Die Technik wird’s schon richten

Mittwoch, 1. Oktober 1997, 22.06 Uhr

Im Netz herrschen mitunter seltsame Überzeugungen – zum Beispiel die, daß es für alle Probleme eine technische Lösung geben muß.

Gerade noch rechtzeitig, bevor der Frühling die Herzen und Hirne der Internetsurfer durcheinander wirbeln konnte, kam besondere Kunde von den britischen Inseln. Dort präsentierte die Firma Microtrope am 25. März ihren Image-Censor, und pries ihn als das langersehnte »pornography blocking program« für Eltern, Lehrer und Systemadministratoren.

Das Programm ist die konsequente Weiterentwicklung der verschiedenen Filter- und Zensurprogramme, mit denen seit einiger Zeit Kinder und Jugendliche vor dem Schmutz und Schund im Netz – den es zum Leidwesen vieler Menschen auch dort und nicht nur im Leben da draußen gibt – bewahrt werden sollen. Während Cybersitter, Net-Nanny & Co. im Prinzip nur Listen mit verbotenen URLs verwalten, geht Image-Censor einen Schritt weiter. Das Programm wacht im Hintergrund darüber, daß keine anstößigen Bilder auf dem Monitor erscheinen. Dafür wird einfach jedes Byte auf seinem Weg zur Grafikkarte abgefangen und anhand der Pixelanordnung und der Farbtöne entschieden, was erlaubt ist und was nicht.

Inzwischen ist der Frühling vorbei, der Sommer regnet vor sich hin und um den Image-Censor ist es wieder still geworden. Mag sein, daß er ein interessanter Beitrag in Sachen Mustererkennung ist – unterm Strich ist er jedoch nur ein weiteres Steinchen für die Ruinenbaumeister der Künstlichen Intelligenz, eine der vielen kuriosen Blüten, die der populäre Wunsch nach einfachen Lösungen mitunter treibt. Wann immer bekannt wurde, daß das Internet kein harmloser Abenteuerspielplatz für Kinder ist, keine keimfreie Familienunterhaltung und auch keine klinisch saubere Shoppingmall, ertönte der Ruf nach einer technischen Lösung.

Die bayerischen Politiker hätten gern ein Filterprogramm gegen »abartige, kriminelle und extremistische Angebote«; von einem »Filter am Empfangsgerät, dem Computer im eigenen Heim« war im Bundestag die Rede; besorgte Eltern fordern eine Kindersicherung fürs Internet; genervte Netizens, deren Mailbox mit unerwünschter Werbung verstopft wird, einen automatischen Spamfilter und in Mailinglisten diskutiert man das automatische Ausfiltern unerwünschter Postings: Immer wieder stößt man auf die Überzeugung, daß das, was im Märchen die Tauben schaffen, im Leben doch wohl die Technik erledigen könne: Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.

Allein: Wer darauf hofft, daß die Technik es schon richten werde, der vergißt, daß das Netz von intelligenten Menschen bevölkert wird, deren Einfallsreichtum es problemlos mit jeder Künstlichen Intelligenz aufnehmen kann. Was übrigens die Kindersicherungen angeht: Letztlich demonstrierte ein Kind vor der Kamera, wie schnell es einen derartigen Filter austrickst, nämlich in knapp 20 Minuten.

Wer daraus die Konsequenz zieht, daß man dann eben ein besseres Programm benötige, der stolpert in eine programmiertechnische Rüstungsspirale: Was dem einen das Problem, ist dem anderen die Lösung. Wenn wir eines aus der Geschichte des Internets lernen können, dann doch wohl dies, daß technische Lösungen hier keine sind. Das Internet ist als dezentrales Kommunikationsmedium – in Maßen – ebenso unberechenbar und unkontrollierbar, wie es »das Leben« auch ist.

Die Probleme im Netz sind keine Probleme der Technik, sondern Probleme der sozialen Gemeinschaft, die das Netz hervorgebracht hat. Das Internet ist ein Angebot, keine einfach konsumierbare Ware. Ob und wie wir es nutzen, hängt von uns ab: Den verantwortlichen Umgang mit dem System kann uns keine Technik der Welt abnehmen.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Oktober 1997