Das große Eszett (U+1E9E)

Samstag, 28. Juni 2008, 14.28 Uhr

So, da haben wir ihn also, den neuen Buchstaben. Ein versales ß, ist angeblich zwingend notwendig. Sieht etwa so aus:

Das große Eszett

Prognose: Das wird sich nicht durchsetzen, sondern als typographische Skurrilität überleben und von einer Handvoll Grafiker und Layouter benutzt werden, die mit dem irritierenden Effekt spielen wollen. Zum Beispiel beim neuen Hörbuch von Max Goldt.


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Keine Kommentare zu „Das große Eszett (U+1E9E)“

noribori schrieb am 28. Juni 2008, um 15.58 Uhr

Das ist jetzt aber wirklich ein etwas lahmer Beitrag zu diesem existentiellen Thema.

1. Nein, nicht der Buchstabe ist neu. Das Eszett gibt es schon länger.
2. Ob ein Eszett aber wirklich ein Buchstabe ist, sein sollte, oder aber doch besser nicht sein sollte, damit hat sich schon Jakob Grimm herum geschlagen.
3. So wie aus der Ligatur Doppel-U das W geworden ist, so hat sich aus verschiedenen Ligaturen das „scharfe S“ herausgebildet
4. Dass das scharfe S dennoch nicht als vollwertiger Buchstabe gilt, liegt daran, dass es keine Versalform gibt (oder gab) – und an Jan Tschichold.
5. Jan Tschichold hat behauptet, das Eszett wäre schon immer ein Doppel-S gewesen, nur Dummköpfe hätten das durcheinander gebracht. Richtig ist aber, dass Jan Tschichold damit völlig falsch lag.
6. Viele möchten das scharfe S ganz abschaffen und durch Doppel-S ersetzen (sehr vereinfacht gesagt). Gerne berufen sie sich auf Tschichold.
Unabhängig davon gibt es aber auch praktisch veranlagte Menschen, die kein irritierendes scharfes S mehr sehen möchten.
7. Andere möchten das scharfe S retten. Mit Hilfe der Versalform hoffen sie, dass das scharfe S endlich als vollwertiger Buchstabe anerkannt wird, der nicht mehr nach Belieben umschrieben und zerlegt werden kann.
8. Wie das versale Eszett aussehen könnte, ist offen. Es gibt historische Beispiele. Jeder, der sich berufen fühlt, darf sich sein eigenes versales Eszett malen
9. Wer das versale Eszett nicht nur malen, sondern auf seinem Computer verwenden möchte, der braucht eine Schrift mit diesem Zeichen. Heutzutage gibt es Unicode-Schriften mit vielen tausend Zeichen. Damit ein Schrifthersteller das versale Eszett in seinen Font aufnahmen kann, muss das versale Eszett aber eine eindeutige Unicode-Position haben. Seit dem 4. April 2008 hat das versale Eszett die Unicode-Position U+1E9E zugewiesen bekommen.

Das ist neu, und nur das.

10. Das versale Eszett wird auf (kaum) einer Tastatur und nur in ganz wenigen Fonts auftauchen. Dieses Schicksal teilt es mit vielen tausend anderen Unicode-Zeichen. Man kann daraus nicht schließen, dass das Zeichen überflüssig ist.
Beispiel für eine sinnvolle Verwendung: in der Geburtsurkunde, im Personalausweis
11. Die Neuerung wäre kaum der Rede wert, denn ein versales Eszett (bzw. die bisherige Ersatzform „SS“) ist im realen Leben selten anzutreffen und lässt sich fast immer vermeiden. Es geht vielmehr, wie bei der Rechtschreibreform, um ideologisch verhärtete Positionen: soll das Eszett beibehalten werden oder soll es abgeschafft werden. Die Einführung eines versalen Eszett ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die das scharfe S gerne abschaffen möchten. Was nicht heißt, dass jeder, der das scharfe S beibehalten möchte, die Versalform freudig begrüßt.
12. Die breite Mehrheit wird weiterhin kein Problem darin sehen, das kleine ß in einer Reihe von GROßBUCHSTABEN zu verwenden. Der Lapsus wird ihnen gar nicht auffallen. Einige wenige werden ersatzweise auf GROSSBUCHSTABEN ausweichen und sich sehr im Recht fühlen. Friedfertige Naturen werden einfach auf Großbuchstaben verzichten. Einige historisch Bewanderte werden sogar GROSZBUCHSTABEN verwenden und sich dabei ins Fäustchen lachen. Sehr wenige werden das versale Eszett einsetzen. Durchsetzen wird sich vermutlich keine einzige Form, sie werden alle nebeneinander bestehen.

> Das ist jetzt aber wirklich ein etwas lahmer Beitrag zu diesem existentiellen Thema.

stimmt. Aber warum soll ich dem, was man an unzähligen Stellen im Netz lang und breit nachlesen kann, auch noch mein Häufchen hinzufügen? Da belasse ich es doch lieber bei einem lahmen Beitrag.

noribori schrieb am 28. Juni 2008, um 16.17 Uhr

Weil die unzähligen Stellen im Netz Fehler, Widersprüche und Mißverständnisse wiederholen und somit nur die Verwirrung vergrößern – das ist ja das Lahme daran.

Amisius schrieb am 28. Juni 2008, um 22.32 Uhr

Aber auch ein lahmer Beitrag darf sich Zeit nehmen für das Dativ-n.

@ noribori
Leider tragen Sie auch Ihren Teil zu den üblichen Missverständnissen und Verwirrungen bei. Das Eszett ist ein Buchstabe und kein Laut. Nach bestimmten Regeln steht er (neben s und ss) für den stimmlosen (auch: scharfen) S-Laut. Das sog. scharfe s könnte also niemand abschaffen, sondern allenfalls den Buchstaben.
Sonst bin ich sehr einverstanden. Die Rolle von Jan Tschichold war mir unbekannt. Gibt es das irgendwo schriftlich – jenseits von Netzmythen?

noribori schrieb am 11. Juli 2008, um 16.18 Uhr

Jan Tschichold schreibt im »Meisterbuch der Schrift«, 2. Auflage 1965 auf Seite 42, eckige Klammern von mir, runde Klammern von Tschichold:

»… in falsch verstandener Analogie schnitt man Formen wie die folgenden heute allgemein verbreiteten Mißbildungen, die nur eine zufällige Auswahl bilden:
[gezeigt werden 18 Eszetts aus verschiedenen Schriftarten]
Man ist dabei von der Meinung ausgegangen, das [Eszett-Ligatur in Fraktur] (gesprochen eßzett) sei eine Verbindung von [langes s in Fraktur] und [z in Fraktur]. Es hat aber nur den Anschein, und nur dieser falsche Anschein konnte zur falschen Bezeichnung »Eß-Zett« führen. Der richtige Ausdruck lautet »scharfes s«.
Auch das [Eszett-Ligatur in Fraktur] der Schwabacher und der Fraktur ist nämlich wie das richtige [kursives Eszett in Antiqua] alter Kursivschriften eine Ligatur, eine Buchstabenverbindung, nicht von [langes s in Fraktur] und [z in Fraktur], sondern von [langes s in Fraktur] und [rundes Schluß-s in Fraktur]. Wenn man sie sich ineinandergeschoben vorstellt, so bleibt vom [rundes Schluß-s in Fraktur] nur noch die rechte, [z in Fraktur]-ähnliche Hälfte übrig. Daß das gar kein [z in Fraktur] ist, hat man im Laufe der Jahrhunderte vergessen, und nur darum konnte ich die falsche Bezeichnung »Eß-Zett« einbürgern, die in der deutschen Rechtschreibung zu der mit Recht kaum verwirklichten Regel geführt hat, es sei im Versaliensatz für [Eszett-Ligatur in Fraktur] SZ zu setzen (DER GROSZE DUDEN, RUSZLAND!).«

Es ist erstaunlich, dass Tschichold mit dieser abenteuerlichen Behauptung etwa 60 Jahre lang ernst genommen wurde. Erst 1999 und 2001, in den jeweiligen Gutenberg-Jahrbüchern, wurde Tschicholds Behauptung von Max Bollwage und Herbert Brekle detailliert widerlegt.

Hans-Peter Willberg schreibt in »Typolemik« (2000):
»Schriftwissenschaftliches Eigentor eines Autoritätsgläubigen

Ich habe bei Jan Tschichold gelernt und im Unterricht und in Fachbüchern vielhundertfach verbreitet: Das ß wird irrtümlich Eszett genannt, es besteht in Wahrheit aus zwei übereinandergeschobenen s, einem langen und einem runden Schluss-s. (…) Das habe ich nachgebetet. Nur leider: Das ist falsch. (…)
Ich hätte für diese Erkenntnis nicht auf Max Bollwage warten dürfen. Glaubt keinen Autoritäten!«

Autoritäten hin, Autoritäten her, die wichtigste zusammenfassende Darstellung des Themas ist das Heft 9 der Zeitschrift SIGNA von 2006. Dieses kann man weiterhin unter http://www.signographie.de bestellen. Der Herausgeber, Andreas Stötzner, ist auch maßgeblich für die Eintragung des versalen Eszett als Unicode-Zeichen verantwortlich.

noribori schrieb am 11. Juli 2008, um 16.43 Uhr

Ich habe im ersten Kommentar »Eszett« und »scharfes S« synonym benutzt, gemeint ist jeweils das Zeichen, nicht der Laut, denn um den Laut ging es mir gar nicht.
Es wäre vielleicht sinnvoll, nicht allein die Entwicklung des Zeichens zu betrachten, sondern auch die zugehörige Entwicklung der Aussprache, auch die hat sich ja verändert. Allerdings kenne ich keine entsprechende Darstellung. Ich wüsste auch gar nicht, ob eine verlässliche historische Rekonstruktion überhaupt möglich ist. Wenn dann noch die unterschiedliche Aussprache in verschiedenen deutschen Dialekten hinzukommt, dürfte es wirklich schwierig werden.

Herzlichen Dank für die ausführlichen Belege. Allerdings denke ich, dass man der Frage nach der Herkunft des Buchstabens ß und seiner Form mit dem reinen Formvergleich, wie ihn die Typografen anstellen, nicht gerecht wird. Noch im 19. Jahrhundert wusste man bzw. machte Grimm wieder bewusst, dass die zeitgenössischen Schreibungen mit ß zwei unterschiedliche Funktionen (und damit unterschiedliche Herkunft) haben.
1. Das ß steht für einen ursprünglich auf t zurückgehenden Laut (deshalb wollte Jacob Grimm zum Beispiel wieder »waßer« [Wasser] schreiben; im Mhd. steht in dieser Funktion z: Ich saz uf eime steine …). Grimm schreibt im Wörterbuch (in Antiqua-Schrift) meist »sz«, wo wir heute ß schreiben.
2. Das ß steht nach Adelungscher (also unserer »alten«) Orthografie final und vor t statt Doppel-s (Flüsse – Fluß). Dies hielten Radloff und Heyse für eine irrtümliche Verwendung und schlugen deshalb vor, das Doppel-s hier zu belassen (so wie jetzt in der reformierten Rechtschreibung). Nach den für die Fraktur gültigen Regeln konnte »langes s« nicht final stehen. So wie bei »lesen/las« langes zu rundem s wurde, musste aus doppeltem langem s »langes s + rundes/Schluss-s« werden. Heyse und die Verfechter seiner Schreibung schlugen für diese Form eine eigene Ligatur vor, die zum Teil im 19. Jahrhundert auch Verwendung fand.
Es ist also nicht ohne Grund, dass beide Argumentationen (sz und ss) immer wieder auftauchen. Allerdings ist das nur von historischem Interesse. Für die typografische Gestaltung des Buchstabens und die heutige Rechtschreibung sowie für die Frage, ob man den Buchstaben erhalten sollte oder nicht, ist das ohne Bedeutung.

noribori schrieb am 12. Juli 2008, um 13.01 Uhr

Ich stimme dem grundsätzlich zu, möchte aber noch genauer auf den Punkt kommen, inwiefern die ursprünglich klaren Unterschiede zwischen Eszett und Doppel-s so undeutlich werden konnten.

Solange Fraktur geschrieben wurde, und in Deutschland war dies bis zum Ende des 19. Jahrhunderts üblich, gab es keinerlei Grund, Eszett-Ligatur und langes s+rundes Schluss-S zu verwechseln. Beides ist leicht zu unterscheiden.

Als man begann, deutsche Texte in Antiqua zu setzen, fehlte die Eszett-Ligatur. Man suchte nach einer optisch ähnlichen Entsprechung. Die billigste Möglichkeit war, einfach hintereinander langes s und rundes Schluss-s zu schreiben, denn das lange s gab es bis ins 20. Jahrhundert auch in der Antiqua. Der Leser musste erraten, was gemeint war, Eszett oder Doppel-S.

Man hätte auch langes s und z nehmen können, tat dies auch, allerdings viel seltener. Warum eigentlich? Ich vermute, weil sich die Aussprache geändert hatte. Der leicht gelispelte Laut, für den das Fraktur-Eszett im Mittelhochdeutschen eigentlich stand, hatte sich dem s inzwischen angeglichen, das s war naheliegender geworden (In SIGNA 9, S. 7 wird darauf etwas eingegangen).

Jakob Grimm, der schon 1822 auf Antiqua umstieg und auf die Etymologie viel Wert legte, wollte hingegen noch »auf gehörige sonderung der Laute SS und SZ (…) dringen« (zitiert nach SIGNA 9, S. 23).
Dazu ließ er zunächst ein eigenes Zeichen schneiden, das er dem bereits vorhandenen Satz von Antiqua-Zeichen hinzufügen konnte: das ß.
(Er war nicht der Erste, der sich zu diesem Schritt entschloß, aber der Einflußreichste).
Als Jakob Grimm aber klar wurde, dass der Vorgang, eigene Typen schneiden zu lassen, zu teuer und zu aufwendig war, zu nicht immer ästhetisch befriedigenden Ergebnissen führte und sich daher nicht allgemein durchsetzen ließ, schwenkte er um und verwendete Zeit seines Lebens, auch handschriftlich, „sz“ für das Eszett. Es war eine Verzweiflungstat, aber Doppel-s wäre für ihn nicht in Frage gekommen.
Woher stammt nun die Form des ß, das ja doch etwas anders aussieht als das Fraktur-Eszett? Es gab in italienischen kursiven (!) Antiqua-Schriften bereits seit dem 16. Jahrhundert Ligaturen von langem und rundem s. Langes und rundes s verschmolzen hier aus rein ästhetischen Gründen (Kursive!) zu einer geschlossenen Form. Mit der nur im Deutschen vorkommenden Eszett-Ligatur hat diese Form zunächst gar nichts zu tun (das ist Tschicholds grundsätzlicher Irrtum). Der Typenschneider aber, der vor die Aufgabe gestellt wurde, das Eszett aus der Fraktur-Formsprache in die ganz andere Formsprache der Antiqua zu übersetzen, hat sich offensichtlich an dieser Doppel-S-Ligatur orientiert, die Formen sind sich ähnlich. Diese unerwünschte Ähnlichkeit könnte ein weiterer Grund gewesen sein, warum Jakob Grimm schließlich auf die neu geschnittenen Formen verzichtete und auf „sz“ auswich.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die Antiqua auch für Gebrauchstexte durchsetzte, waren die unterschiedlichsten Formen für das Eszett im Gebrauch: langes s und rundes s, langes s und z, jeweils sowohl als Ligatur als auch unverbunden, runde Doppel-s, die von Grimm verwendete ß-Form, sowie einige Versuche s und z zu einer neuen Form zu verbinden. Die Reichsgründung von 1871 führte zu Versuchen der Vereinheitlichung, das Ergebnis war um die Jahrhundertwende die Einführung des ß, auf das sich eine Kommission von Buchdruckerei- und Schriftgießereibesitzern geeinigt hatte. Es wurde beschrieben als langes Antiqua-s, mit einem z verbunden, und setzte sich nur sehr langsam durch.

Das Eszett wurde schon in der Fraktur als Schlußzeichen an Stelle von Doppel-s (langes s+rundes s oder langes s +langes s) benutzt, was auch zu besseren Wortgliederungen führt (z.B. in »Schlußsatz«). Wie lange es diese Praxis schon gibt, weiß ich nicht. Adelung hat diese Praxis zur Regel gemacht.
Eszett ersetzt hier die Kombination langes s+rundes s. Das heißt aber nicht, dass das Eszett auch aus dem Doppel-s entstanden wäre. Vielmehr hat diese Verwendung rein ästhetische Gründe und führt letztlich zu einer Funktionsänderung des Eszett.
Wenn für die Heisesche s-Schreibung eine eigene Ligatur aus langem und rundem s angestrebt wurde, dann um den Unterschied zum Eszett erneut zu verdeutlichen und dennoch eine ästhetisch befriedigende Form zu finden.
Auch die Verwendung nach langen Vokalen/Diphtongen, die Adelung und Heise gemeinsam haben, ist eine Funktionsänderung im Gegensatz zur etymologischen Verwendung bei Grimm (SIGNA 9, S. 7).

Ich würde so sagen: Die Herkunft des Eszett ist alles andere als klar, die Herleitung von ss (langes s und rundes s) nach Tschichold kann aber ausgeschlossen werden. Dass das Doppel-S dennoch als Ersatz für Eszett ins Spiel kam (und umgekehrt), hat viele Gründe, praktische, ästhetische, historische.

An der Diskussion um das ß lassen sich alle Grundsatzdiskussionen um deutsche Sprache und Schreibung verfolgen, die es in den letzten 300 Jahren gab und die ihre Widerspiegelung dann zum Teil in der Typografie finden. Das ß wurde im 19. Jahrhundert nur im Rahmen des orthografischen Streites diskutiert und ist darum nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. Ist es zum Beispiel Aufgabe der gegenwärtigen Schreibung bzw. Typografie, die Sprachgeschichte (wenn ja, welcher Entwicklungsstufe?) wiederzugeben?

Das ß hat gibt im Neuhochdeutschen einen anderen Laut wieder als im Mittelhochdeutschen (welcher das war, ist nicht genau zu klären und kann nur anhand der schriftlichen Überlieferung vermutet werden). Es lässt sich deshalb aus der älteren Sprachgeschichte weder als sz noch als ss schlüssig erklären. Unabhängig von dieser Herkunft steht es im Neuhochdeutschen meist für den stimmlosen Laut nach langem Vokal und Diphthong. Da sich Schreiber (damals wie heute) an der Gegenwartssprache orientieren, wurde es nun auch auf die Fälle übertragen, in denen es historisch nicht steht. Als Regel wurde das schließlich von Gottsched (Deutsche Sprachkunst, 1748) formuliert und vor allem durch Adelungs Wörterbuch (1774 ff.) und seine Grammatiken verbreitet. Zusätzlich wurde das ß schon bei Gottsched zur positionsbedingten Variante für doppeltes »langes s« (Schlüsse, aber: Schluß, Schlußsatz).

Neben dieser Gottsched-Adelungschen S-Schreibung gab es die später nach Heyse benannte Schreibung, die sich ebenfalls am Schreibgebrauch (und nicht an der Sprachgeschichte, auch nicht an der historischen Funktion des ß) und an der Lautung orientierte. Sie geht mindestens auf Heynatz (1770) zurück und wird durch die Heyses (in Eigennamen blieb auch das y erhalten) über drei Generationen (Vater: Johann Christian August, Sohn: Karl Wilhelm Ludwig, Enkel: Theodor) seit 1812 in Wörterbüchern und Grammatiken verbreitet. Sie unterscheidet sich von der Gottsched-Adelungschen nur durch die positionsbedingte Variante für doppeltes »langes s«: Hier sollte »langes s + Schluss-s« stehen bzw. die entsprechende Ligatur.

Diese beiden Richtungen standen das gesamte 19. Jahrhundert nebeneinander und hatten zahlreiche Anhänger. Und sie erklären eben auch, warum man im Neuhochdeutschen (und nur dort, historisch stimmt beides nicht) das ß mit einiger Berechtigung sowohl als sz als auch als ss interpretiert. 1876 (I. Orthographische Konferenz) schien sich die Heysesche Schreibung durchzusetzen, für die sich zum Beispiel auch Daniel Sanders und Konrad Duden einsetzten.

Zusätzlich kompliziert wurde die ganze Diskussion durch die von Jacob Grimm (er schrieb seinen Vornamen selbst immer mit c) und die von ihm begründete sprachwissenschaftliche Germanistik, die vorerst historische Sprachwissenschaft war. Grimm war der Auffassung, dass sich die Orthografie nicht am gegenwärtigen (nach seiner Auffassung von Verfall gekennzeichneten) Sprachgebrauch zu orientieren habe. Er wollte ß (bzw. sz) immer dort schreiben, wo es aus dem germanischen t entstanden war oder bei Befolgung der Sprachgesetze seiner Ansicht nach hätte entstehen müssen. (Er wollte also eigentlich nicht nur die Orthografie, sondern auch den Lautstand reformieren.) Die nach historischer Orthografie mit ß zu schreibenden Wörter hätte man dann nicht in der Gegenwartssprache und deren Aussprache ermitteln können, sondern man hätte sie auswendig lernen müssen. Dieser Vorschlag spielte ab der Mitte des Jahrhunderts keine Rolle mehr, geistert aber immer noch durch die Diskussionen um die »richtige« Form des ß.

Dazu trat die Diskussion um den Satz in Antiqua oder Fraktur, die sich ebenfalls durch das gesamte 19. Jahrhundert zieht. Sie wurde geführt als Diskussion um »lateinische« oder »deutsche« Schrift, weil man sie in diesen Funktionen erlebte. Erst die gerade begründete historische Sprachwissenschaft stellt fest, dass es sich nicht um eine »deutsche« Schrift handelte. Wissenschaftliche Publikationen erschienen (wie schon bislang) überwiegend in Antiqua gesetzt, alles andere in Fraktur. Das blieb noch bis weit ins 20. Jahrhundert so (selbst die Expressionisten erschienen in Fraktur). Die Fraktur wurde erste 1941 durch eine Verfügung Hitlers abgeschafft und ab sofort in Schulen nicht mehr gelehrt. Dieser schlagartige und unreflektierte Wechsel führte zu einem Bruch in der Schreib- und Lesetradition (mal in der eigenen Familie nachfragen), sodass auch manches in den Regelwerken stehen blieb, das eigentlich nur für die Fraktur seine Berechtigung hatte (auch das Trennungsverbot für st zum Beispiel).

Zur eigentlichen Ausgangsfrage: Das ß hat in der Orthografie des Neuhochdeutschen eine neue Funktion erhalten, es ist (vor dem Neuhochdeutschen) weder durch ss noch durch sz zu erklären. Die typografische Form des Zeichens sollte sich also heute nur an neuerer Schrift- und Schreibtradition, Funktionalität (Lesbarkeit, Unterscheidbarkeit) und Ästhetik orientieren.

noribori schrieb am 14. Juli 2008, um 0.32 Uhr

Eine Frage: heißt das, dass bei Anwendung der Heyseschen s-Schreibung und Verwendung einer Ligatur aus langem s und rundem s zusätzlich auch die historische Eszett-Ligatur verwendet wurde (etwa für das Wort »Füße«)? Also zwei verschiedene Ligaturen in einem Satz?

Ja, genau so: Nach langem Vokal und Diphthong blieb das alte ß. Nach kurzem Vokal sollte für mediales Doppel-s am Morphem- bzw. Wortende die neue Heysesche Ligatur stehen.

Der Grund lag darin, dass Heyse zwar bemerkte, dass man auch einfach Doppel-s am Ende schreiben könnte, weil man Doppel-l (oder t oder f) ja auch nicht in irgendeine andere Schlussvariante verwandelt. Aber da es nun mal langes und rundes Schluss-s gab, hielt er an diesem Prinzip fest.

noribori schrieb am 15. Juli 2008, um 9.13 Uhr

Sie schreiben (zu Adelungscher und Heysescher Schreibung):
»Diese beiden Richtungen standen das gesamte 19. Jahrhundert nebeneinander und hatten zahlreiche Anhänger. Und sie erklären eben auch, warum man im Neuhochdeutschen (und nur dort, historisch stimmt beides nicht) das ß mit einiger Berechtigung sowohl als sz als auch als ss interpretiert.«

Offensichtlich legt aber keine der beiden Schreibweisen nahe, das Eszett »als ss zu interpretieren« – es also als eine ss-Ligatur anzusehen. In keiner Schreibweise wäre man auf die Idee gekommen, das Eszett durch eine ss-Ligatur zu ersetzen. Oder?
Vielmehr wird die Schlußbuchstabigkeitsfunktion des Eszett einmal als nötig, einmal als unnötig angesehen.

Doch:

1. Nach Adelung schreibt man
a) ß stets nach langem Vokal: Füße, Fuß, fußt.
b) ß als finalen Ersatz für ss: Flüsse, Fluß, Flußbett, du mußt.

2. Nach Heyse schreibt man
a) ß nach langem Vokal: Füße, Fuß, fußt (also wie Adelung).
b) Ligatur (hier: #) aus langem und rundem s als finalen Ersatz für ss: Flüsse, Flu#, Flu#bett, du mu#t.

Die Heysesche ss-Ligatur ersetzt also einen Teil der Adelungschen ß-Schreibungen, weil sie ß in diesen Positionen als (missverständlichen) Stellvertreter von ss ansieht.

Beide Varianten unter b rühren daher, dass es für das einfache s in der Fraktur positionsbedingte Varianten gibt: Aus medialem langem s wird final stets rundes s. Und das versuchte man nun stets auf die gesamte S-Schreibung zu übertragen.

noribori schrieb am 15. Juli 2008, um 11.04 Uhr

Die nächste Frage wäre, welche Rolle die Heysesche Schreibung bei der Umstellung auf Antiqua spielt.
Nach Heyse muss bei b) langes s + kurzes s stehen, beides gibt es zunächst auch in der Antiqua. Auch eine Ligatur aus langem und kurzem s gibt es seit dem 16. Jahrhundert in der Antiqua, wenn auch nur kursiv. Stellt man die Form gerade, dann wird ß daraus.
Wenn nach Heyse eine solche Ligatur bei b) steht, was steht dann aber bei a)?

noribori schrieb am 15. Juli 2008, um 11.33 Uhr

Gemeint war natürlich rundes, nicht »kurzes« s.

[Zuerst eine Fehlerkorrektur zu meinem letzten Kommentar: In der Verbformen vor t schreibt Heyse Doppel-s, also nicht die Ligatur.]

Die Schulgrammatiken und Wörterbücher der Heyses (und alle Schulorthografien, die sich darauf beziehen) sind in Fraktur erschienen und beziehen sich nur darauf. Sie enthalten aber jeweils kurze Anmerkungen, was beim Gebrauch von »lateinischen Lettern« zu beachten ist. Und da wird es komplett widersprüchlich (Ich benutze mal Schrägstrich für langes s). Der lat. Satz folgt der von Ihnen beschriebenen Logik nicht:

a) Sowohl Vater als auch Sohn empfehlen [/s] (keine Ligatur) statt Fraktur-ß (sz bzw. später das Grimmsche ß für den Antiqua-Satz werden abgelehnt, ohne Begründung).

b) Nach kurzem Vokal soll [ss] statt [//] der Fraktur stehen. Begründet wird das nur damit, dass das üblicher sei.

Das widerspricht den eigenen (Heyseschen) Regeln und bahnt gleichzeitig das langsame Verschwinden des langen [/] im Antiqua-Satz an. Wie das in den Vorschlägen zur Konferenz von 1876 aussah, kann ich im Moment nicht nachschlagen.

Eine Ligatur von [/s] wird für den Antiqua-Satz nicht diskutiert, sie scheint (zumindest im Zusammenhang mit der Orthografiediskussion) nicht bekannt gewesen zu sein.

Als letzter Beleg mag hier das Zitat aus dem Duden von 1902 (7. Auflage, also nach dem Kompromiss in der Rechtschreibung) stehen. Er ist in Fraktur gesetzt, gibt aber zusätzlich an (Eingeklammertes im Original fett):

»In lateinischer Schrift setzt man [s] für [/] und [s] ohne Unterschied, [ss] für [//] und [ß] für [ß]. Statt [ß] ist auch [/s] zulässig. Für [ß] tritt in großer Schrift [sz] ein, z. B. MASZE (Maße), aber MASSE (Ma//e).«

Dabei sieht das kleine [ß] auch in der Antiqua-Form wie eine Ligatur aus langem [/] und [z] aus. Und das lange [/] soll jetzt also nur noch in der Ersatzform für fehlendes Eszett stehen. Bemerkenswert (wenn auch orthografisch begründet) ist natürlich der unterschiedliche Ersatz für die Minuskel und die Majuskel.

noribori schrieb am 15. Juli 2008, um 14.54 Uhr

Dass Heyses nicht versuchen, in der Antiqua gleich zwei neue Ligatur-Zeichen einzuführen, ist nachvollziehbar. Der Aufwand war so groß, dass es utopisch gewesen wäre, so etwas zu fordern. Erst nach 1871 war der Wille zur Einigung vorhanden, so dass sich zumindest ein neues Ligaturzeichen, das Antiqua-ß für das Fraktur-Eszett, allmählich durchsetzen ließ.
Die Konferenz von 1876 empfiehlt noch [/s] (keine Ligatur) für das Fraktur-Eszett, mit dem Verweis auf einen »mehr als hundertjährigen Gebrauch« (zitiert nach SIGNA 9, S. 24). Damit beginnen die Diskussionen aber erst, gipfeln 1879 in einer Bestandsaufnahme der Typographischen Gesellschaft mit 30 möglichen Zeichen und führen zu einer Entscheidung für das Grimmsche ß.

Ich möchte versuchen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in unseren Darstellungen an einem Gedankenexperiment zu verdeutlichen:
1. Was wäre wohl passiert, wenn es die Heyses nie gegeben hätte und bei der Einführung der Antiqua die Adelungsche s-Schreibung alleine gültig gewesen wäre. Was wäre aus dem Fraktur-Eszett in der Antiqua geworden?
2. Was wäre wohl umgekehrt passiert, wenn es zwar den Konflikt zwischen Adelungscher und Heysescher s-Schreibung gegeben hätte, aber kein Umstellung auf Antiqua? Was wäre aus dem Fraktur-Eszett geworden, wenn wir heute immer noch Fraktur verwenden würden?

Ich habe mir in etwa überlegt, was ich schreibe, lasse Ihnen aber gerne den Vortritt 😉

noribori schrieb am 16. Juli 2008, um 20.00 Uhr

Ich hoffe, Sie haben die Lust noch nicht verloren!

Mein Vorschlag zu Punkt 1 (keine Heyseschen Reformversuche, aber der Wechsel zur Antiqua):
Der Kern des Problems steckt in der Doppelfunktion des Fraktur-Eszett. Die Ambiguität des Eszett-Zeichens verdeckt die Widersprüchlichkeit dieser beiden Funktionen. Da die Antiqua kein entsprechendes Zeichen zur Verfügung stellen kann, kommen sz und /s ins Spiel. Damit werden die Widersprüche sichtbar.
Die Heyseschen Reformversuche (Vorgänger wie Radlof inbegriffen) nehmen die Kritik dieser Widersprüche bereits in der Fraktur vorweg. Aber erst bei der Verwendung der Antiqua spitzen sich die Widersprüche so zu, dass eine Neuordnung der s-Schreibung ohne eigenes Eszett-Zeichen erwogen und auch beschlossen wird (1876). Da Drucker und Lesepublikum dennoch weiterhin ein Eszett-Zeichen wünschen, wird schließlich doch das Grimmsche ß eingeführt, dessen Form zwar eigentlich von der kursiven ss-Ligatur abstammt, aber durch Änderungen an der Form (Punze) auch ein Formmerkmal des z aufweist. Damit ist ein Zeichen gefunden, das mehrdeutig genug ist, um die Widersprüche erneut verdecken zu können.
Hätte es diese Reformversuche niemals gegeben, so würde sich am Endergebnis vermutlich wenig ändern. Der Streit um das Eszett wäre wohl weniger erbittert geführt worden, das Eszett als Zeichen wäre nicht so grundsätzlich in Frage gestellt worden. Umschreibungen als sz und /s wären weniger bereitwillig aufgenommen worden. Zur Einführung des Grimmschen ß als neues Zeichen in der Antiqua hätten nur die technischen und organisatorischen Schwierigkeiten überwunden werden müssen, nicht aber grundsätzliche Vorbehalte gegen das Eszett und seine Ambiguität. Daher vermute ich, es wäre schon zu einem früheren Zeitpunkt zu einer Einigung auf dieses Zeichen gekommen, vielleicht sogar zu einer früheren verbindlichen Einführung der Antiqua. Nichts spricht dafür, dass ein versales Eszett als unbedingt notwendig empfunden worden wäre.

Mein Vorschlag zu Punkt 2 (Konflikt Adelungsche-Heysesche Schreibung wie gehabt, aber Fraktur bleibt):
Die Kritik an der Ambiguität des Eszett hätte vielleicht dazu geführt, dass sich auf längere Sicht doch eine Ligatur aus langem und rundem s (#) als finaler Ersatz für ss durchgesetzt hätte. Wir würden dann also heute Fraktur schreiben und dabei zwei verschiedene Ligaturen verwenden, Eszett und # (sowie langes und rundes s).
Die Fraktur im elektronischen Zeitalter ist natürlich sehr unwahrscheinlich. Nehmen wir lieber an, der Wechsel zur Antiqua erfolgt erst sehr spät. So spät, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung bereits daran gewöhnt hat, die ursprüngliche Doppelfunktion des Eszett auf zwei Zeichen verteilt zu sehen. Beim Wechsel zur Antiqua liegt dann eine völlig andere Situation vor. Das Grimmsche ß lässt sich zwar in der Form so anpassen, dass es einmal als /z-Ligatur und einmal als /s-Ligatur durchgehen kann. Aber der Unterschied wäre so winzig, dass er nicht ausreicht, um zwei deutlich verschiedene Zeichen zu ergeben. Die uns vertraute Verwendung von ß und ss wäre möglich, aber auch nicht unbedingt wahrscheinlicher als ein Wechsel zu sz und ss (sz ohne die Grimmschen phonemischen Intentionen). SZ hätte dabei den Vorteil, dass es auch als versale Form keine Probleme bereitet und international nicht als B mißverstanden wird.
Eine Handvoll verwegener Grafiker und Layouter würde dennoch versuchen, für Eszett und # überzeugende Antiqua-Ligaturen zu finden – und Giesbert würde wohl auch zu diesen Versuchen in seinem Blog eine pessimistische Prognose abgeben.

»Ich hoffe, Sie haben die Lust noch nicht verloren!«

Ich mache zumindest eine Pause, weil ich mich um aktuelle Abgabetermine kümmern muss.

Ihre Vorstellungen von dem Prozess in der Orthografie, der die Diskussion historisch bestimmte, kann ich andererseits so nicht unwidersprochen stehen lassen. Aber dazu bei Gelegenheit. Da man hier die Kommentare leider nicht abonnieren kann, vermutlich auch in dem anderen Kino.

Mit Gruß und Dank an den Gastgeber! MK

Your welcome 😉

Ich bin es, der sich zu bedanken hat – ich bin ziemlich verblüfft über die sich zufällig ergebende Diskussion. Sehr schön. Und sehr lehrreich 😎

[…] das Eszett geht, gerät leicht einiges durcheinander. Versehentlich habe ich zu dem kurzen Beitrag hier eine lange Diskussion in den Kommentaren […]