Der Bock als Gärtner

Montag, 6. Februar 2006, 12.14 Uhr

Zuerst in: Business-PC Daily, geschrieben am 5. 2.

Eines vorweg: Ich halte den gewerbsmäßigen Handel mit illegalen Kopien von Filmen nicht für ein Kavaliersdelikt. Ich finde es auch nicht in Ordnung, wenn man urheberrechtlich geschütztes Material kopiert, um es anschließend über eine Tauschbörse unters Volk zu bringen.

Aber ich glaube auch nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt.

Die Ritter von der selbstgerechten Gestalt
Die Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) hat sich hehre Ziele auf die Fahnen geschrieben, die man auf ihrer Webseite nachlesen kann.

Sie tritt mit dem Anspruch auf, »durch die Bekämpfung dieser Form von Wirtschaftskriminalität« – gemeint sind illegale Kopien von urheberrechtlich geschütztem Material – »den Schaden ihrer Mitglieder zu begrenzen«. Gleichzeitig verfolge man das Ziel, »im Zusammenwirken mit den staatlichen Behörden Straftaten aufzuklären«, und zwar, so wird ausdrücklich betont, »ohne Ansehen des Täters, des Geschädigten oder der Größenordnung des einzelnen Falles«.

Dann findet man noch wuchtige Stichworte wie »konsequente Strafverfolgung«, »hohe Glaubwürdigkeit« oder »kompetenter Partner in allen Fällen von Copyright-Verletzungen«.

Kurz: Die GVU tritt mit flammenden Schwert als unbestechlicher Wächter über Recht und Unrecht auf.

The harder they fall
Schon das bisher von der GVU mit Vorliebe benutzte und gezielt drastische Vokabular wie »Raubkopierer sind Verbrecher« oder »Piraterie« scheint, nüchtern betrachtet, seltsam unangemessen. Es lässt einen an diverse Abenteuer- und Action-Filme denken, ist aber für die Realität der Kopierer-Szene wohl doch ein paar Nummern zu groß.

Fast scheint es so, als habe die berufliche Dauerbeschäftigung mit den Scheinwelten Hollywoods zu einer gewissen Störung in der Wahrnehmung der Realität geführt.

Doch die plakativ-unrealistische Wortwahl war nur das Vorspiel. Denn wie die Zeitschrift c’t nun mit Kopien von Rechnungen und Kontoauszügen belegen kann, hat die GVU nicht nur Raubkopierer verfolgt – sondern aktiv unterstützt. Um an Informationen aus der Szene zu gelangen, flossen Gelder und es wurden Rechnungen für die Server bezahlt, über die die Raubkopien unters Volk kamen

Doch nicht nur das: Man versorgte die Szenen auch mit brandneuem Material, das natürlich besonders begehrt war und reißenden Absatz fand. Dabei hielt man es nach Erkenntnissen der c’t nicht immer für nötig, die Rechtsinhaber darüber zu informieren, wofür ihre Werke da benutzt werden.

Die GVU scheint von der Richtigkeit ihres Tuns derart unerschütterlich überzeugt zu sein, dass sie sich über alle moralischen Fragen glaubt hinwegsetzen zu können. Ihr selbstgerechter Kreuzzug gegen die angeblich so gefährlichen Raubkopierer hat sie einen großen Schritt zu weit gehen lassen.

Die GVU hat zumindest einen Teil der Szene erschaffen, die sie zu bekämpfen vorgibt.

Es hat schon einen ganz eigenen Geschmack, die Szene zuerst durch Filmmaterial und finanzielle Mittel aufzupäppeln, um sich hinterher in großen Kampagnen über die stetig wachsende Gefahr zu echauffieren und eine Verschärfung des Urheberrechtes zu verlangen.

Mit der GVU hat man, scheint’s, den Bock zum Gärtner gemacht.

Hoffen wir, dass auch in diesem Fall konsequent, »ohne Ansehen des Täters, des Geschädigten oder der Größenordnung des einzelnen Falles« vorgegangen wird und die GVU eine Probe ihrer eigenen Medizin zu kosten bekommt.