Ein Bild sagt mehr …

Montag, 9. Mai 2005, 16.23 Uhr

Kennen Sie „Flickr“? Nein? Dann sollten Sie es aber schleunigst kennen lernen. Flickr (nein, da fehlt kein „e“, das hat man jetzt so) ist nicht nur ein cooles Spielzeug, sondern der Vorbote neuer Publikations- und Kommunikationsformen im Internet, deren Auswirkungen auf unser privates und berufliches Leben derzeit erst in Umrissen erahnbar sind.

Bei Flickr handelt es sich um ein „Foto-Blog“, d. h. die Teilnehmer von Flickr posten ihre Fotos. Das klingt erst einmal sehr unspektakulär und ist es auch, aber nach einiger Zeit erkennt man, dass es dieses scheinbar schlichte Modell in sich hat.

Das erste Mal habe ich von Flickr vor ungefähr einem halben Jahr gehört. Damals erzählte mir ein Kollege davon, der hellauf begeistert war. Damals habe ich mir das kurz angeschaut, mit den Achseln gezuckt und nicht gewusst, was denn so toll an Flickr sein soll. Das hat sich geändert, als ich mir eine neue Digitalkamera zulegte. Meine frühere Kamera war zwar sehr ordentlich, aber ein wenig betagt und langsam. Die neue ist schnell, unkompliziert und macht Bilder in hoher Qualität. Und damit schlug die Stunde von Flickr.

Normalerweise fotografiert man nicht, um sich die Fotos im stillen Kämmerlein allein anzuschauen, sondern um sie anderen zu zeigen oder auszustellen. Bei digitalen Fotos heißt das: Die Bilder gehören auf eine Webseite. Nun ist die webtaugliche Aufbereitung digitaler Bilder eine gar nicht so triviale Sache, außerdem muss man den HTML-Code bauen und laufend ändern, seine Webseite anpassen und ähnliches mehr. Kurz: Man bekommt die Bilder zwar sehr einfach auf seine Festplatte, aber der Weg von da ins Web ist mühsam, lästig und fehleranfällig.

Also dachte ich, es wird Zeit, Flickr auszuprobieren. Schon nach wenigen Versuchen war ich sehr angetan. Über ein kleines Upload-Tool werden die Fotos ins gewünschte Format gebracht, mit Stichworten und Titeln versehen und per Mausklick in Flickr hochgeladen. Dort kann ich sie nach verschiedenen Aspekten gruppieren (oder auch nicht) und sie kommentieren (oder auch nicht). Flickr erzeugt automatisch Fotoalben, durch die man blättern kann und kümmert sich um den ganzen technischen Kram. Statt mich mit HTML-Code herumzuschlagen, beschränken sich meine Mühen nun auf ein paar Mausklicks und ein ganzer Schwung Bilder ist online einsehbar. Möchte man, dass Fotos nicht für jedermann zugänglich sind, lassen sie sich als „private“ markieren.

Das ganze funktioniert (von gelegentlichen Aussetzern einmal abgesehen) tadellos und sehr zügig, doch der eigentlich Clou ist die Vernetzung der verschiedenen Flickr-Benutzer. Jeder Teilnehmer kann zu jedem öffentlichen Bild einen Kommentar schreiben oder einen bestimmten Teil eines Bildes markieren und dort eine Notiz hinterlassen. Man kann andere Teilnehmer in seine Kontakte eintragen und diesen dann bestimmte, nicht-öffentliche Bereiche seiner Bildersammlung zugänglich machen. Andere Teilnehmer schließen sich zu Gruppen zusammen und publizieren „Themenreihen“ im Netz, wobei es die wildesten thematischen Vorgaben gibt. Natürlich gibt es die traditionellen Gruppen wie „Schwarz-Weiß-Fotografie“ oder „Portraits“, aber wirklich spannend sind Gruppen wie „Squared Circles“, bei der es darum geht, runde Gegenstände mit einem exakt quadratischem Foto einzufangen. Das klingt simpel, ist es auch, aber wenn man durch die aktuell rund 12.000 Fotos blättern, entstehen immer wieder verblüffende optische Effekt.

Verblüffend ist auch die Gruppe „Transparent Screens“. Hier wird zuerst das fotografiert, was man normlaerweise nicht sieht, weil Monitor davor steht. Anschließend benutzt man dieses Foto als Bildschirmhintergrund. Mit ein wenig Geduld und Photoshop lässt sich so der Eindruck vermitteln, der Monitor sei durchsichtig. Nach den ersten einfachen Versuchen bietet diese Gruppe inzwischen hochgradig artistische Fotos.

Diese Beispiel mögen als Beleg für meine Behauptung genügen, dass sich in Flickr neue Kommunikationsformen bilden. Da es sehr viel einfacher ist, etwas einfach rasch zu fotografieren als es wortreich zu beschreiben, entstehen in Flickr in einem unglaublichen Tempo vernetzte Dialoge der Teilnehmer untereinander. Noch nie konnte man zum Beispiel jemanden Singapur so schnell und genau über das aktuelle Wetter in München informieren.

Doch wie gesagt – Flickr macht nicht nur Spaß und ist unterhaltsam, sondern es lassen sich problemlos 1001 berufliche Einsatzmöglichkeiten vorstellen. Wenn Sie zum Beispiel in Hamburg sind und Ihr Geschäftspartner in Dortmund oder Hong Kong oder Peru und sie ihm die neuesten Produktentwürfe zeigen wollen, dann laden Sie die Bilder einfach in eine private Flickr-Gruppe. Gegenüber dem üblichen Versand per E-Mail bietet eine solche Gruppe den Vorteil, dass nicht nur der Empfänger der Mail, sondern jeder, dem Sie Zugriff auf Ihre Sammlung gewähren, alle Fotos sehen und kommentieren kann. Legen Sie zusätzlich eine Diskussion zu dieser Gruppe an, entsteht so im Handumdrehen aus einfachsten Anfängen eine flexible und effiziente, weltweit vernetzte Workgroup.

Oder stellen Sie sich vor, Sie möchten ein Seminar oder eine Tagung nachbereiten. Laden Sie Ihre Fotos von der Veranstaltung hoch, gründen Sie damit eine private Gruppe und eh Sie sich’s versehen entsteht eine Kommunikationsplattform für die Teilnehmer der Tagung, ganz gleich, in welche Himmelsrichtung es sie verstreut hat.

Derzeit ist Flickr noch in der Beta-Phase, aber ich bin mir sicher: Davon werden wir in Zukunft noch oft zu hören – und natürlich zu sehen – bekommen.

Also – man sieht sich. Auf Flickr.

Flickr, die Bilder-Community