Das hätten Sie nicht lesen dürfen!

Montag, 20. Juni 2005, 13.41 Uhr

Immer häufiger finde ich in meinem Posteingang E-Mails, die ganz am Ende einen so genannten „Disclaimer“ bieten. Ein Disclaimer ist ein so genannter „Ablehnungshinweis“ oder eine „Ausschlussklausel“. Benutzt werden solche Disclaimer normalerweise in Schriftstücken, meist Verträgen, um bestimmte Sonderfälle zu berücksichtigen und um den Vertragsgegenstand und den Geltungsbereich des Vertrags so präzise wie nur irgend möglich zu formulieren. In solchen Fällen ist ein Disclaimer eine wichtige und richtige Angelegenheit.

Doch wie sieht es mit den Disclaimern aus, die einem als Textanhang zu einer E-Mail ins Haus kommen? Schauen wir uns einmal zwei Beispiele aus meinem Posteingang an:

Zwei typische Disclaimer

Am häufigsten finden sich diese beiden Textblöcke am Ende einer E-Mail:

  • Diese E-Mail enthält vertrauliche und / oder rechtlich geschützte Informationen. Wenn Sie nicht der richtige Adressat sind oder diese E-Mail irrtümlich erhalten haben, informieren Sie bitte sofort den Absender und vernichten Sie diese Mail. Das unerlaubte Kopieren sowie die unbefugte Weitergabe dieser Mail ist nicht gestattet.
  • Wichtiger Hinweis: Die übertragenen Daten sind nur für die adressierte Person bzw. Firma bestimmt und können vertrauliche bzw. nicht öffentliche Informationen enthalten. Jede Auswertung, Weiterleitung, Verbreitung, andere Verwendung oder daraus abgeleitete Maßnahme durch andere Personen als der beabsichtigten Empfänger ist untersagt und kann bei Zuwiderhandlung u. a. zu Schadensersatzansprüchen führen. Falls Sie diese Information irrtümlich erhalten haben, nehmen Sie bitte Kontakt mit dem Absender auf und löschen Sie die Daten auf jedem Computer und Datenträger. Die Nutzung unsere E-Mail-Adresse für Werbung und Spams wird untersagt. Der Missbrauch unserer Daten für Belästigungen jeglicher Art werden wir sofort strafrechtlich verfolgen lassen.

Diese Disclaimer – die immer zweisprachig angehängt werden, also doppelt so lang sind als ich sie hier zitiert habe – hingen unter anderem an Party-Einladungen, einer Werbemail, einer einfachen Bestätigung einer Anfrage und einer kurzen Antwort.

In allen Fällen handelte es sich um normale E-Mails, die keine brisanten oder vertraulichen Informationen enthielten, in keinem Fall ging ein Disclaimer konkret auf den Inhalt der E-Mail an, an der er angehängt war und vielfach waren die eigentlichen Nachrichten selbst erheblich kürzer als die am Schluss angepappten Disclaimer

E-Mail-Disclaimer sind Vodoo

Offensichtlich handelt es sich um Textbausteine, die die Absender irgendwo im Internet aufgeschnappt haben und die sie nun aus Unsicherheit und in der Hoffnung, dass diese Textschnipsel irgendetwas Wichtiges bedeuten, automatisch an jede ausgehende Nachricht hängen.

Das Dumme ist nur – diese Disclaimer bedeuten: gar nichts. Der Glaube an ihre Wirksamkeit ist purer Hokuspokus und Vodoo. Sie sind gänzlich sinnlos, blähen eine E-Mail nur überflüssig auf und sind vollständig überflüssig.

Gesetzt den Fall, Sie verschicken eine vertrauliche Information unverschlüsselt per E-Mail, vertippen sich beim Adressaten und schon gelangt die vertrauliche Mail in falsche Hände. Was soll dann der Disclaimer?

Bevor der Empfänger bis zu der Brief stelle gekommen ist, an der ihm gesagt wird, dass er die Mail gar nicht hätte lesen dürfen, ist es bereits zu spät. Durch eine angehängte Floskeln wird er das Gelesen schließlich nicht einfach wieder vergessen. An den richtigen Empfänger weiterleiten kann der falsche Empfänger den Irrläufer auch nicht, weil er überhaupt nicht weiß, an wen die Nachricht eigentlich hätte geschickt werden sollen. Denn woher sollte er das wissen? Die einzige Adresse, die in der Mail als Empfänger angegeben ist, ist seine eigene – und die ist die falsche.

Normalerweise wird der Empfänger einen Irrläufer einfach achselzuckend und ein wenig verwundert oder amüsiert löschen. Vielleicht ist er ein höflicher Mensch und informiert den Absender über seinen Irrtum – aber sehr viel mehr wird nicht passieren.

Doch bekanntlich steckt der Teufel im Detail. Nehmen wir also an, Sie haben versehentlich sensible Firmenpleiten direkt an die Konkurrenz geschickt. Glauben Sie jetzt wirklich, dort ließe man sich durch eine Schlussformeln davon abhalten, aus den Informationen, die einem da zufällig in die Hände gefallen sind, Kapital zu schlagen?

Und was würde passieren, wenn Sie schließlich vor Gericht zögen und auf die Einhaltung des Disclaimers pochten? Sie würden für Erheiterung bei Gericht sorgen, mehr nicht. Denn ein Disclaimer, der automatisch an eine E-Mail angehängt wird, ist rechtlich völlig unverbindlich und irrelevant. Schließlich können Sie Handlungen anderer nicht von bestimmten Klauseln abhängig machen, mit denen Sie erst hinterher rausrücken. Wenn Sie sicher stellen wollen, dass vertrauliche Informationen auch vertraulich bleiben, dann gibt es nur eins: Verschlüsseln Sie Ihre E-Mail. Und verzichten Sie auf den überflüssigen Disclaimer.

Sonst könnt ich Sie jetzt auch sofort verklagen:

Disclaimer!

Der Inhalt dieses Blogs ist nur für einen bestimmten, mir persönlich bekannten und handverlesenen Personenkreis bestimmt. Sollten Sie nicht dazu gehören und diesen Beitrag trotzdem gelesen haben, so behalte ich mir eine Strafanzeige vor. Zur Vermeidung rechtlicher Schwierigkeiten überweisen Sie daher umgehend …

Eigentlich schade, dass das nicht so einfach funktioniert.


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