Die Microsoft-Methode

Montag, 13. Juli 1998, 15.50 Uhr

Auf den ersten Blick sieht Microsoft wie ein Software-Unternehmen aus. Aber das täuscht.

Große Ereignisse werfen bekanntlich ihre Schatten voraus. Und wenn die Ereignisse selbst nicht groß genug sind, um in diesem Punkt Nennenswertes zu vermögen, dann hilft man dem ganzen eben ein wenig nach. Das heißt dann, je nach Gusto, Werbung, Reklame oder Marketing und besteht aus sehr viel Emotionen, einer Handvoll Versprechungen, einer Prise Information und findet sich in der gesamten Warenwelt von A wie Auto bis Z wie Zwieback.

Die wirkungsvollsten Mixturen stammen, wen wundert’s, aus der Traumfabrik Hollywood, wo ein Film bereits als fertiges Produkt vermarktet wird, wenn er kaum mehr ist als die hastig hingeworfene Skizze eines Drehbuchautors.

Doch die wahren Meister beim gezielten Einsatz der Self-Fullfilling Prophecy sitzen nicht in Los Angeles, Kalifornien, sondern residieren in Redmond, Washington und schreiben keine Drehbücher sondern Software.

Seit der Firmengründung 1975 bis heute verläuft praktisch jede Produkteinführung von Microsoft nach dem gleichen Muster aus Versprechungen, Verzögerungen und Vertröstungen. Am Anfang steht die lautstarke Ankündigung des kommenden Programms, das nicht nur all das können soll, was die Konkurrenz kann, sondern natürlich obendrein viel besser sein soll. Man entwickele bereits eifrig und die erste Beta-Version steht angeblich kurz bevor.

Das mag stimmen oder auch nicht (was die angeblich auf Hochtouren laufende Entwicklung angeht, habe ich so meine Zweifel) wichtig ist für Microsoft nur, daß die Kunden das Versprechen glauben, die Taube auf dem Dach sei zum Greifen nah, man müsse nur den Spatz aus der Hand lassen.

Rückt der versprochene Erscheinungstermin dann näher, verschiebt Microsoft den Start ins nächste Quartal, bedauert die unvorhersehbare Verzögerung, publiziert aber zum Trost schon mal eine umfangreiche Liste der verblüffenden Fähigkeiten des neuen Programms, die den Kunden die Wartezeit bis zur nächsten Terminverschiebung verkürzt. In der Regel dauert dieser Prozeß rund zwei Jahre, in denen Microsoft außer einer Reihe von Ankündigungen zwar nichts zu bieten, es aber trotzdem geschafft hat, die Kunden davon abzuhalten, andere denn Microsoft-Produkte zu kaufen.

Das jüngste Beispiel ist Windows 98, das eigentlich Windows 97 heißen sollte, als sich abzeichnete, daß es mit Windows 96 nichts mehr werden würde, weil Windows 95 es gerade noch geschafft hatte, aber eigentlich als Windows 4.0 für Mitte 1994 angekündigt war.

Oder Windows NT 5.0. Die erste öffentliche Beta kam endlich Mitte September 1997, das fertige Produkt sollte Anfang 1998 auf den Markt kommen. Kam es natürlich nicht. Statt dessen wurde eine weitere Beta-Version in Aussicht gestellt, inzwischen gibt es Meldungen über eine Beta-3, aber was es nach wie vor nicht gibt und auch in diesem Jahr ganz bestimmt und im nächsten vermutlich immer noch nicht geben wird, ist Windows NT 5.0.

Ihre volle Pracht entfaltet die Microsoft-Methode, wenn es um Produkte der Konkurrenz geht, denen Microsoft beim besten Willen nichts entgegenzusetzen hat wie es zum Beispiel bei der kontinuierlichen Spracherkennung der Fall ist. Führend sind hier die Dragon Dictate mit Naturally Speaking und IBM mit Simply Speaking Gold. Während IBM die Technologie in OS/2 implementiert hat und Corel seine WordPerfect Suite mit Naturally Speaking ausstattet, hat Microsoft hier einfach nichts zu bieten.

Macht aber nichts. Damit die Kunden nicht auf dumme Gedanken kommen, verlegt man sich in gewohnter Weise auf Ankündigungen und Versprechungen. Zwar soll die nächste Office-Version – die frühestens 1998 kommen soll, aber sicherlich nicht aus Versehen Office 2000 heißt – jetzt doch keine Spracherkennung bieten, aber dafür verkündete Bill Gates Ende März, daß Windows NT 5.0 per Sprache gesteuert werden können soll. Die APIs entwickle man gerade und zum Beweis demonstrierte er am Beispiel eines Terminplaners samt intelligenten Agenten, wie man sich die Sprachsteuerung vorzustellen habe. Eine beeindruckende Vorstellung, die sicherlich noch wirkungsvoller gewesen wäre, wüßte man nicht, daß Gates und sein intelligenter Assistent mit der Nummer schon seit Jahren auf Tour sind, ohne daß Microsoft nennenswerte Produkte mit Spracheingabe aufzuweisen hätte.

Mag sein, daß die Microsoft-Methode in diesem Fall nicht funktionieren wird, schließlich ist sie nicht unfehlbar. Das populärste Beispiel für ihr völliges Versagen ist wohl das MSN-Debakel, bei dem Microsoft mit Pauken und Trompeten unterging und das so ganz nebenbei bewies, daß der Konzern durchaus nicht das planvoll und mit großen Weitblick von einem charismatischem Visionär gesteuere Ausnahmenunternehmen ist, als das er mitunter gehandelt wird.

Doch was soll’s. Einen Fehlschlag wie MSN kann die Marketing-Maschine Microsoft problemlos verkraften. Dergleichen passiert ihr obendrein recht selten. Zwar gibt es laufend Ankündigungen neuer Produkte, Strategien und Allianzen, die, kaum daß sie es bis zum Ticker der Nachrichtenagenturen geschaft haben, schon wieder Makulatur sind, aber dabei handelt es sich wohl weniger um Fehlschläge, als um Nebelkerzen, Ablenkungsmanöver oder gezielte Aktionen, um potentielle Konkurrenzmärkte unverzüglich niederzuwalzen. (Die Geschichte von MS Works ist in diesem Zusammenhang recht lehrreich.)

Nein, dergleichen ist kein Fehlschlag, sondern definiert recht eigentlich die Microsoft-Methode. Die ist alles in allem nämlich ein fulminanter Erfolg und sorgt für kontinuierlich und kräftig steigende Gewinne. Heuer waren’s rund 4,5 Milliarden US-Dollar und damit 30 Prozent mehr als im Geschäftsjahr zuvor.

Kein Wunder, daß so mancher an der Methode partizipieren will – selbst wenn man keine Software sondern eine Zeitschrift verkauft. Am Montag, den 6. Juli 1998 war es schließlich soweit: Die Microsoft-Methode verlies den angestammten Bereich und erstmals warb eine Zeitung mit einer dicken Schlagzeile für eine Thema, das nicht im aktuellen Heft steht, sondern erst sehr viel später behandelt werden soll: »Noch 10 Wochen bis zum Windows 98 Supertest« titelte die Computer Bild, der damit das einmalige Verdienst zukommt, die redaktionelle Vorankündigung titelfähig gemacht zu haben. Herzlichen Glückwunsch!

Zuerst erschienen bei: Spiegel Online, 29/1998


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: