Der letzte macht das Licht aus

Montag, 10. September 2007, 18.18 Uhr

Geschrieben für die September-Ausgabe von Berliner Journalisten. – Disclaimer: Ich bin seit rund zehn Jahren Mitglied des Jonet und habe einige Jahre lang den technischen Ableger Jotech betreut.

Vor einem guten Dutzend Jahre – genauer: 1994 – gründete eine Handvoll Journalisten das „Jonet“. Das war (und ist) eine Mailingliste, die „ein Forum zum Austausch von Informationen, Ideen und Meinungen für alle sein“ soll, „die in den Medien arbeiten oder ein nachhaltiges Interesse an den Medien besitzen.“

Bei der Gründung des Jonet waren Mailinglisten hierzulande noch kaum bekannt, inzwischen haben sie ihre besten Zeiten hinter sich und sind kaum noch bekannt. Also für alle, die es noch nicht oder nicht mehr wissen: Eine Mailingliste ist ein automatisches Verteilersystem für elektronische Post und ein ebenso einfacher wie effizienter Weg, eine digitale Diskussionsrunde zu etablieren. Die Teilnehmer schicken ihre Beiträge per E-Mail an eine zentrale Adresse, von der aus sie automatisch an alle Mitglieder der Mailingliste weitergereicht werden. Jedes Mitglied kann auf jeden Beitrag antworten und im Handumdrehen entsteht eine „many to many“-Kommunikation, wobei es weder nach oben noch nach unten eine Grenzen gibt. Es gibt Mailinglisten mit drei, vier Teilnehmern und solche mit drei- oder viertausend.

Wieviele Menschen sich via Jonet unterhalten können, ist nicht ganz klar. Auf der Homepage ist sowohl von „rund 1.900 Journalisten und Medieninteressierten“ wie von „rund 2.100 Medienmenschen“ die Rede, während die Jonet-Datenbank „zurzeit insgesamt 3.694 Mitglieder“ zählt. Doch ganz gleich, ob das Jonet nun knapp 2.000, gut 2.000 oder fast 3.700 Mitglieder hat, es ist jedenfalls einer größten Journalisten-Treffs im deutschsprachigen Internet.

Leider ist es auch einer der langweiligsten.

Der Gründungsimpuls, den „Austausch von Informationen, Ideen und Meinungen“ unter Kollegen zu ermöglichen und fördern, ist schon seit langem erlahmt, die Jonet-Gründer haben sich längst vom operativen Geschäft zurückgezogen und aktive Neuzugänge, denen das Jonet willkommene Plattform wäre, gibt es nicht. Wer heute etwas über Medien und Journalismus sagen möchte, der tut dies in einem Blog oder in einem Webforum, aber nicht mehr in einer Mailingliste wie dem Jonet.

Hier melden sich, den erstaunlichen Mitgliederzahlen zum Trotz, die immer gleichen Teilnehmer zu Wort, es werden die immer gleichen Fragen gestellt und die immer gleichen Antworten gegeben. In trüben Stunden kann einen das Jonet auf die Idee bringen, man sähe einer Handvoll Bots bei der leerlaufenden Phrasenproduktion zu.

Keines der großen Medienthemen der letzten Monate oder Jahre hat im Jonet für produktive Unruhe gesorgt, kein Thema scheint es wert gewesen zu sein, dass man sich im Kollegenkreis darüber unterhielte; kontroverse, lebendige, gar horizonterweiternde Streitgespräche sind keine Sache des Jonet. Ab und an sorgt eine gezielte Provokation der unvermeidlichen Forentrolls für fast hektische Betriebsamkeit und Empörung, dann tritt wieder Ruhe ein.

Das Jonet ist heute das digitale Pendant zum Kleinanzeigenmarkt und genauso nützlich und öde wie dieser. Wer einen Nachmieter sucht oder einen Käufer für eine alte Kamera, wer einen Job zu vergeben hat oder wissen möchte, wie man mit Artikeldieben umgeht, der kann im Jonet reüssieren. Diskutiert oder gestritten wird hier nicht – wer streitet schon mit Kleinanzeigen?

Sollte sich doch einmal überraschende Diskussionsfreude zu Wort melden, wird sie zuverlässig von den Admins der Liste (die sich hier „Hausmeister“ nennen) niedergebügelt. Nun laufen mäandrierende Themenverfehlung, off-topic-Abschweifungen und diskursive Weiterungen ad libitum zwar immer Gefahr, die thematische Fokussierung einer Diskussion unproduktiv aufzuweichen, und es gehört fraglos zur Aufgabe eines Admins, den Rauschpegel zu mindern. Beim Jonet jedoch wurde diese Aufgabe so hausmeisterlich gründlich gelöst, dass mit dem Rauschen auch gleich das Signal entsorgt wurde.

Und so dämmert das Jonet sanft seiner gänzlichen Bedeutungslosigkeit entgegen. Da möchte man nicht weiter stören, sondern zieht sich, psst!, behutsam zurück. Der letzte macht das Licht aus.