Frust macht froh

Freitag, 9. Oktober 1998, 14.12 Uhr

Die Hardware wird immer besser, die Software immer leistungsfähiger und beides zusammen immer komfortabler. Grauenhaft.

Goethe hat natürlich wieder mal für alles einen passenden Vers:

Alles in der Welt läßt sich ertragen
Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen

reimte der alte Besserwisser so um 1814 in seinem Sprichwörtlich. Auch wenn der verständnisvolle Dr. Freud dieser erstaunlichen Erkenntnis weit über 100 Jahre später ein beschwichtigendes »Das mag immerhin übertrieben sein« mit auf den Weg gab: So alles in allem lag Goethe da wohl schon richtig.

Seitdem einst dem Neandertaler der zu locker befestigte Stein aus der Steinaxt auf den Kopf fiel, von dort aufs Hühnerauge purzelte und unser schicksalsgebeutelter Vorfahr, unter wildem Schmerzensgeheul umher hüpfend, ins nächstbeste Lagerfeuer stolperte, wo er prompt Feuer fing und verschied: Seitdem wissen wir, daß »im Leben, im Leben, mancher Schuß daneben« geht.

Darauf gründet unser Weltverständnis, wir sind aufs Unglück geeicht und nichts ließe uns schneller an der Welt irre werden, als »eine Reihe schöner Tage«: Jeder Tag ohne Schicksalsnackenschlag versetzt unser kollektives Unbewußte instinktiv in Alarmbereitschaft – was heute nicht kommt, das trifft uns morgen um so heftiger, je länger die schönen Tage anhalten, desto schlimmer wird’s uns erwischen.

So weit, so schlecht, also gut. Heute jedoch droht diese Lebensmaxime in Vergessenheit zu geraten, heute wird alles immer noch besser, also schlechter.

Was wäre denn – um mal ein Beispiel herauszupicken – was wäre, wenn eines schlimmen Tage, die Computer tatsächlich so einfach und so fehlerfrei funktionierten, wie es uns die Hersteller seit Jahren versprechen? Nicht auszudenken: Tagsüber sitzen wir vor der konfliktfrei funktionierenden Maschine – und nach Büroschluß stolpern wir, durch die Maschine lebensuntüchtig an Körper und Geist geworden, in unser ganz und gar nicht konfliktfreies Leben.

Wie würde es uns dann ergehen? Wäre es überhaupt möglich, ein derartiges emotionales Wechselbad unbeschadet zu überstehen? Schon vor 4 Jahren gab die bekannte soziologische Feldstudie The Simpsons eine Antwort. Damals verhallte sie folgenlos, wird sie heute gehört werden? Den Versuch ist es wert: Am 14. April 1994 verläßt Bart Simpson die familiäre Gemeinschaft scheinbar auf immer – und es kommt zu diesem denkwürdigen Dialog

Lisa tears off a strip of wallpaper
Marge: Lisa, what are you doing?
Lisa: Just trying to fill the void of random, meaningless destruction Bart’s absence has left in our hearts.
Homer walks in; Lisa trips him
Marge: Oh, that’s sweet, honey.

Wird es uns so ergehen? Schlimmer gar? Werden wir – random, meaningless – umherirren, die Welt nicht mehr verstehen (und uns natürlich erst recht nicht).

Für ein paar bange Jahre sah es so aus, als steuerten wir unaufhaltsam auf eine unsagbar grauenvolle Periode der Verwirrung und Verstörung zu, auf ein heilloses Durcheinander und allgemeines Kuddelmuddel – aber wir haben noch mal Glück gehabt.

Nachdem Bill Gates, der uneingeschränkte Master of Destruction, sich bei Apple einkaufte und so die scheinbar begrüßenswerte Entwicklung einfacher, bedienbarer und funktionierender Computer gerade noch stoppen konnte (sein beherztes Eingreifen trägt bereits die schönsten Früchte, schon legt sich das blöde Grinsen der Mac-Besitzer in die vertrauten Frustrationsfalten), können wir uns für den Rest getrost aufs Internet verlassen.

Das Netz ist ein schier unendlicher Quell segensreicher Frustrationen und nichts ist so wertvoll wie die Meldung »404 – Not found«. Überhaupt ist keine erbaulichere Lektüre denkbar, als die mit heimtückischer Harmlosigkeit so genannten »Status Code Definitions« in den RFCs zur neuesten HTTP-Version: No Content (204), Moved Permanently (301), Bad Request (400), Forbidden (403), Not Acceptable (406), Conflict (409, na also!) und so weiter und so fort: Tolle, lege – nimm und lies, nämlich RFC 2068, Kapitel 10, Vers 1 folgende.

Das ist schon mal eine gute Grundlage. Für die notwendigen Aktualisierung der heilsamen Hiobsbotschaften ist die regelmäßig Lektüre des Risk-Digests zu empfehlen, der Woche um Woche getreulich die Chronik der Fehlschläge und Frustrationen schreibt: »Bank error delays 50.000 payments«, »Javacript Flaw in Netscape«, »Y2K ›fix‹ causes Dublin traffic jams« – eine schier unendliche Perlenreihe pretiösester Plagen.

Doch es gibt noch so viel zu tun! Helfen Sie mit und tun Sie Ihren Mitmenschen einen Gefallen. Denken Sie daran – jeden Tag eine schlechte Tat. Es ist so einfach, seine Mitmenschen eine heilsame Frustrationsdosis zu schenken.

Nehmen Sie zum Beispiel diesen Text hier: Der hätte eigentlich schon am Dienstag in der Redaktion sein sollen, damit die ihn ganz entspannt am Donnerstag ins Netz hätte stellen können. Doch wer könnte so grausam sein! Jetzt ist es Freitag, der 9. Oktober, 0:52 – erst jetzt, mit mehr als 2 Tagen Verspätung geht der Text auf die Reise von München nach Hamburg und die Redaktion muß ihn morgen in aller Hektik webtauglich aufbereiten. Wer weiß was ihm da noch alle passieren kann, ich erhoffe mir da noch manch’ heilsame Panne.

Nur wenn Sie das hier tatsächlich lesen können, dann ging leider nichts mehr schief. Aber damit kann und muß man halt lebe: Selbst das Mißlingen muß mitunter mißlingen.

Zuerst erschienen bei Spiegel Online, 41 / 1998


Ihr Kommentar Name (erforderlich):

Mail (wird nicht publiziert) (erforderlich):

Website: