Community der Abgreifer

Montag, 22. Januar 2001, 14.33 Uhr

Mit Geschenken lockt man Publikum an. Fragt sich nur, welches.

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, mit großen Geschenken gewinnt man Freunde dazu. Das scheint die etwas zweifelhafte Logik der Websites zu sein, deren Businesspläne auf einem simplen Dreischritt gründen: Geschenke bringen Besucher, Besucher bringen Pageimpressions, Pageimpressions bringen Anzeigen. Und von den Anzeigenerlösen, so der eher naive Schluß, kann man nicht nur in Saus und Braus leben, sondern auch neue Geschenke kaufen und das Spiel von vorn anfangen: Das Perpetuum Mobile der Werbewirtschaft. Zumindest für die ersten beiden Punkte geht die Rechnung fraglos auf, immerhin bringt es zum Beispiel der Freemailer www.gmx.de im Monat auf deutlich über 300 Millionen Seitenabrufe. Also klare Sache, Banner buchen? Obacht! Auch wenn GMX & Co. nicht müde werden, mit dem Branchenmodewort „Community“ herumzufuchteln, so sollte man sich doch nüchtern fragen, was die Surfer in Scharen zu GMX treibt: Wer eine Geschenkesite ansteuert, der will sein Geschenk haben, sonst gar nichts – die beschworene Community ist vor allem eine Community der Abgreifer und Schnorrer. Nicht anders sieht es etwa beim Millionenklick von web.de aus – um die täglich Million gewinnen zu können, muß der Spieler einen Anzeigenbanner anklicken. Damit erreichen die Klickraten problemlos ungeahnte Höhen. Doch wer klickt, um zu gewinnen, dem ist es wurscht, worauf er klickt. Das gilt natürlich erst Recht für die gloriose Schnapsidee, Surfer fürs Anklicken von Werbebannern zu bezahlen. Denn so wenig das Perpetuum Mobile funktioniert und so wenig man sich Freunde kaufen kann: So wenig lassen sich aus Schnorrern zahlende Kunden zaubern. Erst recht nicht im Internet.

Zuerst in: Kress-Report, 4/2001


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