Die Raubkopierer und die Statistik

Donnerstag, 19. Mai 2005, 10.45 Uhr

In regelmäßigen Abständen informiert der Lobby-Verband der Softwareindustrie „Business Software Alliance“ über die – angeblichen – Schäden, die durch den Einsatz nicht-lizensierter Software entstehen. Dabei wird jedes Mal mit den erstaunlichsten Zahlen operiert, die in Form von Pressemitteilungen ihren Weg in die Zeitung finden. Dort kann man dann zum Beispiel folgendes lesen:

29 Prozent aller Software in Deutschland waren 2004 Raubkopien. Der Schaden, der den Softwareherstellern daraus erwächst, stieg gegenüber dem Vorjahr um 140 Millionen Euro auf 1,84 Mrd. an. … Zwar sank die Rate im vergangenen Jahr um einen Prozentpunkt, liegt aber immer noch hinter der Schweiz (28 Prozent) und Österreich (25 Prozent). EU-weit beträgt der Anteil unlizenzierter Software 35 Prozent, der Umsatzausfall ist mit 12,2 Mrd. US-Dollar (USD) der höchste im Vergleich globaler Regionen. Weltweit entstand durch die Piraterierate von ebenfalls 35 Prozent ein Schaden von 32,7 Mrd. USD.

Wie die BSA zu ihren Zahlen kommt

Das klingt ja alles sehr bedrohlich! Fast ein Drittel alle Software wird illegal eingesetzt! Verluste in Milliardenhöhe! Doch bevor wir zu einer Spendenaktion für die notleidende Softwareindustrie aufrufen, fragen wir uns lieber, wie die BSA zu ihren Zahlen kommt. Woher weiß man, dass in Deutschland 29 Prozent aller eingesetzten Software illegal oder dass der Softwareindustrie weltweit ein Verlust von 32,7 Milliarden US-Dollar entstanden ist?

Für dergleichen Analysen, Studien und Prognosen gibt es die moderne Zauberkunst der „Marktforschung“. In diesem Fall stammt die Zahlenbasis von IDC. Und wie kommt IDC zu den Zahlen? Werden da etwa Telefoninterviews geführt – „Guten Tag, arbeiten Sie mit Raubkopien? Wie teuer wäre das Programm, müssten Sie es bezahlen? Würden Sie es kaufen?“ – und dann mit statistischen Methoden (die ja nun auch noch mal ein Thema für sich sind) hochgerechnet und kalkuliert?

Nicht ganz. Vereinfacht dargestellt funktioniert das so: IDC nimmt die Zahlen der verkauften Hardware, ermittelt aufgrund dieser Zahlen einen – vermuteten! – Bedarf an Software und vergleicht diesen spekulativen Wert mit der Zahl der tatsächlich verkauften Lizenzen. Die Differenz sind dann, klarer Fall, Raubkopierer. Diese ein wenig aus der Luft gegriffene Zahl wird nun als Basis für den nächsten Rechenschritt benutzt: Wenn diese Raubkopierer ihre Software bezahlt hätten – wie viel Geld hätte die Softwareindustrie dann wohl verdient? Das, was dabei rauskommt, sind dann die angeblichen Verluste.

Was von den Zahlen der BSA zu halten ist

Das ganze krankt an gleich zwei Stellen: Zum einen an der Annahme, man könnte aus der Zahl der verkauften Hardware die Zahl der benötigten Software ermitteln. Es ist heute fast unmöglich, einen PC zu kaufen, ohne die nötige Software gleich mitzubekommen. Das Standardpaket besteht aus PC + Windows + Office – und es soll, liebe BSA, tatsächlich jede Menge Kunden geben, denen das völlige ausreicht und die keine weitere Software mehr kaufen – ganz gleich, was IDC als angeblich benötigt ansieht.

Der zweite Punkt betrifft die Annahme, ein Raubkopierer würde die Software, die er raubkopiert, notgedrungen kaufen, wenn er sie nicht als illegale Kopie bekäme. Diese Annahme ist schon allein deshalb sehr wacklig, weil ein Raubkopierer normalerweise kein Geld für Software ausgaben kann oder will – sonst wäre er kein Raubkopierer.

Wenn heute jemand mit einer illegalen Version von MS Office arbeitet und ihm diese Version plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht, dann heißt das ja nicht, der Anwender würde nun zähneknirschend, aber doch, rund 500,00 Euro bezahlen, um das Programm legal zu benutzen. Er könnte auch auf das kostenlose Open Office umsteigen, selbst wenn ihm das nicht so gut gefiele.

Was also ist von den Zahlen der BSA zu halten? Im Grunde nicht allzuviel. Weit davon entfernt, so präzise zu sein, wie sie sich geben, sind sie hochspekulativ und basieren auf fragwürdigen Annahmen, die allesamt auf ihre Plausibilität hin überprüft werden müssen.

P. S. Die Selbstbeschreibung auf den Webseiten der BSA ist übrigens ein Musterbeispiel dafür, warum man Texte doch lieber von Menschen, nicht von Software übersetzen lassen sollte. Es ist schon ein Kunststück ganz eigener Art, Grammatikfehler, unbeholfenen Ausdruck und schlichte Unverständlichkeit in so wenigen Zeilen zu konzentrieren. Vielleicht sollte die BSA weniger Geld für fragwürdige Statistiken und mehr für gute Mitarbeiter ausgeben?


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: