Einmal Borkum und zurück

Sonntag, 1. November 1998, 16.28 Uhr

Reisebuchungen gelten als eine der wichtigsten kommerziellen Nutzungen des Internets. Grund genug für einen Selbstversuch.

Auch Kolumnisten machen, zum Leidwesen der Redakteure, gelegentlich Urlaub. Wie sich das für unsereins ziemt, wird die Reiseplanung natürlich nicht einem Reisebüro anvertraut, sondern mit Tastatur, Maus und Internet selbst erledigt.

Da die Reise nicht in eine hippe Metropole gehen sollte, nicht zu einem der populären Reiseziele zwischen Hamburg und Hawaii, auf die sich alle Anbieter im Netz spezialisiert haben und für die es klickfertige Lösungen gibt, sondern auf den Spuren einer Kindheitserinnerung ganz banal und bieder auf die schöne Nordseeinsel Borkum, bot sich gleich ein willkommener Anlaß, die hiesige Netzdurchdringung zu testen.

Die Planung begann mit der Suche nach allgemeinen Informationen zur Insel. Nur, um es wenigstens probiert zu haben, aber ohne große Hoffnung, tippte ich www.borkum.de in den Browser – und landete auf Anhieb an der richtigen Stelle. Das Borkum-Net ist zwar nicht gerade eine webdesignerische Meisterleistung, aber hier gibt’s neben allgemeinen Infos vor allem die Mail-Adresse der Kurverwaltung. Alles weitere, von der Prospektbestellung bis zur Reservierung des Apartments samt obligatorischem Strandkorb, war dann nur noch eine Frage des Zusammenspiels von Mail, Telefon und Fax.

Aber wie kommt man bequem von München nach Borkum? Der erste Versuch, einfach eine Bahnkarte bei www.bahn.de zu bestellen, scheiterte an der Fahrzeit: Rund 12 Stunden schienen mir ein etwas zu anstrengender Start in den Urlaub. Blieb die Kombination aus Flugzeug und Bahn: Mit dem Flugzeug bis nach Bremen, von dort mit der Bahn nach Emden und mit dem Schiff nach Borkum.

Bei www.flug.de konnte ich zwar problemlos passende Verbindungen heraussuchen, scheiterte dafür aber beharrlich bei der Buchungsbestätigung. Entweder bekam ich keinen Kontakt zur Flugdatenbank, war der gerade noch als frei ausgewiesene Flug urplötzlich ausgebucht oder gleich ganz aus der Datenbank verschwunden. Beim zweiten Anlauf versuchte ich es mit www.lufthansa.de, aber das half auch nicht weiter, auch hier ging so ziemlich alles schief, was schief gehen kann.

Als letzte Hoffnung blieb mir noch eine Telefonnummer, die man bei Problemen mit der Internet-Buchung doch bitte wählen möge. Die freundliche Dame des Lufthansa Call-Centers war zwar baß erstaunt, daß ihre Telefonnummer auf den Internetseiten genannt wird (»Damit kenne ich mich gar nicht aus«), doch natürlich könne ich den Flug auch bei ihr buchen: Was mir via Internet auch nach über einer Stunde nicht gelang, war per Telefon nach exakt 7:39 Minuten erledigt.

Blieb noch die Frage, wieviel Zeit ich für den Weg zwischen Flughafen und Hauptbahnhof in Bremen einkalkulieren mußte – und hier half das Netz dann wieder zuverlässig weiter. Unter www.bremen.de findet sich unter anderem die Information, daß zwischen Flughafen und Hauptbahnhof eine Straßenbahn im Zehnminutentakt fährt und für die Strecke gerade mal 15 Minuten benötigt. Eine halbe Stunde später hatte ich bei www.bahn.de noch die Fahrkarte Bremen – Borkum und zurück geordert – und die Urlaubsplanung via Internet war vorerst abgeschlossen.

Ergebnis des Selbstversuchs: Zwar hatte das Netz exakt an dem Punkt versagt, an dem es angeblich hervorragend funktioniert – nämlich bei der Buchung der Flugtickets –, sich aber doch als robustes und nützliches Nachschlagewerk und Kommunikationsmedium erwiesen.

Ein paar Tage später lagen Flug- und Bahntickets im Briefkasten, kurz darauf fuhr ich schließlich auf die Insel – und dann war ich 14 Tage offline. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, November 1998