Der schwarze Freitag

Sonntag, 13. Februar 2005, 20.32 Uhr

Die Nachricht kam plötzlich, aber nicht unerwartet: Der aktuelle Star- Trek- Ableger »Enterprise« wird nach Ablauf der vierten Staffel beendet. Das finale Datum konnte passender kaum gewählt werden, es fällt auf einen Freitag, den 13. (Mai, um genau zu sein).

Nun wäre die Einstellung einer Fernsehserie kaum mehr wert als eine Randnotiz auf den Medienseiten der Zeitungen, doch Star Trek ist keine normale Fernsehserie. Kein anderer populärer Mythos hat das Verständnis einer ganzen Generation von den Möglichkeiten und Grenzen der Technik derart nachhaltig geprägt wie diese Science-Fiction-Serie.

Fast 40 Jahre lang brach das Serien-Personal in immer neuen Konstellationen in immer neue »unendliche Weiten« auf und spielte in mehr als 600 Folgen als »Thema mit Variationen« so ziemlich jede nur denkbare Variante und jedes mögliche Handlungsszenario durch. Was im August 1966 erstmals als Serie über die US-Bildschirme flimmerte, war kaum mehr als ein Western im Weltraum. Jede Folge begann mit dem Spruch »Space – the final frontier« und erzählte damit einmal mehr den »Grenzer«-Mythos der amerikanischen Landnahme. Doch schon bald nutzten die Autoren die grenzenlosen Möglichkeiten, die ihnen das Science- Fiction-Setting gab und die Serie entwickelte sich zu einem präzisen Seismographen, der die Erschütterung des Zusammenpralls von Alltagsbewusstsein und technischer Entwicklung minutiös nachzeichnete.

Ob Atomkrieg oder Schwarze Löcher, biologische Kriegsführung oder Gentechnologie: die Autoren der Serie verstanden es nicht nur, jede aktuelle technische Entwicklung in Handlung umzusetzen, sondern setzten sich mit kritischen Akzenten vom platten Fortschrittsglauben gängiger Science-Fiction- Stories ab. Technik, Wissenschaft und Forschung, so lehrte Star Trek Woche um Woche seine Zuschauer, ist kein Wert für sich sondern bezieht seine Bedeutung immer erst durch die Einbindung in ein gesellschaftliches Wertesystem.

Mit ihrer letzten erfolgreichen Ausformung »Voyager« erreichte die Star-Trek- Erzählung für viele Fans ihren Höhepunkt, die jetzt eingestellte Serie »Enterprise« erntete dagegen immer heftigere Kritik – und abstürzende Einschaltquoten, die schließlich zum Ende geführt haben. Doch auch im Untergang ist die Serie ihrer Funktion als Spiegel des amerikanischen Alltagsbewusstseins treu geblieben. Nach den Terror-Anschlägen vom 11. September wurde aus dem Forschungsschiff »Enterprise«, das von einem naiv-optimistischen Captain befehligt wurde, ein schwer bewaffnetes Kriegsschiff, dessen Kommandant zwischen Paranoia und Gewalt hin- und herpendelte.

Wie es mit Star Trek nach dem Ende von Enterprise weiter gehen wird, ist derzeit ungewiss. Mit einem neuen Serienableger ist so schnell wohl nicht zu rechnen und ohne Serie im Hintergrund stehen die Chancen auf einen neuen Kino- Film ebenfalls nicht sehr gut.

Grund genug, in der Fan-Szene für Unruhe zu sorgen. Kaum war die Meldung zur Einstellung der Serie auf der offiziellen Star-Trek-Site im Netz erschienen, formierten sich die ersten Protest-Bewegungen im Netz, die per Brief, Fax und E-Mail den Sender für eine Revision seiner Entscheidung bewegen will. Die Erfolgsaussichten sind allerdings zweifelhaft, auch wenn die Fans ihre Hoffnungen auf die immense kommerzielle Bedeutung der Marke »Star Trek« setzen.

Zuerst erschienen in: Sonntagsblick Magazin (CH), 13. Februar 2005