Counter, Content & Community

Donnerstag, 1. Januar 1998, 11.21 Uhr

Serverlogfiles sind die wichtigste Grundlage bei der Berechnung der Online-Auflagen. Doch sind diese Zahlen mit Vorsicht zu genießen.

Seit es Homepages gibt, gibt es den Hitcounter, der dem Homepagebastler verraten soll, wie beliebt sein Angebot im Netz ist und der, je nach dem, ob der Counter steigt oder stagniert, für Freude oder Frustration sorgt. Man kann über diese in verschiedenen Spielarten weit verbreiteten Zählerei milde spotten, aber was ist schon dagegen zu sagen, wenn jemand wissen möchte, ob seine Mühen auf Interesse stoßen oder ein eher solipsistisches Unterfangen sind?

Diese Unbedenklichkeitserklärung gilt allerdings nur, wenn man sich über die prinzipielle Fragwürdigkeit der Zählerei im Klaren ist. Schließlich dienen die Serverlogfiles, aus denen die Daten extrahiert werden, eher der Fehleranalyse als der Erfolgsmessung von Webseiten. Ein Logfile ist in erster Linie eine riesige, häufig etliche MByte große ASCII-Datei, aus der erst der gezielte interpretatorische Zugriff handliche Aussagen über die Besucherzahlen einer Website und deren Verhalten formt. Daß dabei die Qualität der Aussagen in direktem Verhältnis zum Ziel und zur Methode der Interpretation steht, leuchtet unmittelbar ein.

Dabei beginnt die Interpretation bereits bei der Wortwahl: Ein Logfile enthält keine Aussagen über die »Besucher« einer Website und deren »Verhalten«, sondern verzeichnet lediglich IP-Adressen, Requestpfade und ähnliche rein technische Angaben. Erst die gezielte Kombination der verschiedenen Daten erlaubt die Interpretation, daß ein Besucher zu einem bestimmten Zeitpunkt die Elemente einer bestimmten Webseite abgerufen hat. Sicher sein kann man sich dabei allerdings nie: Ob eine IP-Adresse tatsächlich zu einem menschlichen Besucher gehört und wenn ja, ob es immer derselbe ist, ist genauso zweifelhaft, wie die Frage unbeantwortet bleiben muß, ob die abgerufene Webseite tatsächlich gesehen, gar zur Kenntnis genommen wurde: Vielleicht war es ja auch ein Offline-Browser, dessen Daten ungelesen gelöscht werden, wer weiß das schon.

Auf diesem einigermaßen unsicherem Grund steht das kommerzielle Pendant zu den privaten Besucherzählern. Mit erheblichem interpretatorischem und begrifflichem Aufwand wird aus den Rohdaten der Logfiles die »Online-Auflage« eines Web-Angebots destilliert. Doch damit wird die anfangs legitime Zählerei zu einem bedenklichen Unternehmen. Die gesamte Begrifflichkeit der Zähler orientiert sich an den Verhältnissen im Offline-Bereich, also dem üblichen Publizieren auf Papier. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die dort gültige Praxis, die korrekte Meldung der Auflagenzahlen durch die unabhängige »Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.«, kurz IVW, überwachen zu lassen, auch im Internet Einzug halten würde: Am 1. November war es soweit, seit diesem Zeitpunkt gibt es offizielle IVW-Zahlen für Websites.

Das mag zwar begrüßenswert scheinen, ist aber eher Anlaß zur Sorge. Die Begrifflichkeit suggeriert nicht nur eine Gewißheit, die im Internet nicht zu haben ist, sondern legt es auch nahe, die »Online-Auflage« einer Website mit der Auflage einer Zeitschrift zu vergleichen, gar zu identifizieren. Damit aber werden wichtige Unterschiede zwischen den beiden Publikationsformen eingeebnet, bevor man sie überhaupt richtig zur Kenntnis nehmen konnte.

Der Wunsch nach exakten Zahlen ist verständlich, doch vielleicht sollten Anbieter und Anzeigenkunden den Counter mal für eine Weile einfach ignorieren, Logfile Logfile sein lassen und statt dessen über mögliche neue Formen des Publizieren und über den Zusammenhang von Content und Community nachdenken. Zeit wird’s.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Januar 1998


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