Die Nazis, die Zigaretten und das Nichtwissen

Dienstag, 2. Januar 2007, 12.07 Uhr

In der Süddeutschen Zeitung von heute findet sich auf S. 11 ein interessanter Artikel von Robert N. Proctor:

Tabakfreie Zone. Deutschlands Schwierigkeiten mit dem Nichtrauchen

in dem es unter anderem um den Zusammenhang zwischen Rauchen und Nazis geht.

Das klingt etwas absurd, ist aber gar nicht so dumm, schließlich gehörte das Gesindel zur ideologischen Nichtraucher-Fraktion. Jeder aufrechte Antifaschist pafft gegen Hitler an, jede Zigarette ist eine Fackel des Widerstands:

Das Rauchen bekam das Image des Widerstands. Hollywood hätte die Geschichte nicht besser schreiben können: Die größten Finsterlinge der Geschichte waren militante Nichtraucher, also müssen die Kritiker des Rauchens Nationalsozialisten sein und Raucher Antifaschisten. Die Tabakindustrie hat diese Karte immer wieder ausgespielt. In Amerika gibt es sogar Wörter wie »Nico-Nazis« und »Tabak-Faschismus«.

Proctor wartet auch sonst mit ein paar interessanten Details auf, etwa dass das vorfaschistische Deutschland führend in der Raucher-Forschung war:

Deutschland war tatsächlich das erste Land, in dem nachgewiesen wurde, dass Rauchen Krebs verursacht; ein weitgehend vergessenes Kapitel der Medizingeschichte. Es waren deutsche Wissenschaftler, die auf dem Pathologenkongress von 1923 darlegten, dass der Lungenkrebs epidemische Ausmaße angenommen hatte, und sie waren die ersten, die die Fallstudienmethode der Epidemologie anwendeten, um die Verbindung zwischen Rauchen und Lungenkrebs nachzuweisen.

Allerdings haben auch die Nazis hier eifrig weitergeforscht, was diese Forschung im Bewußtsein der Öffentlichkeit dann vollständig desavouiert. Dass die Nazi obendrein auf diesem Gebiet mit ihrem »Institut zur Erforschung der Tabakgefahren« auch noch »ohne Grausamkeiten oder Menschenexperimente … sinn- und wertvolle Wissenschaft« betrieben, macht die Sache nicht gerade leichter.

Oder wussten sie, dass die nichtrauchenden Faschisten selbst zu den Zigarettenproduzenten gehörten? Bitte sehr:

Die Industrie will uns sowieso weismachen, dass Zigaretten zwar geraucht, aber nicht hergestellt werden. Wir sollen uns daran erinnern, dass Hitler den Tabak nicht mochte, aber wir sollen vergessen, dass die Braunhemden der SA ihre eigene Zigarettenmarke hatten, die »Sturmzigarette«, durch deren Verkauf viele ihrer Operationen finanziert wurden.

Proctor, so heißt es am Schluss des Artikels, »ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Stanford University«, und er hat ein sehr interessantes Spezialgebiet. Nämlich: »›Agnotology‹ – die kulturelle Produktion von Unwissen.«

Der Artikel ist online derzeit nur in der kostenpflichtigen Ausgabe der SZ zu haben.


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: