Ein Netz aus Nischen

Sonntag, 1. Februar 1998, 16.26 Uhr

Das Internet gilt vielen als weltweiter Massenmarkt: Eine Fehleinschätzung, die Chancen verbaut.

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden die ersten zaghaften Gehversuche kleiner und kleinster Unternehmen in Richtung Internet kopfschüttelnd mit den Worten kommentiert: »Was will denn ausgerechnet der im Internet?« Im Laufe der Zeit ist diese Kritik zwar ein wenig verstummt, aber die kopfschüttelnde Verwunderung hält an. Nach wie vor gilt vielen Unternehmern ein Netzauftritt als überflüssiger Luxus, vielleicht gut fürs Image, aber nicht notwendig fürs Geschäft.

Kein Wunder: Wer, verführt vom weltumspannenden Image des WWW, das Netz vor allem als ein globales Medium versteht, in dem es entsprechend global zugeht, dem muß die Vorstellung, der Friseur an der Ecke oder der Lebensmittelladen der Kleinstadt sei mit einer Homepage im Netz vertreten, einigermaßen absurd anmuten. Aus diesem Blickwinkel betrachtet erscheint das Internet in erster Linie als ein Netzwerk für Forschung, Wissenschaft und Militär; als ein Rechnerverbund, in dem sich zwar allerlei Kuriositäten und private Initiativen finden lassen, dessen sinnvoller kommerzieller Einsatz aber allein denjenigen vorbehalten bleibt, die willens und in der Lage sind, in den nächsten Jahren ein paar Millionen Mark in das neue Medium zu investieren.

Wer so denkt, denkt zwar so, wie viele, erliegt aber einer kapitalen Fehleinschätzung dessen, was das Internet ist und sein kann und läuft Gefahr, in den nächsten Jahren zum Paria unter den Netznutzern zu werden. Wer fasziniert von Größe und Funktionsweise des Netzes nur noch in der Kategorie des Massenmarktes zu denken vermag, der übersieht, daß das Netz genau das nicht ist: Das Netz ist kein Massenmarkt, sondern eine Masse von Märkten.

Weit davon entfernt, daß das Internet nur mit erheblichem finanziellen Aufwand kommerziell zu nutzen sei, können die Netzauftritte der Großen eher als Beispiele dafür her halten, wie man es nicht machen sollte. Da werden von teuren Agenturen teure Homepages ins Netz gewuchtet, denen man die konzeptionelle Offline-Herkunft deutlich anmerkt. Statt sich auf die neuen Spielregeln des Mediums einzulassen, greift man auf bewährte Konzepte aus dem Printbereich zurück – falls Anbieter und Webdesigner das Netz nicht ohnehin mit der Einbahnstraße Fernseher verwechseln.

Kann es da überraschen, daß mit den meisten Webseiten einmal mehr die restriktive Hierarchie von Sender und Empfänger festgeschrieben wird und einem die Mißachtung der Besucher nach dem Motto »Wir da oben, ihr da unten« bei jedem Mausklick ins Auge springt? Da wird die gern gepredigte Interaktivität mit albernen Java-Spielereien verwechselt, und Kommunikation verkommt zum werbewirksamen Schlagwort: Weder findet man Diskussionsplattformen (etwa in Form einer Mailingliste), noch stößt man auf Webseiten, die sich als Dialogangebot begreifen und ausnahmsweise einmal keine »Koof-Mich!«-Monologe führen.

Es wird Zeit, daß die Kleinen das Netz als ihre Plattform entdecken. Wer über den Friseur im Netz lacht, der lacht über sein eigenen Unverständnis: Kein anderes Medium erlaubt es dem Friseur, seine Kunden so unaufwendig und effizient zu informieren, über kein anderen Medium kann er so schnell und einfach Feedback bekommen. Nichts ist zu klein, als daß es nicht im Netz erreichbar sein sollte. Spätestens dann, wenn das dezentrale Kommunikationsmedium Internet so selbstverständlich und alltäglich geworden ist wie das Telefon, wird auch dem letzten Spötter klar werden, daß das Internet ein Netz aus Nischen ist.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Februar 1998


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