Der Gott aus der Maschine

Montag, 1. Juni 1998, 11.36 Uhr

Während die Propheten ein neues Zeitalter digitalen Heils heraufdämmern sehen, sind wir noch weit davon entfernt, das Netz zu verstehen.

Je weniger wir von der Funktionsweise und den ökonomischen, sozialen und politischen Verflechtungen einer neuen Technologie begreifen – so Saskia Sassen –, desto stärker neigen wir dazu, ihr menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.

Die Feststellung der Professorin für Urban Planning an der New Yorker Columbia University leuchtet ein: Immer schon haben wir auf die komplexe Undurchschaubarkeit der Welt mit animistischen Erklärungen reagiert und den Dingen um uns herum ein eigensinniges Eigenleben zugeschrieben. So wird aus dem beängstigend Unbegreiflichen ein verstehbares Ereignis, dem wir vielleicht hilflos unterworfen scheinen, das aber doch prinzipiell kalkulier- und damit auch potentiell steuerbar ist.

Wenden wir Sassens Erkenntnis auf die populären Computer- und Internet-Bilder an, wie sie uns via Film, Funk und Fernsehen regelmäßig ins Haus purzeln, dann liegt der Schluß nahe, daß es wohl kaum eine Technologie gibt, deren Bedeutung wir weniger verstehen als die des Digitalen.

Das mag zwar auf den ersten Blick verblüffen, schließlich soll der Computer doch auf dem Weg zur Alltagselektronik sein. Hört man jedoch ein wenig genauer hin, dann gleicht die allgegenwärtige öffentliche Rede über Computer und Netzwerke weit eher magischen Beschwörungsritualen als aufgeklärtem Gespräch.

Dabei wird die Maschine nicht nur vermenschlicht – nicht zufällig lautet eine beliebte Erklärung der CPU, sie sei das »Gehirn« bzw. das »Herz« des Computers – sondern sie nimmt in entzauberten Zeiten die Stelle ein, die einst von Göttern, Dämonen und ähnlichen Wesen besetzt war. Daß Hacker oder Programmierer dabei in der Rolle der Magier, Zauberer und Priester beschrieben werden, ist nur konsequent.

Auch der Werbespot zehrt von unserem Nicht-Begreifen der digitalen Realität. In ihm versucht der Mensch mit magischen Gesten – »rüttel mal am Kabel« –, den Gott in der Maschine gnädig zu stimmen, muß aber, so die Werbebotschaft, damit scheitern, solange er sich nicht der Hilfe des Oberpriesters versichert, jener Firma also, für deren Dienstleistung der Spot wirbt.

Natürlich stoßen wir auch in den Erzählwelten Hollywoods immer wieder auf eigenartige Vorstellungen davon, was ein Computer können soll. Daß es in märchenhaften Spektakeln wie Mission: Impossible oder Golden Eye nicht sonderlich wahrscheinlich oder gar realistisch zugeht, kann kaum überraschen. Aber daß ausgerechnet in Filmen wie Hackers oder The Net, in Filmen also, die sich ausdrücklich mit der Welt der Computer und der Rolle des Menschen in dieser Welt beschäftigen, jedes konkrete Faktum in nebulöser Mystik versinkt, ist bemerkenswert.

Im digitalen Alltag artikuliert sich die magische Sicht der Dinge häufig in irrationalen, paranoiden Ängsten – jeder Mausklick wird überwacht –, oder in ihrer hybriden Entsprechung, daß totale Kontrolle möglich sei. So abstrus beide Vorstellungen sind, so einig sind sie sich in der Einschätzung der Maschinen: Sie sind allmächtig.

Machen wir uns nichts vor: Wir sind weit davon entfernt, das Internet zu verstehen. Niemand weiß, wohin sich das Netz entwickeln und welche Konsequenzen für unser Leben und unsere Gesellschaft diese Entwicklung haben wird. Nur eines scheint sicher: Ablehnende Skepsis mag sich rational dünken, verdankt sich in Wahrheit jedoch der irrationalen Dämonisierung des Systems. Nur mit Neugier, Entdeckerfreude und Risikobereitschaft werden wir lernen und erkennen können, was das Internet ist. Denn in einem hat die Fantasy wohl recht: »The truth is out there.«

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Juni 1998


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: