Das Netz ist in der Post

Mittwoch, 1. April 1998, 11.30 Uhr

Auf den ersten Blick ist sie reizlos – doch E-Mail ist die wichtigste Anwendung im Internet.

Schmucklos und karg, bilderlos und noch nicht mal Umlaute: In Zeiten, in denen an jeder Ecke das Loblied auf allerlei multimediale Segnungen zu hören ist, wirkt simple E-Mail hoffnungslos antiquiert. Doch die gönnerhaft belächelte elektronische Post bietet nicht nur dem privaten Anwender zahlreiche Möglichkeiten, ihr intelligenter und netzkonformer Einsatz ist die unerläßliche Bedingung eines erfolgreichen kommerziellen Internet-Engagements. Mit ihr geht fast alles, ohne sie gar nichts.

Es ist eigentlich alles ganz einfach: Man muß sich lediglich vergegenwärtigen, daß im Internet der Kunde keine passive Coutchkartoffel ist, sondern ein aktiver und bewußt wählender Zeitgenosse, der vor allem nach sinnvollen, nützlichen Informationen sucht. Wer hier einfach nach dem Wurfsendungsprinzip Werbung verstreut, der ignoriert nicht nur die Selbständigkeit seiner potentiellen Kunden, sondern, schlimmer noch, er stiehlt ihnen ihre Zeit und – bei den gegenwärtigen Gebühren – auch ihr Geld. Kein Wunder, daß die Spammer die bestgehaßten Menschen in Cyberspace sind: Eine skrupellosere Mißachtung sämtlicher Regeln im Netz ist kaum denkbar.

Wer im Netz Werbung verschicken will, der tue dies über einen E-Mail-Newsletter, in dessen Verteilerliste sich interessierten Kunden aktiv und freiwillig eingetragen haben. Wenn der Newsletter sinnvolle und nützliche Informationen bietet – zu welchem Thema und für welche Zielgruppe auch immer – dann akzeptieren die Abonnenten auch zu diesem Kontext passende Werbung.

Aber eigentlich ist das nur ein Nebenaspekt beim kommerziellen Mail-Einsatz. Wichtiger ist es da schon, daß eine Firma überhaupt per E-Mail erreichbar ist. Dann kann der Kunde unabhängig von Büro- oder Ladenschlußzeiten bestimmen, wann er welche Anfrage an welche Firma verschickt. Daß es mit der Einrichtung eines Postfaches nicht getan ist, sollte zwar selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht. Also allen Firmen ins Pflichtenheft geschrieben: Erreichbarkeit per E-Mail heißt, Antwort innerhalb von 24 Stunden – wobei die Antwort notfalls auch eine Eingangsbestätigung sein kann.

Ein bislang noch nicht einmal im Ansatz ausgeschöpftes Potential bieten Autoresponder – kaum etwas ist im Netz einfacher und wirkungsvoller, als etwa eine leere Mail an »preisinfo@cleverle.de« buchstäblich in Sekundenschnelle mit dem automatischen Versand einer aktuellen Preisliste zu beantworten. Natürlich lassen sich über diese Methode nicht nur Preislisten, sondern alles möglich, etwa aktuelle Treiber-Updates, verschicken.

Die hohe Schule der Mail sind jedoch offene Diskussionsforen in Form von Mailinglisten. Sie brechen die Sackgasse des Sender-Empfänger-Schemas auf und bilden zusammen mit den Newsgroups das kommunikative Rückgrat des Internets. Und prompt haben manche Firmen so ihre Schwierigkeiten damit: Wer sein Geschäft nach dem Muster „Wir liefern – ihr kauft“ organisiert, der etabliert eine Hierarchie von Oben und Unten, die in einer Mailingliste nur schwer zu halten ist.

Eine für Kunden und Kritiker gleichermaßen offene Mailingliste ist nicht nur ein Zeichen von Souveränität und Vertrauen einer Firma in ihre Produkte, sondern obendrein der beste Weg zur vielbeschworenen »virtuellen Gemeinschaft«.

Bleibt zu hoffen, daß die Firmen endlich ihre Online-Etas in den Aufbau einer funktionierenden und effizienten Mail-Struktur investieren, statt sie mit ebenso protzigen wie sinnlosen Web-Spielereien zu verpulvern.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, April 1998


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Keine Kommentare zu „Das Netz ist in der Post“

[…] Vor einem halben Jahr war’s, da pries ich an dieser Stelle die oftmals unterschätzte E-Mail als einen der großen Stützpfeiler des Internets, auf dem all die bunten Blütenträume vom erfolgreichen E-Commerce ruhen und forderte die Firmen dazu auf, sich lieber auf die sinnvolle und netzkonforme Nutzung der elektronischen Post zu konzentrieren, anstatt die kargen Mittel mit albernem Breitband-Unfug zu verschwenden. […]