Eine Anmerkung zum Umgang mit „Mein Kampf“

Montag, 23. Mai 2011, 16.39 Uhr

Der im vorherigen Posting zitierte Leserbrief bezieht sich übrigens auf folgende Anmerkung von mir zum Umgang mit Mein Kampf, die ein wenig in die Jahre gekommen ist, die ich aber nach wie vor für völlig richtig halte. Beim Notizzettel habe ich die Kommentare ausgeschaltet, also setz’ ich sie einfach noch mal her:


Die Wiederkehr des Verdrängten

Eine persönliche Anmerkung sei gestattet. Ich halte das Vorgehen des Freistaates Bayern und den Umgang mit diesem Text für bedenklich. Hier wird verdrängt, versteckt und verboten, statt aufgeklärt und offen diskutiert. Man schiebt das Urheberrecht schützend vor sich, statt eine klare politische Entscheidung zu treffen und sorgt so dafür, dass ein schlechtes Buch, das – wie Qualtinger und Somuncu mit ihren Lesungen hinreichend bewiesen haben – jeden selbstdenkenden Leser unweigerlich immer wieder zum Lachen reizt, den Nimbus und Reiz des Verbotenen bekommt, auch wenn, ja, gerade weil das Buch überhaupt nicht verboten ist.

Fast scheint es so, als befürchte man, »Mein Kampf« sei hochgradig toxisch und jeder Leser würde unweigerlich mit einem faschistischen Virus infiziert, dem er hilflos ausgeliefert sei. Hier wird in Umrissen ein eher befremdliches Menschen- und Staatsverständnis erahnbar, in dem der Einzelne immer ein Unmündiger ist, den die staatliche Sorgfalt vor den Schrecken der Welt bewahren muss – notfalls mit Gewalt.

Zu welch wirrsinnigen Situationen dieser verdruckste Umgang mit dem Buch führt, konnte man im Sommer 1999 erleben, als die damalige Justizministerin Hertha Däubler-Gmelin dagegen protestierte, dass man sich die amerikanische Ausgabe von »Mein Kampf« via Internet von Barnes & Nobles nach Deutschland liefern lassen konnte. Sie begründete ihre Kritik seinerzeit maßgeblich damit, es könne nicht angehen, dass das Internet geltendes deutsche Recht unterlaufe und ein verbotenes Buch über diesen Weg hierzulande verbreitet werde.

Hier zeigte sich die Ministerin allerdings nicht hinreichend informiert: Die amerikanische Ausgabe war und ist völlig legal und das Buch war und ist nicht verboten. Wenn selbst die Justizministerin dieses Landes im Falle von »Mein Kampf« den Überblick verliert und sich, scheint’s, lieber aufs Bauchgefühl verlässt, statt sich mit der juristischen Situation zu beschäftigen und auf diese politisch zu reagieren – wie will man dann von normalen Bürgern erwarten, dass sie wissen, wie es um speziell dieses Buch hierzulande bestellt ist?

Die aktuelle Situation ist das Ergebnis einer – fast möchte man sagen: typisch deutschen – Verdrängungsleistung und wie jede Verdrängung bleibt sie unzulänglich. Die widersprüchlichen Aussagen von offizieller Seite und das Fehlen einer offenen Informationspolitik führen gerade nicht zum erhofften Verschwinden des störenden Textes, sondern zu seinem unheimlichen Weiterleben im Gerücht und der faschistischen Fama.

Es mag gute Gründe geben, warum »Mein Kampf« verboten werden sollte (auch wenn ich geneigt bin, es eher mit Theodor Heuss zu halten, der schon in den fünfziger Jahren eine kommentierte Ausgabe für geboten hielt) –: aber dann sollte man das Buch auch begründet verbieten und nicht juristische Nebelkerzen zünden. Denn die einzige gesellschaftliche Gruppe, die von der aktuellen Situation profitiert, sind genau die, denen man eigentlich den Garaus machen wollte: die Nazis.


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Keine Kommentare zu „Eine Anmerkung zum Umgang mit „Mein Kampf““

martin schrieb am 24. Mai 2011, um 12.03 Uhr

Die Anmerkung mag in die Jahre gekommen sein, ist aber nach wie vor richtig. Und Justizministerin Däubler-Gmelin war mal eine gute Arbeitsrechtlerin, hat dann als Ministerin nicht nur den zitierten Unsinn geredet; heute ist sie nur noch peinlich (TV-Talk). Wenn staatliche oder religiöse Obrigkeit Bücher verbieten und Protestierer dagegen „Pseudo-Intellektuelle“ sind, dann bin ich auch gerne einer.