Draußen vor der S-Bahn-Tür

Donnerstag, 13. September 2001, 14.14 Uhr

In München beginnt der Tag mit einer Demütigung. Zumindest dann, wenn man für den Weg ins Büro die S-Bahn benutzt. Die ist neu und modern und besitzt digitale Türöffner. Wo früher ein Hebel war, dessen Funktion aus dem häuslichem Alltag vertraut war – Hebel drücken, Tür offen -, befindet sich nun ein Kreis mit drei grünen Lämpchen, die dem verwunderten Reisenden zwar signalisieren, dass sie wohl die Funktion einer Klinke besitzen, aber nicht verraten, wie das geht.

Und so entsteht unweigerlich das peinigende Gefühl vollendeter Dämlichkeit, scheitert man doch schon an der simplen Aufgabe, eine Tür zu öffnen. Zur Funktionsweise dieser Lämpchen kursieren unterschiedliche Theorien. Die Körperwärme beim Berühren spiele eine Rolle, verkünden die einen, mit behandschuhten Händen rühre sich gar nichts. Andere vertreten die Theorie der Lichtschranke: Wem es gelänge, mindestens zwei der drei Lämpchen gleichzeitig zu verdecken, dem öffne sich willig die Tür. Doch ein Blick in den SBahn-Alltag belegt, dass den Reisenden keine Theorie so nahe liegt wie die pragmatische Gewalt. Allmorgendlich ballen sich die mürrischen, unausgeschlafenen Münchner Kampfpendler vor den störrischen Türen; allmorgendlich reckt sich ein Knäuel aus hundert Händen nach vorn und prügelt, schlägt und hämmert so lange auf das Lichtdreieck ein, bis die Türen schließlich aufgehen.

Ein Designfehler? Eher das Scheitern eines schönen Traums: Man sieht die Entwickler gerade zu vor sich, wie sie über den hübschen Zeichnungen ihres hübschen neuen Zuges sitzen und sich seine hübschen Passagiere vorstellen, für die sie einen Türöffner entwerfen: Da fahren nur ausgeruhte Leute mit der S-Bahn, die nach leichtem Fingertipp auf den Lichtkreis entspannt das Öffnen der Türen abwarten. Dass in der Wirklichkeit ungeduldige Pendler triste S-Bahn-Höfe bevölkern – dafür können die Entwickler ja nun wirklich nichts.

Zuerst erschienen in: Die Zeit, 37/2001


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