Die Wahlnacht und das Internet

Mittwoch, 23. Februar 2005, 12.38 Uhr

Ich geb’s ja zu – Landtagswahlen in weit entfernten Bundesländern finde ich nur mäßig spannend. Der ungefähre Wahlausgang steht dank Prognosen und immer zuverlässigeren Hochrechnungen schon wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale fest und normalerweise kann ich getrost auf die Tagesschau oder auf die Zeitung am nächsten Morgen warten.

Die einzige Ausnahme ist Nordrhein-Westfalen – da komme ich her, auch wenn ich jetzt in München lebe. Aber Schleswig-Holstein? Das liegt mir persönlich denn doch zu sehr abseits, als dass ich da mehr als das allgemeine Grundinteresse eines politisch interessierten Bürgers aufbringen könnte.

Dachte ich.

Doch dann kamen am Sonntag die ersten Hochrechnungen und machten die Schlacht im heißumkämpften Norden auch für Zaungäste im tiefverschneiten Süden spannend. Derart knappe Wahlergebnisse hat man hierzulande schließlich selten. Und so spannende Stimmungsschwankungen, bei denen sich praktisch alle fünf Minuten die Mehrheitsverhältnisse ändern können, sind auch nicht gerade alltäglich.

Früher hätte mich die Wahlnacht einige Stunden vor dem Fernseher gefesselt – und ich hätte mich geärgert. Nicht nur, weil eine Landtagswahl im Fernsehen nicht die hohe Beachtung findet, wie eine Bundestagswahl und man daher auf wenige, kurze Beiträge angewiesen ist. Sondern vor allem, weil mir im Fernsehen eine Redaktion vorgibt, was mich just im Moment zu interessieren hat.

Glücklicherweise gibt es heute das Internet. Hier findet man auf verschiedenen News-Seiten die aktuellen Hochrechnungen, Statements und Informationen zur freien Auswahl. Und wenn man einem Stichwort mal genauer nachgehen möchte – wie funktioniert doch gleich das Auszählungsverfahren? Wie die Sitzverteilung? Was genau ist eigentlich der SSW, von dem plötzlich alles abhängt? – dann ist Google nur einen Mausklick entfernt und verbindet mich noch mit den abgelegensten Datenquellen im Netz.

Das ist alles sehr schön und gut und ich fühle mich prächtig informiert. Doch manchmal komme ich in der heranrollenden Infoflut auch ins Trudeln.

Nach dem Hin und Her der Wahlnacht und des nächsten Morgens stolperte ich in den Google-News in der Nacht von Montag auf Dienstag (um 0.55 Uhr, um genau zu sein) auf eine neue spektakuläre Meldung: „Schleswig-Holstein steht vor einem Machtwechsel“ hieß es da. Also doch! Als Quelle wurde die Financial Times Deutschland genannt, die Meldung war 3 Stunden alt. Keine Frage – eine seriöse Quelle, eine brandaktuelle Information, ein sensationeller, erneuter Umschwung im Wahlergebnis. Ich klickte und las begierig – bis ich merkte, dass die Meldung von Google zwar erst Montagnacht aufgenommen wurde, aber von der FTD schon am Sonntagabend veröffentlicht wurde und damit veraltet und überholt war.

So geht’s im Internet, im Fernsehen wäre dergleichen nicht passiert. Mit dem Internet hat man also zwar fast freien Zugriff auf alle nur denkbaren Informationsquellen – aber dafür muss man auch sehr genau hinschauen, was man da gerade liest.


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