Die Zukunft ist lokal

Donnerstag, 1. Mai 1997, 22.14 Uhr

Die Möglichkeiten des Internets scheinen grenzenlos und verführerisch. Doch manchmal vergessen wir über den schönen Schein das Naheliegendste.

Wenn vom Internet die Rede ist, dann können Sie darauf wetten, daß früher oder später das Epitheton »weltweit« fällt: Kaum etwas am Internet scheint faszinierender zu sein, als die Vorstellung, sich per Mausklick und WWW aus der Provinz schlagartig in die weite Welt katapultieren zu können. Und da sich mit Faszination gut werben läßt, verzichtet kein Online-Dienst, Provider oder Hersteller in seinen Anzeigen auf den Hinweis der schier unbegrenzten Möglichkeiten weltweiter Kommunikation: Es spiele, belehrt uns da zum Beispiel Microsoft, keine Rolle mehr, ob unser »Gesprächspartner in der Nachbarschaft oder auf der anderen Seite des Globus« wohne. Richtig, assistiert IBM und preist die Möglichkeiten globaler Geschäftigkeit: »Jetzt können Sie in aller Welt Läden eröffnen.«

Und, haben sie etwa nicht recht? Können wir nicht via Modem Online-Stores in der ganzen Welt besuchen und uns die Bestellung ins Haus schicken lassen, ohne auch nur einmal aufstehen zu müssen? Kann nicht ein jeder seine Dienste übers Internet der ganzen Welt bekanntgeben? Ist es etwa nicht möglich, sich den Wetterbericht in Toronto anzuschauen, einen Abstecher zu Live-Kamera in der San Francisco Bay zu machen, kurz in der Library of Congress zu recherchieren, von dort zum Louvre zu hüpfen, die Besetzungsliste von »Ausgerechnet Alaska« ausgerechnet von einem Server in Alaska zu laden und schließlich alles zusammen als E-Mail nach Rußland zu schicken? Keine Frage – dies und sehr viel mehr geht übers Netz: Das Internet eröffnet tatsächlich eine ganze Welt und wir können wirklich von daheim aus Kontakte in die entlegensten Winkel der Welt knüpfen (vorausgesetzt, in diesem Winkel steht irgendwo ein Server). Doch so anregend und spannend all‘ das auch ist: Es ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Möglichkeiten des Internets und noch nicht einmal die halbe Wahrheit.

Es ist nämlich – Obacht, Microsoft! – ganz und gar nicht egal, ob mein Gesprächspartner im Nachbarhaus sitzt oder in Australien und ob wir also das Chat-Geplauder leibhaftig bei einem gemeinsamen Treffen fortsetzen können. Und es ist – aufgemerkt, IBM! – durchaus nicht so, daß ein Webauftritt einem Laden vor Ort gleichkommt, wo ich Dinge anfassen und mit Menschen reden kann.

Wer nur auf die weltweiten Aspekte des Internets schielt, der verliert die Möglichkeiten der lokalen Vernetzung aus dem Blick. Und das wäre fatal – denn schließlich entfaltet sich auch das Leben des begeisterten Surfers in lokalen Kontexten und nicht im World Wide Web. Mag auch der Firmenmulti weltweit tätig sein und seine Netzpräsenz als internationale Filiale betreiben: Die Mehrzahl der Händler lebt von der lokalen und regionalen Kundschaft. Auch wenn der Moviemaniac aufs anregendste mit Gleichgesinnten in aller Welt chattet: Ins Kino geht mit Freunden und Bekannten vor Ort, das Gespräch zum Film führt er beim Bier in der Kneipe um die Ecke.

Fast könnte man sagen, daß die weltweite Vernetzung ein zwar wichtiger – Stichwort: grenzenloser Informationsfluß –, aber bei weitem nicht der wichtigste Aspekt des Internets ist. Die breite Akzeptanz des neuen Mediums hängt nicht davon ab, ob man von Deutschland aus eine E-Mail an die Queen schicken, oder CDs in Amerika bestellen kann. Sondern davon, inwieweit es gelingen wird, das Netz als alltägliches – und das heißt: lokales – Service- und Informationsmedium nutzen. Daß ein deprimierend großer Teil der lokalen und regionalen Angebote zur Zeit ebenso lieb- wie einfallslos ist, ist kein Gegenargument: Das dilettantische Desaster sagt zwar eine ganze Menge über den Unverstand der Macher, aber kaum etwas über die Möglichkeiten des Mediums.

Das Bedürfnis nach lokalen Angeboten, Informationen und, ganz wichtig: Kontakten, ist – darauf kann man bedenkenlos wetten – jedenfalls sehr groß. Wer das bezweifelt, der werfe nur mal regelmäßig einen Blick in die lokalen Chatrooms und Newsgroups oder die regionalen Bereiche in den Online-Diensten. Man lasse sich doch nicht von den Begriffen und populären Mißverständnissen irre machen. Nur, weil das Web »World Wide« ist, muß ja nicht zwingend jeder Hyperlink in die entferntesten Ecken der Welt verzweigen. Und warum sollte ein so wunderbar flexibles und schnelles Medium wie E-Mail nicht auch in lokalen Kontexten eingesetzt werden.

Selbst der Hemmschuh par excellence, die miesen Übertragungsraten, könnte im städtischen Bereich wegfallen: Schließlich ist ein schnelles lokales Glasfasernetz keine Utopie, sondern bezahlbare Realität. Plazierte man in diesem Glasfaserring noch zusätzliche Spiegelserver, dann wäre Geschwindigkeit tatsächlich keine Hexerei mehr und vieles von dem problemlos möglich, was bislang nur zu Frustrationen führt.

Das Internet ist ein Zusammenschluß lokaler Netzwerke, die über ein einheitliches Protokoll Daten austauschen können: Der Ursprung des Internets liegt im lokalen Bereich. Es gehört keine Prophetengabe dazu, um zu sagen: Seine Zukunft auch.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Mai 1997