Ein neuer Markt entsteht: RSS

Donnerstag, 30. Juni 2005, 13.54 Uhr

Im gestrigen Newsletter schrieb ich, dass Microsoft mit dem Internet Explorer 7 „die etwas unübersichtliche Situation der verschiedenen RSS-Versionen um eine eigene Variante“ bereichern wolle und Kritiker befürchten, Microsoft versuche, „mit seinen proprietären Erweiterungen (die natürlich eng mit dem IE 7 verflochten sind) den RSS-Markt zu übernehmen“. Zu diesem Absatz erreichte mich eine E-Mail von Hans K., der mich fragte, was mit „RSS“ eigentlich gemeint sei. Da ich davon überzeugt bin, dass RSS in Zukunft ein sehr wichtiges Thema werden und dieser Newsletter noch häufiger darauf zurück kommen wird, nutze ich die Gelegenheit, diese Frage an dieser Stelle etwas ausführlicher zu beantworten.

Darum geht es bei RSS

RSS ist ein spezielles Datenformat mit dem es möglich ist, inhaltliche Zusammenfassungen von Webseiten bereit zu stellen. Diese Zusammenfassungen liegen als abrufbare Datei auf dem Webserver und können von bestimmten Programmen – den so genannten „RSS-Readern“ – in übersichtlicher Form dargestellt werden.

Der Anwender kann nun in seinem RSS-Reader die verschiedenen Zusammenfassungen verschiedener Webseiten überfliegen. Klingt ein Eintrag interessant genug, genügt ein Mausklick und die vollständige Webseite wird im Reader oder im Webbrowser geöffnet.

Dabei wird der RSS-Reader so konfiguriert, dass er die RSS-Dateien verschiedener Webseiten automatisch in regelmäßigen Abständen – etwa: alle 30 Minuten – anfordert und der Anwender so immer einen Überblick über den aktuellen Inhalt verschiedener Webseiten bekommt. Da sich der Inhalt der RSS-Dateien regelmäßig ändert und gewissermaßen Futter für den RSS-Reader bietet, spricht man hier auch von einem „RSS-Feed“.

Dieses Verfahren ist besonders für Webseiten mit häufig wechselnden Inhalten interessant, also etwa Nachrichten-Seiten, News-Dienste oder Weblogs.

Durch den Einsatz von RSS ist es zumindest denkbar, dass der RSS-Reader zum Standardprogramm bei der Netzrecherche wird und der Webbrowser nur dann zum Einsatz kommt, wenn man an einer ganz bestimmten Seite interessiert ist. Statt verschiedene Seiten über eine Bookmarkliste mit dem Browser abzuklappern, kann man das Zusammentragen der Neuigkeiten seinem RSS-Reader überlassen und sich in aller Ruhe über die aktuellen Zusammenfassungen informieren.

Der Standard-Wirrwarr

Entwickelt wurde das grundlegende Verfahren Ende der neunziger Jahre von Netscape, die es bis zur Version 0.9 brachten. Auf diesem Standard bauen zwei unterschiedliche 0.91-Versionen auf, eine stammt von Dan Libby (Netscape), die andere von Dave Winer (Userland), der kurz darauf eine Version 0.92 nachschob. Rael Dornfest (O’Reilly) führte das Format zur Version 1.0, die allerdings mit Winers Variante inkompatibel war. Also brachte dieser im Alleingang die Version 2.0 auf den Markt. Gleichzeitig spaltete sich eine Entwicklergruppe von der Firma Userland ab und brachte nun ihren eigenen RSS-Standard unter dem Name „Atom“ heraus. Das Atom-Format wird heute von der Internet Engineering Task Force (IETF) unterstützt und befindet sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Die aktuelle Version trägt die Nummer 0.3. Gemeinsam ist allen unterschiedlichen Standards, dass sie allesamt auf XML basieren.

Dieses etwas undurchsichtiges Gerangel hat dazu geführt, dass das Kürzel RSS auf drei unterschiedliche Arten aufgelöst werden kann.

  • Rich Site Summary. Das ist die ursprüngliche Bezeichnungen, wie sie von Netscape benutzt wurde und die für die RSS-Versionen 0.9 und 0.91 gilt.
  • RDF Site Summary. Diese Auflösung wird für die Version RSS 1.0 benutzt. RDF (Resource Description Framework) ist der offizielle W3C-Standard für Metadaten.
  • Really Simple Syndication, was man ungefähr mit „Wirklich einfache Syndizierung“ übersetzen kann. Als „Syndizierung“ bezeichnet man die Verteilung von Inhalten an einen Abonnenten-Stamm. Diese Auflösung wird für die Version RSS 2.0 benutzt.

Die RSS-Reader

Damit man als Anwender mit einer RSS-Datei überhaupt etwas anfangen kann, benötigt man ein entsprechendes Programm zum Anzeigen und zur Verwaltung der Daten, den RSS-Reader. Ursprünglich ist ein solcher Reader ein eigenständiges Programm, doch spätestens seit die Firefox-Entwickler ihrem Browser ein RSS-Readermodul spendierten, hat sich die Situation geändert.

Firefox kann RSS-Daten als „Live Bookmarks“ verwalten. Dabei werden in einem Ordner die Überschriften der verschiedenen Zusammenfassungen als Lesezeichen angezeigt. Wenn eine Überschrift interessant genug klingt, kann man sich die dazu gehörende Webseite mit einem Mausklick anzeigen lassen.

Ein dezidierter RSS-Reader bietet zwar ausgefeilte Möglichkeiten zur Verwaltung der verschiedenen RSS-Feeds, hat aber den Nachteil, dass man als Anwender zwei Programme benötigt, den Reader und den Webbrowser. Bei der Lösung, die Firefox einsetzt, werden nun zwar die Zusammenfassungen, die dem ganzen Verfahren dem Namen gegeben haben, nicht mehr angezeigt, aber dafür muss der Anwender auch nicht mehr mit zwei verschiedenen Programmen arbeiten, um sich einen regelmäßigen Überblick über neue Inhalte auf den für ihn wichtigen Webseiten zu verschaffen.

Auch andere Webbrowser wie Opera oder Safari (der Standard-Browser auf Apples Macintosh-Computern) können mit RSS-Daten umgehen, wobei die Integration des Reader-Moduls unterschiedlich gelöst wird. Und natürlich wird auch Internet Explorer 7 in der Lage sein, den Anwender automatisch auf dem Laufenden zu halten.

Der neue Markt

Die Zeitschrift Variety begann im Juni 2002 damit, auf ihrer Website einen regelmäßigen Newsdienst in Form eines RSS-Feeds bereit zu stellen und war damit noch ziemlich allein auf weiter Flur. Heute findet man fast keine Webseite mehr, die aktuelle Informationen bietet und auf ein RSS-Angebot verzichtet.

Es besteht kaum ein Zweifel, dass die Bedeutung von RSS weiter wachsen und die Art und Weise, wie wir Informationen aus dem Netz beziehen, verändern wird. Über RSS bekommen Anwender sehr viel einfacher und schneller die gewünschten Informationen zu bestimmten Themen und Anbieter erreichen über diesen Kanal ihre Zielgruppe genauer und präziser als über die üblichen Kanäle – zumindest in der Theorie. In der Praxis sieht es derzeit noch anders aus, da hier noch nicht wirklich klar ist, in welcher Form sich das Verfahren tatsächlich durchsetzen wird.

Denn der Haken an der Sache ist wie immer das Geld. RSS ist ein relativ einfach zu implementierender Standard, so dass jeder, der im Internet aktiv ist, seine Webseite damit ausrüsten kann. Doch durch RSS steigt der Datenverkehr auf einem Server steil an – und das verursacht Kosten. Je erfolgreicher ein RSS-Angebot ist, desto mehr Kosten verursacht es auch, ohne dass diesen Ausgaben Einnahmen gegenüber stünden. Derzeit gibt es verschiedene Überlegungen, wie man mit dem Publishing-Modell „RSS“ gewinnbringend arbeiten kann, aber ausgereift oder gar schon im Einsatz ist davon keines.

Jeder, der heute RSS einsetzt, investiert also in eine zwar vielversprechende, aber auch ein wenig zweifelhafte Zukunft. Doch RSS ist viel zu erfolgreich, viel zu nützlich und viel zu sinnvoll, als dass diese Form der Nachrichtenverteilung wieder verschwinden würde. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Pioniere einer neuen Technologie pleite gehen und erst die nachgewachsenen Generationen Gewinn einfahren. Hier formiert sich ein neuer, bedeutender Markt – es ist nur noch nicht ganz klar, nach welchen Regeln er funktionieren wird.

Geschrieben für den Newsletter Business-PC daily


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