Die letzte Blase

Freitag, 9. Januar 2004, 17.19 Uhr

Eines der Zauberwörter, mit denen eine namenlose Masse anonymer Surfer in einen nimmermüden Dukatenesel verwandelt werden sollte und das in Marketingkreisen bis heute im Umlauf ist, lautet Communities. Doch inzwischen hat die Branche mehr als genug Lehrgeld bezahlt, um für die Erkenntnis reif zu sein, dass es sich dabei um die letzte Seifenblase der schnell gealterten New Economy handelt. Wer für 2004 noch einen guten Vorsatz sucht, hier ist er: Stellen Sie alle Arbeiten an kommerziellen Communities ein. Nicht, dass das mit der Gruppenbildung im Netz nicht funktionierte, im Gegenteil. Sobald ein Kristallisationspunkt vorhanden ist, haben die Menschen im Netz die eindeutige Tendenz zur Gruppe. Doch diese Gemeinschaften Gleichgesinnter lassen sich praktisch nicht kapitalisieren und erweisen sich für einen kommerziellen Webauftritt nicht selten als nachgerade schädlich. Der Aufbau und Betrieb einer Community – so die Lehre aus den bisherigen Versuchen – kostet sehr viel mehr Zeit, Nerven und damit Geld, als gedacht. Obendrein beginnen die eigentlichen Probleme erst später. Dann nämlich, wenn man sein Ziel erreicht zu haben glaubt. Denn auch in einer virtuellen Gruppe etablieren sich rasch sehr reale Gruppenzwänge und die soziale Strukturen verfestigen sich in kürzester Zeit derart, dass man statt des erhofften, image- und umsatzfördernden Fankreises nur noch eine autistische Gruppe unterhält. Virtuelle Gruppen können eine feine Sache sein. Aber bitte nur im öffentlichen, aber privaten Raum der Newsgroups, Mailinglisten und Boards.

Zuerst in: Internet Professionell, 1/2004