunde nicht mehr als das Dumb Terminal in neuem Gewand. An die Stelle des Großrechners tritt das Netz, sämtliche Applikationen und Daten liegen in der Cloud und der Anwender muss sich um rein gar nichts mehr kümmern, sondern braucht nur noch einen simplen Client, der klein, sehr schnell und sehr billig sein kann. Die Idee ist so bestechend, dass man sich ihrer Faszination nur schwer entziehen kann und Googles Demonstration von Chrome OS fiel entsprechend überzeugend aus.

Always online?
Doch bevor man nun aufjauchzt und sich freut, dass die Tage der fetten, teuren, energiefressenden Rechenmonster auf unseren Schreibtischen gezählt sind, sollte man sich klar machen, welche Konsequenzen Chrome OS hat.

Wie ein Dumb Terminal ist ein Chrome-OS-System ein Gerät, das für sich allein gar nichts kann und zwingend auf einen Server angewiesen ist. Ob der nun im Rechenzentrum ein Stock tiefer oder irgendwo auf der Welt in einer Cloud steht, spielt keine so große Rolle. Das Problem bleibt gleich: Zieht man dem Dumb Terminal sein Verbindungskabel zum Server heraus, ist es, nun ja: dumm. Ist ein Chrome-OS-System offline, ist es ein netter Türstopper oder Briefbeschwerer, nicht mehr.

Womit wir schon beim ersten Problem sind: Wie gut ist eigentlich die Internetverbindung via DSL/UMTS? Hier in München ist sie zum Beispiel gut. Normalerweise. Aber schon in meiner Stammkneipe, mitten im Herzen von München, ist sie eher unzuverlässig. Im Münchner Umland ist sie schlecht. Und auf dem Land mitunter überhaupt nicht vorhanden.

Ein Chrome-OS-Rechner ist also nur etwas für Großstädte mit großflächiger, exzellenter Anbindung, ansonsten ist es mit der Prämisse „always online“ nicht weit her.

Aber gut, das ist ein technisches Problem und wird als solche vermutlich auch gelöst werden. (Die Verteilungskämpfe der Anbieter lassen wir einfach mal außen vor, sonst kommen wir hier nie zu einem Ende.)

Setzen wir also einfach mal ausreichende, flächendeckende Bandbreiten voraus, und dass ich auch mit einem Chrome-OS-System problemlos auf meine rund 70 GB große iTunes-Mediathek und meine 20 GB große iPhoto-Library zugreifen und iPod/iPhone problemlos syncen kann. (Ok, es fällt schwer, das zu glauben, aber sei’s drum.)

Wer kontrolliert meine Daten?
Denn dann rutscht gleich das eigentliche Problem ins Blickfeld, das ganz allgemein auf dem Namen „Datensicherheit“ hört. Bei Chrome OS liegen alle Daten in der Wolke irgendwo im Internet auf irgendeinem Server. Und mit „alle“ ist wirklich: alle gemeint. Chrome OS speichert keine lokalen Kopien, weder von Programmen noch von Daten.

Und schon purzeln uns die Fragen in so reicher Zahl entgegen, dass wir kaum noch hinterher kommen. Will man wirklich sämtliche Daten in einer Cloud speichern und darauf vertrauen, dass der Anbieter des Servers damit kein Allotria treibt? Was ist, wenn der Serverbetreiber nach fünf Jahren keine Lust mehr hat oder aufgekauft wird? Wo sind dann meine Daten? Will man wirklich die Kontrolle über seine Arbeitsumgebung vertrauensvoll in fremde Hände legen? Wer auf seinem Computer ein Programm installiert, der kann auch am nächsten Tag noch sicher sein, dass es genau so aussieht, wie er es eingestellt hat und genau die gleichen Funktionen bietet, wie am Tag zuvor. Bei einer Webapplikation ist das durchaus nicht der Fall. Was ist, wenn der Anbieter auf die Idee kommt, bestimmte Funktionen nur noch gegen Geld freizuschalten? Oder einfach komplett streicht? Oder pleite geht? Bei Daten auf meiner Festplatte habe ich jederzeit Zugriff und die volle Entscheidungsgewalt. Liegen die Daten in einer Cloud, kann ich nur hoffen, dass es so bleibt.

FAQ
Man wird davon ausgehen können, dass man sich bei Google diese (und mit Sicherheit noch jede Menge anderer) Fragen ebenfalls gestellt und vermutlich auch eine Antwort gefunden hat, die hoffentlich etwas substantieller als das Mantra „Don’t be evil“ ausfällt.

Wird die Rückkehr des Dumb Terminals als Chrome OS erfolgreicher sein als etwa Suns Versuch mit dem Star Portal?
Ja. Google kennt das Internet, hat genügend Reserven und auch den langen Atem, den es braucht, um einen derartigen fundamentalen Wechsel im Umgang mit Computern durchzuziehen.

Werden die Anwender ein Chrome-OS-System akzeptieren?
Ja. Schon heute haben die Leute überhaupt keine Probleme damit, ihre Daten umfassend Google anzuvertrauen, warum sollten sie – angesichts der großen Vorteile, die Chrome OS verspricht – jetzt Skrupel bekommen?

Ist Chrome OS eine Revolution in Sachen Betriebssystem?
Jein. Es ist ein logischer Schritt, der sich seit Jahren abzeichnet. Google ist nicht das erste Unternehmen, das in diese Richtung geht, aber Google tut es sehr viel entschiedener und kompetenter als jeder andere zuvor. Der Browser als Desktop hat einfach zu viele Vorteile, als dass diese Idee sich langfristig nicht als Standard durchsetzen wird.

Würde ich mir einen Chrome-OS-Rechner zulegen?
Ja. Ich bin ein neugieriger Mensch. Und wie gesagt: Chrome OS ist faszinierend.

Wird Chrome OS den Desktop ersetzen?
Nein (ich glaube übrigens auch nicht, dass Google das plant). Die lokale Maschine wird sicherlich an Bedeutung verlieren. Chrome OS ist erst der Anfang, andere Anbieter werden folgen (auch Microsoft, auch Apple), und Webappliances werden deutliche Marktanteile bekommen. Doch sie werden zumindest bis auf weiteres immer nur eine Zweitmaschine sein, der ideale Computer für unterwegs.

Der Desktop und die lokale Kopie von Daten und Programmen ist durch nichts zu ersetzen. Durchaus denkbar, dass es viele Anwender gibt, denen die Probleme einfach egal sind und die das unter Umständen vergiftete Geschenk von Google dankbar annehmen.

Aber für alle anderen gilt: My Desktop is my castle.