Das Netz verliert nichts

Montag, 7. Dezember 1998, 15.47 Uhr

Kaum etwas ist unverwüstlicher als das Digitale. Doch mit dem Netz als Gedächtnis der Menschheit ist es nicht weit her.

Es gibt Sätze, die begleiten einen von frühester Kindheit an. Bei mir zum Beispiel lautet einer davon »Das Haus verliert nichts«, mit dem meine Mutter die systematische Suche nach verschollenen Dingen in meinem Zimmer zu kommentieren pflegte. Ich war, Sie ahnen es, kein sehr ordentliches Kind und mein Zimmer sah aus wie eine praktische Erprobung chaostheoretischer Überlegungen.

Heute scheint es mir nicht mehr ganz so schlimm, aber vielleicht habe ich mich auch nur an ein gewisse Grundunordnung um mich herum gewöhnt. »Das Haus verliert nichts« murmel’ ich jedenfalls auch heute noch vor mich hin, wenn ich mich von der Illusion, das Durcheinander meiner Schubladen und Schränke sei in Wahrheit ein besonders ausgebufftes Ordnungssystem, verabschieden muß, weil sich auch nach längerem Wühlen jener blöde Beleg nicht finden läßt, auf den das Finanzamt aus unerklärlichen Gründen so großen Wert zu legen scheint.

Im Laufe der Zeit hat sich der ordnungspolitische Leitspruch meiner Kindheit den digitalen Umständen angepaßt. So wenig sich in der materiellen Welt ein Gegenstand einfach in Luft auflöst – natürlich findet sich der gesuchte Beleg schließlich doch ein –, so wenig scheinen Daten, die einmal online waren, verloren zu gehen: Das Netz verliert nichts.

Ganz gleich, ob sie als lokale Kopie auf der Festplatte eines Netizens überdauern, in stillgelegten Proxies verstauben, auf entlegenen Festplattenpartionen schlummern oder ob sie bei der Aufräumarbeiten einfach übersehen wurden – die Überlebensmöglichkeiten und varianten digitaler Schnipsel sind schier unbegrenzt. Fast könnte man auf die Idee kommen, die Daten entwickelten ein eigensinniges Eigenleben und diffundierten von allein in angrenzende Netzräume, so beharrlich begegnen einem auf Online-Exkursionen die Überreste der eigenen, längst vergessen geglaubter Texte und Äußerungen.

Als ob die digitale Dynamik allein nicht zum Überleben reichte, wimmelt es im Netz von mehr oder weniger großen Archiven, Datenhalden und Textsammlungen, die – wie etwa Deja News – dafür sorgen, daß die einst hastig hingeschriebene Notiz in der Newsgroup weitaus länger erhalten bleibt, als jemals gedacht.

Die Dauerhaftigkeit des Digitalen kann man derzeit am Microsoft-Prozess studieren, in dem Anklage und Verteidigung anscheinend immer neue E-Mails, Memos und andere digitale Schmierzettel aus der Vergangenheit präsentieren – zur sicherlich nicht geringen Überraschung ihrer Schöpfer.

Kein Wunder, daß sich um das Netz als gigantischer Massenspeicher der Menschheit allerlei zumeist hoffnungsfrohe Überlegungen zu Geschichte und Gedächtnis ranken (auch wenn die Entscheidung, ob es sich dabei um Scharfsinn oder akuten Hirnschwurbel handelt, nicht immer leicht fällt). Keine Frage: Was einmal digital vorliegt, verschwindet so schnell nicht mehr aus dieser Welt. Kaum etwas müßte sich daher besser als Archiv eignen als das Internet, kaum etwas scheint prädestinierter zum Gedächtnis der Menschheitsgeschichte, als dieser dezentrale, weltweite Rechnerverbund.

Die Idee eines Archivs, Dokumente für die Nachwelt zu bewahren, basiert auf – mindestens – zwei Prämissen: Es gibt Originale und es gibt sie in endlicher Zahl. Doch für digitale Daten gilt genau das nicht: Es gibt keine Originale, kein einmaliges Negativ – nur unendliche Mengen variantenreicher Kopien und Abzüge in beliebiger Zahl. Was bei Realien als Geschichte stiftendes Werk sinnvolles Tun ist, stößt bei Digitalien rasch auf erhebliche Schwierigkeinten, wenn es sich nicht vollständig ad absurdum geführt. In der unendlichen Datenwüste verliert die sammelnde Tätigkeit den Boden unter den Füßen und verkehrt sich der Traum der Archivare zum Alptraum, der monströse Ungeheuer gigantischer Datenberge gebiert.

Das Netz existiert einzig in der Gegenwart und ist ein durch und durch geschichsloses Medium. Im Weballtag zeigt sich das zum Beispiel daran, daß keine Website ihre eigene Entwicklung dokumentiert und jede Neugestaltung und Überarbeitung die Spuren der Vergangenheit tilgt. Selbst die Nachrichtendienste wie C-Net oder Wired verzichten auf Archive und schütten statt dessen Datenberge auf, in denen mit mangelhafter Volltextsuche unbeholfene Schürfversuche unternommen werden können. Das einziges Aufbewahrungskriterium ist die Zeit: Alles, was älter als zwei Jahre ist, wird erbarmungslos gelöscht. Wer sich über ein Netzereignis informieren will, das länger zurückliegt – etwa die Compuserve-Affäre im November 1995 – der könnte in Bibliotheken und Archiven schneller und zuverlässiger fündig werden als im Internet. Denn das Netz verliert zwar nichts – aber es vergißt sehr leicht.

Zuerst erschienen bei: Spiegel Online, 50/1998


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