Fließen lassen

Donnerstag, 9. Dezember 2004, 17.26 Uhr

Bislang war ich davon überzeugt, dass der täglichen Mailflut nur mit einer Mischung aus Filtern und Ordnern beizukommen wäre. Doch seit ich Gmail (den Mailservice von Google) teste, beschleicht mich der Verdacht, dass diese Überzeugung falsch sein könnte. Mein bisheriges System basiert auf der Idee, man müsse Ordnung in das Chaos bringen und die Mailflut gezielt kanalisieren. Das funktioniert zwar, doch führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass früher oder später die ordnenden Dämme brechen und das Ablagesystem in unübersichtliches Chaos versinkt. Kann die Antwort auf dieses Problem wirklich nur darin bestehen, immer mehr Filter und immer mehr Ordner einzusetzen? Blickt man auf Gmail, ist die Antwort eindeutig: nicht mehr, sondern weniger führt zum Ziel. Bei Gmail gibt es keine Ordner und nur rudimentäre Filter. Statt dessen werden zusammengehörige Nachrichten zu »Conversations« gruppiert, alle Mails landen in einem Verzeichnis, mit automatisch vergebenen »Labels« kann man sich bestimmte Gruppen (etwa alle Mails einer Mailingliste) anzeigen lassen. Für alles andere gibt es mächtige und sehr schnelle Suchfunktionen. Beim Gmail-Ansatz arbeitet man nicht gegen, sondern mit den Mailfluten, man zwingt sie in kein Korsett aus Ordnern und Filtern, sondern lässt sie fließen. Das ist alles sehr viel versprechend, doch leider ist Gmail noch weit davon entfernt, eine Alternative zum klassischen Mailprogramm zu sein. Weshalb Sie mich jetzt bitte entschuldigen – ich muss noch ein paar Filter anpassen.

Zuerst in: Internet Professionell, 12/2004