Ein Brief an Hans Wollschläger aus dem Jahr 1999

Montag, 18. Juni 2007, 14.10 Uhr

Vorbemerkung. Ich habe lange überlegt, ob ich zum Tod Hans Wollschlägers etwas schreiben soll oder nicht. Doch anstelle eines Nachrufes aus unberufenem Mund scheint es mir angemessener, einen Brief, den ich im August 1999 an Hans Wollschläger schickte, hier zu veröffentlichen (wobei ich einige Fehler korrigiert habe).

 

Giesbert Damaschke
Grimmstraße 1
80336 München

München, 28. 8. 99

Sehr geehrter Herr Wollschläger,

eigentlich hatte ich gehofft, während der »Julianischen Tage« in Rendsburg Gelegenheit zu finden, mich Ihnen kurz vorzustellen. Nun, das hat zwar nicht sollen sein, doch da Andreas Weigel mich regelmäßig sanft drängelnd ermuntert (und, wenn ich ihn da richtig verstanden habe, wohl auch schon avisiert hat), kann ich ja immerhin versuchen, eine seit etlichen Jahren gehegte Vorstellung in die Tat umzusetzen, und Ihnen zu schreiben.

Es ist dies allerdings um einiges leichter vorgestellt, als getan. Dabei läßt sich das, was ich Ihnen vor allem sagen möchte, sehr einfach auf den Begriff bringen: Danke.

Aber so einfach ist das nun auch wieder nicht und ich müßte weit, ja ungebührlich weit ausholen, um Ihnen verständlich zu machen, warum und wofür ich glaube Ihnen Dank zu schulden; es reichte wohl zurück bis zu meinen ersten Leseerinnerungen. Allein – da ist mir selbst vieles noch unklar verwirrend verwoben und so kann ich’s hier, auch auf die Gefahr hin, ein wenig pathetisch zu werden, vielleicht doch einigermaßen abkürzen.

Kurz gesagt: Ihre Texte haben mein Leben erträglicher gemacht als es ohne sie wäre. Nun gilt dies, natürlich, von jeder ernstzunehmenden Lektüre und, natürlich, gibt es noch etliche andere Werke, deren unerschöpflich trostspendende Kraft ich um nichts in der Welt missen möchte.

Ihr Werk nimmt in meinem Leseleben allerdings eine gewisse Sonderstellung ein, die zum einen ganz banal darin besteht, daß wir zufällig nicht nur Zeitgenossen sind, sondern überdies – sit venia verbo – dieselbe Sprache sprechen (eine etwas heikle Behauptung, ich weiß). Bei vielen anderen Autoren gab und gibt es räumliche, sprachliche oder zeitliche Hürden, die ein Kennenlernen nur als sehr entfernte Spiegelung am Horizont des Möglichen aufscheinen lassen, wenn sie es nicht von vornherein zunichte machen. So gern ich etwa Wilhelm Raabe kennengelernt hätte: Das läßt sich nun nicht mehr machen (Schopenhauers »Akt der Selbstverläugnung« am Ende der Parerga fand ich in diesem Zusammenhang immer sehr anrührend).

Wichtiger ist da schon, daß Ihr Werk mein Leben ganz handfest beeinflußt hat wie kaum ein anderes. Ursprünglich wollte ich Germanistik und Theologie studieren (nicht, daß ich je sonderlich glaubensstark gewesen wäre, im Gegenteil, aber ein guter Religionslehrer kann da einiges ausrichten). Da sich meine Lektüre zeitweilig (während des Zivildienstes, zwischen Schule und Studium) kurioserweise am Prospekt des Diogenes-Verlags orientierte, las ich, zwischen Ambler, Maugham und Chandler, irgendwann auch einmal die Bewaffneten Wallfahrten und die Gegenwart einer Illusion. Beide Bücher haben mich nicht nur ­– doch, ja: erschüttert, sondern führten dazu, daß ein schon etwas länger gärendes Unbehagen sich nach nächtlicher Lektüre am nächsten Tag prompt in einen Kirchenaustritt auflöste.

Mit dem Theologie-Studium war’s damit natürlich vorbei, ich wählte die übliche Germanistik/ Philosophie-Kombination, was ich – trotz einiger überaus frustrierender Versuche, etwas von Hegel oder Fichte zu lesen –, nie bereut habe. Wäre mir nicht rechtzeitig Ihre Frage »Warum Mensch, sind Sie noch in der Kirche?« unter die Augen gekommen, wer weiß, wann ich den Schwindel erkannt hätte, dem ich da aufsaß. – Ähnlich aufrührerische Wirkung entfaltete später Tiere sehen Dich an. Nach der Lektüre war ich »wie vor den Kopf geschlagen« (und mehr möchte ich dazu jetzt nicht schreiben).

Diese direkten Übergriffe der Lektüre auf die Lebensführung sind ohne Frage wichtig, doch es ist etwas anderes, zutiefst, tja, trotz allem: beglückendes, Glück vermittelndes in Ihrer Prosa. Ganz besonders natürlich in den Herzgewächsen, denen ich die wohl glücklichste Lesererfahrung meines Lebens verdanke. Ich hatte das langersehnte Buch freudestrahlend von meinem Buchhändler in Empfang genommen und mir für den Abend als Lektüre vorgenommen ­– um es dann ohne Pause bis in die frühen Morgenstunden durchzulesen. Natürlich habe ich so gut wie nichts verstanden, aber das spielte seltsamerweise auch gar keine Rolle. Es war der Klang und Silbenfall, der Rhythmus Ihrer Prosa, ja, selbst das Druckbild, die mich zur fast rauschhaften Lektüre brachten, in der die manifeste Oberflächenhandlung und -spannung keine so große Rolle spielte. Ich habe im Laufe der Zeit mit großer Überraschung zur Kenntnis genommen, auf welche seltsamen Widerstände die Herzgewächse bei Mitstudenten und Bekannten stießen und war baß erstaunt, daß das Buch als »schwer lesbar« galt.

Auch die Begegnung mit Ihren May-Essays blieb nicht folgenlos. Während ich die May-Biographie zwar mit – distanzierter, Karl May schien mir damals ein wenig anrüchig ­– Begeisterung gelesen, aber schwerlich verstanden habe (kürzlich las ich die Biographie erneut und war erstaunt, daß ich sie damals überhaupt gelesen habe: Die Konzentration aufs Spätwerk und Ihr Anschreiben gegen das populäre Karl-May-Bild setzt ein Grundwissen voraus, von dem ich keinen blassen Schimmer hatte), waren die später während des Studiums nachgerade verschlungenen Materialien zur Charakteranalyse ein gleißend heller Lichtblick im grauen Dämmerdunst germanistischer Zunfttexte: Die praktische Beweisführung, daß Literaturwissenschaft als Humanwissenschaft möglich ist, war kein kleiner Trost in der Studienzeit (auch wenn Ihre Texte wohl dazu beitrugen, daß aus mir einfach kein ordentlicher Germanist werden wollte (in Bonn, nebenbei. Das einzige, was ich wirklich vermisse, ist die erstaunlich umfangreiche Bibliothek des dortigen germanstischen Seminars)).

Ich habe in gewisser Weise an Ihren Texten lesen gelernt, es haben sich mir, auch wenn das jetzt arg abgedroschen klingt, völlig neue Bereiche eröffnet; ich habe an und mit Ihren Texten ahnen gelernt, was Literatur vermag.

Derzeit lese ich noch einmal Karl May. Es ist dies jetzt sozusagen der dritte Durchgang durchs Werk – und ein wenig so, als läse ich ihn zum ersten Mal. Die erste Begegnung mit May fand, wie sollte es anders ein, in meiner Kindheit statt, in der er, wie mir erst allmählich klar wird, eine unglaublich große Rolle spielte.

Rund 15 Jahre später, nach dem endgültigem Abschluß aller Uni-Prüfungen, las ich ihn erneut. Das war ein bewußtes Sich-Gehen-Lassen, eine lustvolle Regression weg von komplizierten Büchern zurück in das Leseglück der Kindheit (die Themen der mündlichen Prüfung waren unter anderem Wolframs Parzival und Doderer, dessen Dämonen ich zu dem Zeitpunkt zum dritten oder vierten Male las, und nun mittendrin – bei aller Bewunderung Doderers – erleichtert zuschlagen durfte). Das hat ein paar Bände ganz gut funktioniert, aber dann verlangte ich sozusagen wieder nach fester Nahrung und habe May beiseite gelegt, Ihren May-Essays zum Trotz.

Seit etwa rund zwei Jahren (seitdem ich es endgültig leid war, mich mit bornierten Menschen, denen es völlig egal ist, ob sie Texte publizieren oder einen Baumarkt leiten, herumzuärgern und mich selbständig gemacht habe) bemerke ich, wie ich längst liegengelassen, ja, zerrissen geglaubte Fäden wieder aufnehme und, wenn auch auf erheblich andere Art als ehedem, weiterspinne.

Dazu gehört etwa die nach rund zehnjähriger Pause erneute Beschäftigung mit Arno Schmidt, dazu gehört wohl auch eine gewisse wehmütige Erinnerung an Karl May, die sich bei Titeln wie Der Schatz im Silbersee oder Durch die Wüste einstellte. Nach einigem Zögern kaufte ich zuerst testweise und fast ein wenig verstohlen die ersten beiden Bände der KMV-Ausgabe, kurz darauf nahm ich mir ein Herz und bestellte bei meiner Lieblingsbuchhandlung den Reprint der Freiburger Erstausgaben. Mit diesem Kauf geht eine seltsame Freude einher, nicht nur, weil es eine schöne Ausgabe ist, sondern ein wenig auch (so seltsam das vielleicht klingen mag), weil ich mir denke, es hätte Karl May gefreut.

Und diesmal lese ich ihn seltsam zwei-, nein dreigeteilt: Eine Teil von mir kann sich problemlos auf einer quasi kindlichen Ebene fesseln lassen, ein anderer Teil notiert ein wenig nachsichtig kopfschüttelnd die unglaublichen Schlampereien und Verquastheiten des Mayschen Textes und einem dritten Teil wird das Werk immer mehr zu einem Rätsel. Ein ziemlich spannender Prozeß, bei dem ich immer wieder über Detailbeobachtungen stolpere, über Ungereimtheiten und Brüche, die als Schludrigkeiten eines Vielschreiber abzutun mir fahrlässig scheint.

So hatte ich mich etwa darüber geärgert, daß der Erzähler im Kurdistan-Roman erst kein Kurdisch kann, aber durch ein handgeschriebenes Vokabelheft eines Priesters schon nach wenigen Kapiteln in der Lage ist, über Gott und die Welt auf Kurdisch zu parlieren (was seine Begleiter selbstverständlich nicht können). Doch dann fiel mir die Szene in Winnetou ein, in der Old Shatterhand durch einen Stich in die Zunge sprachunfähig wird, durch die aufopfernde Pflege von Winnetous Schwester aber aufersteht von den Toten – eine Szene, der ich unzählige jugendliche Gedankenspiele schulde –: seitdem widme ich dem Thema »Sprache(rwerb)« im Mayschen Erzählfluß etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich weiß nicht, wohin das führt, aber derzeit mache ich einige mich verblüffende Kleinstfunde.

Aber ich merke, daß ich ein wenig sanft dahin mäandrierend in tiefere Gewässer gerate und der Brief jetzt schon erheblich länger ist, als ich Ihnen zumuten wollte. Daher nur noch eine kleine Anmerkung zu meiner Person: Ich bin 38 Jahre alt, wurde in Bergkamen, einer kleinen Stadt in der Nähe von Dortmund, als drittes und jüngstes Kind einer Bergarbeiterfamilie geboren; studierte Germanistik und Philosophie in Bonn, promovierte über Wilhelm Raabe, wurde dann durch Zufall Redakteur eines Computermagazins in München, habe dann einige Jahre für verschiedene Verlage gearbeitet und mich schließlich selbständig gemacht.

So, jetzt reicht’s aber wirklich. Ich möchte mich noch einmal bei Ihnen bedanken, wünsche Ihnen alles erdenklich Gute und hoffe, Sie nicht allzusehr gelangweilt zu haben.

Ihr

Giesbert Damaschke


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Keine Kommentare zu „Ein Brief an Hans Wollschläger aus dem Jahr 1999“

…..und, hat er geantwortet?

Ja, er hat sich für den „zauberhaften Brief“ bedankt.

the_Wolf schrieb am 26. Juni 2007, um 13.46 Uhr

H.W: war aber auch zu Ironie fähig.

Sehr schöner Brief!
Denke, mehr Menschen hätten HW ihre Zuneigung und Hochschätzung zeigen sollen wie Sie.
Er fehlt sehr!

Und nun? Fünf Jahre nach seinem Tod?

Hier gibt es eine Möglichkeit, sich zu äußern:

http://gabrielewolff.wordpress.com/2012/05/19/hans-wollschlager-das-gespenst/

Matthias Bette schrieb am 8. April 2016, um 4.50 Uhr

Hallo, Herr Dr. Damaschke. Ich habe Ihren Brief an Hans Wollschläger mit höchstem Interesse gelesen. Warum? Nun, weil Der Meister in meinem Leben eine ähnliche Rolle spielt wie in Ihrem. Die „Herzgewächse“ sind auch in meinem Leben eines der Zentralbücher – vielleicht sogar Das Zentralbuch schlechthin. Herzlicher Gruß.