Ein Übersetzerlapsus

Samstag, 4. November 2006, 23.01 Uhr

Erst überliest man das ja –

Ich legte 1915, nur ein Vierteljahrhundert nach meinem Vater, in New Haven mein Examen ab und nahm kurz darauf an jener verspäteten germanischen Völkerwanderung teil, die als der Erste Weltkrieg in die Geschichte eingegangen ist.

– Man liest weiter, aber irgendetwas hat sich festgehakt. Und richtig: The Great Gatsby (aus dessen dt. Übersetzung das Zitat stammmt) spielt in den Zwanziger Jahren. Das wäre allein noch kein Grund, warum da nicht vom Ersten Weltkrieg die Rede ein könnte, der Ich-Erzähler könnte ja etwa im Jahr 1950 erzählen.

Könnte – wäre der Roman nicht bereits 1925 erschienen, zu einem Zeitpunkt also, zu dem es noch nicht notwendig war, die Weltkriege zu nummerieren.

Und was steht im Original? Na, das hier:

I graduated from New Haven in 1915, just a quarter of a century after my father, and a little later I participated in that delayed Teutonic migration known as the Great War.

Und schon sieht man die als Wochenendlektüre gekaufte neue Übersetzung von Bettina Abarbanell etwas misstrauischer an.


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Keine Kommentare zu „Ein Übersetzerlapsus“

Richard Zahnhausen schrieb am 25. November 2006, um 20.56 Uhr

„The Great Gatsby“ als Wochendlektüre – übersetzt von wem auch immer – ist sowieso snobby. Na gut. Der Autor wollte seinem angloamerikanischem Lesepublikum einen chronologischen hint geben. „Great War“ ist nun aber mal eine amerikanische Wortmünze. Im deutschen Sprachraum hat der 1. Weltkrieg immer „Weltkrieg“ geheißen! Auch in den zwanziger Jahren. (Scheinbar genügt es nicht, laufend Weltkriege vom Zaun zu brechen, man muss auch pingelig mit deren Nummering sein! Very Teutonic!) Eine wortgetreue Übersetzung hätte einer klärenden Fußnote bedurft. Frau Abarbanell hat eine elegantere, literarischerer Lösung gefunden. Vielleicht mal wochentags lesen?