Die Republik, Nr. 98–108

Freitag, 24. Februar 2006, 18.09 Uhr

Der Mann läßt sich Zeit. Mehr als zwei Jahre liegen zwischen den beiden letzten Ausgaben von Uwe Nettelbecks Zeitschrift „Die Republik“. Zeit verlangt er auch für die Lektüre. Während kaum ein Tag vergeht, an dem nicht mindestens eine weitere quietschbunte Infotainmentnichtigkeit den brandneuen Altpapierstapel an den Kiosken anwachsen läßt, setzt Nettelbeck konsequent auf das, was Zeitschriften und Zeitungen eigentlich auszeichnen sollte: Text. Davon hat die neue Ausgabe eine ganze Menge zu bieten, mit 644 Seiten ist sie die umfangreichste Republik, die es je gab. Wäre die Republik einfach nur eine aus den Fugen geratene, besonders dicke Zeitschrift, sie wäre nicht der Rede und schon gar nicht die Zeit wert, die allein die schiere Textmenge selbst fürs flüchtige Durchblättern verlangt.

Es ist Nettelbecks singuläre Sprache, die mit ihrem mitunter endlos sich erstreckenden Sätzen geduldige Aufmerksamkeit fordert, den Leser aber überreich belohnt.

Republik 98-108Die Republik. Herausgegeben von Petra und Uwe Nettelbeck, Nr. 98–108, 12. Dezember 1999, 100,00 Mark. Zu beziehen über Pym Films, Berlin, E-Mail: die.republik@pym.de.

Der Sprachfluß der Republik umschließt und trägt mühelos noch das umfangreichste Zitat ebenso wie kleingeschrotete Texttrümmer. Fast gewinnt man den Eindruck, Nettelbeck versuche die Welt mit einer einzigen weit ausholenden Bewegung, in der selbst der kleinste, entfernteste Zusammenhang nicht verloren geht und das kausale Nacheinander der Welt zu einem gleichzeitigen Nebeneinander der Satzteile wird, zur Sprache zu bringen. Dabei werden die Sätze zwar lang, aber nie langatmig, im Gegenteil – der sich immer weiter verzweigenden Sprache folgt der teilnehmende Leser weit eher mit atemloser Spannung, wenn es etwa darum geht, die Einzigartigkeit von Sam Peckinpahs Western „The Ballad of Cable Hogue“ zu beschreiben oder die Geschichte von Leben und Tod des vom Mount Everest besessenen Bergesteigerlaien Maurice Wilson, „I’ll climb Mount Everest alone“, zu erzählen, dessen Leiche samt Tagebuch – letzter Eintrag vom 31. Mai 1934 „Off again, gorgeous day“ – am 9. Juli 1935 in etwa 21.000 Fuß Höhe im Schnee gefunden und „in einer zehn Fuß tiefen Gletscherspalte begraben“ wurde (der Berg verleibte sich den Leichnam förmlich ein: „Es war kein Loch, in das er fiel, er versank ganz einfach im jungfräulichem weißen Schnee“). Die hochkonzentrierte Montage aus Tagebuch, Berichten, Erzählung, Lehrbuch, Zeitungsartikel, Lexikoneinträgen, Kommentaren, Briefen, soziologischen Fallstudien und unzähligen anderen Dokumenten füllt mit rund 320 Seiten den größten Teil der aktuellen Ausgabe und ist bewegender, als alles, was die Bildermedien zu berichten wissen, die dem Bergsteigerdarsteller Reinhold Messner „Risiko-Management in Perfektion“ und „Erlebnisse im Grenzbereich des Machbaren“ attestieren. Nettelbeck setzt den plumpen Messnertext kommentarlos ans Ende seiner Dokumentation: Mehr bedarf es nicht, um Messners spektakuläre Aktionen zum Methodacting-Spektakel werden zu lassen. Gerade mal 1000 Exemplare wurden von der aktuellen Ausgabe gedruckt: In Zeiten, die sich von hochauflagigen bunten Druckerzeugnissen nur gar zu gern bescheinigen lassen, wie man’s zuletzt so herrlich weit gebracht habe, ist mit Nettelbecks schwarzweißer Republik offensichtlich kein Staat zu machen.

Zuerst erschienen bei: Die Zeit im Internet, 8/2000