»Fuck off Wallace!«

Dienstag, 1. April 1997, 22.36 Uhr

Gäbe es eine Hitliste der meistgehaßten Männer im Cyberspace – Sanford Wallace hätte gute Chancen, einen Ehrenplatz einzunehmen. Wallace ist der Chef von Cyberpromotions, der wohl aggressivsten Direct-Mailing-Firma im Internet.

Wie unbeliebt er ist, mußte er erst jüngst wieder feststellen, als ein Hacker sich Zugang zum Cyberpromo-Server verschaffte und die Homepage austauschte. Statt des Firmenlogos und deutlicher Werbesprüche lasen einige Besucher eine nicht minder deutliche Meldung in klarer Sprache:»Fuck off Wallace! Give up, the internet does not want spammers.«

Screenshot der gehackten Site von Cyberpromotions

Deutliche Töne: Die gehackte Cyberpromotions-Site

Der Homepagehack ist nur die jüngste und sicherlich nicht letzte Etappe in einem sich nun schon über Jahre hinziehendem Kampf zwischen denen, die übers Internet ihre Werbebotschaft verbreiten wollen und jenen, die dieses Ansinnen als kommerziellen Mißbrauch der freien Netzwelt empört ablehnen.

Als »Spam« beschimpfen die Netizens die unerwünschte Werbung via E-Mail oder im Usenet. Das ist eigentlich ein eingetragenes Warenzeichen der US-Firma Hormel für ihr Dosenfleisch. Warum nun ausgerechnet dieses vielleicht zweifelhafte, aber doch wohl harmlose Nahrungsmittel als Namenspatron für E-Müll herhalten muß, weiß keiner so ganz genau.

Eine der plausibelsten Herkunftstheorien verweist auf den gleichnamigen Monty-Python-Sketch vom 25. 12. 1970, in dem der gesamte Dialog fast ausschließlich mit diesem Nullwort bestritten wird:»Spam spam spam spam. Lovely spam! Wonderful spam!« und so fortan bis der Sketch plötzlich aus ist.

Angefangen hat das alles 1994 im Usenet. Damals kam das das Rechtsanwalt Ehepaar Laurence Canter und Martha Siegel aus Phoenix, Arizona, auf die glorreiche Idee, ihre Beratungsdienste im Usenet zu annoncieren. Das war und ist ersteinmal nichts ungewöhnliches, doch die Art und Weise, wie Canter & Siegel vorgingen, war bis dato unerhört und löste ein ungeahnte Protestwelle aus.

Statt ihr etwas dubiosen Angebots, bei der alljährlichen Green-Card-Verlosung beratend zur Seite zu stehen, in wenigen ausgewählten Newsgroups zu annoncieren (was zwar auch nicht gern gesehen, aber häufig schweigend geduldet wird), überschwemmte das findige Ehepaar über Nacht mit einer eigens entwickelte Software das gesamte Netz mit ihrer Meldung. In mindestens 8.000 Newsgroups tauchte die frohe Werbebotschaft und ihre Nachfolger auf. Und da es sehr einfach ist, etwas ins Netz zu stellen, aber fast unmöglich, es wieder restlos zu entfernen, wurde man noch in den entlegensten Winkeln des Usenets von der Werbebotschaft belästigt.

Für die Internet-Nutzer war dies nicht nur ein eklatanter Bruch aller nur denkbaren Anstandsregeln, sondern auch eine gefährlicher Versuch der kommerziellen Infiltration des Usenets. Man schlug zurück: Die Mailbox der Rechtsanwaltskanzlei wurde mit einem Maildauerbeschuß unbrauchbar gemacht, Telefon und Fax lahmgelegt, es gab gefälschte Bestellung im Namen des Ehepaars und so weiter. Die Maßnahmen schienen unmittelbar erfolgreich: Der Internet-Provider der Kanzlei kündigte ihr den Account, bei einem zweiten flog das Ehepaar ebenfalls sehr schnell wieder heraus, als man mit einem trotzigen »Jetzt erst recht« bekanntgab, daß man gar nicht daran denke, mit dem Spamming aufzuhören.

Die die unterschiedlichen Gegenmaßnahmen schmeichelten zwar dem Ego der Netzaktivisten, die sich immerhin für einen Moment als aufrechte Guerrilla-Kämpfer der Freiheit fühlen konnten, doch war ihr Erfolg nicht von langer Dauer. Ganz im Gegenteil: Unterm Strich erreichten Canter & Siegel durch ihre Aktion und die Reaktion des Netzes einen Bekanntheitsgrad, den sie über keine andere Aktion so schnell und kostengünstig je erreicht hätten – und der sich obendrein für die beiden auch noch auszahlte.

Auch wenn es für das Selbstwertgefühl mancher Netzbewohner vielleicht etwas bitter ist – aber die Spam-Attacke von Canter & Siegel war erfolgreich. So erfolgreich, daß sie es sich nicht nehmen ließen, ihre Erfahrungen als Buch zu publizieren. Unter dem Titel »How to make a fortune on the Information Highway«, das beim deutschen Verlag kurz und bündig zu »Profit im Internet« zusammenschnurrt, rät das Ehepaar zur variantenreichen Nachahmung der Aktion und empfiehlt: »Don’t let anything stop you!« In der Eigenwerbung verstehen es die beiden sehr geschickt, mit der netztypischen Paranoia zu arbeiten und präsentieren ihr Buch als die Offenlegung geheimen Marketingwissens, dessen Verbreitung von konspirativen Finsterlingen verhindert werden soll.

Was mit Canter & Siegel einen ersten Höhepunkt erreichte, ist heute eine florierende Industrie, die mit immer ausgefeilteren Methoden arbeitet und ihre Aktivitäten zunehmend auf E-Mail konzentriert. Schließlich war die Usenet-Aktion nur eine Notlösung, um das Problem der Adressenbeschaffung zu umgehen: wer eine E-Mail verschicken will, der braucht Adressen, während ein Usenetposting einfach und effizient gleich ein paar Millionen Menschen erreicht.

Heute sieht die Situation anders aus: Zum einen verliert das Usenet nach und nach an Bedeutung und wird für Direktverkäufer zunehmend uninteressant. Die Millionen von neuen Internet-Nutzern der letzten zwei Jahre benutzen das WWW und E-Mail, aber kaum das Usenet. Zum anderen ist es heute kein Problem mehr, an ein paar Millionen E-Mail-Adressen zu kommen: Spezielle Programme wie Floodgate, Webcollector oder Lightning Bolt filtern auf Mausklick aus den zahlreichen öffentlich zugänglichen Quellen (von Usenet-Meldungen über einen Gästebucheintrag bis hin zu den unzähligen »Schreiben Sie mir!«-Aufforderungen der privaten Homepages) ganz einfach alles heraus, was wie eine E-Mail aussieht, entfernen Doubletten und sortiern die Ergebnisliste nach allerlei Gesichtspunkten.

Die aktuelle Entwicklung ist einigermaßen fatal und droht völlig aus dem Ruder zu laufen. Denn das Spamming hat heute einen kritischen Punkt erreicht. Waren die ungewünschten Werbeunterbrechungen bislang eigentlich nur lästig und nervend, werden sie zunehmend gefährlich und können unter Umständen dafür sorgen, daß das Internet strukturellen Schaden nimmt. Die ersten Totalausfälle von E-Mail-Servern, die unter der tonnenschweren Last der Massenausendungen zusammenbrachen, mußten bereits verzeichnet werden. In Deutschland zuletzt im November, als eine winzige Werbemail in millionfacher Kopie dafür sorgte, daß der T-Online-Server kurzfristig aufgab.

Bei der üblichen Papierpost sorgte bislang die simple Ökonomie dafür, daß sich die Werbeflut selbst regulierte und nicht überhand nahm. Schließlich kosten bei einem Werbemailing jede Adresse, jedes Prospekt und jeder Brief Geld. Ein Massenversender kann sich schon aus finanziellen Gründen allzuviele Irrläufer gar nicht leisten – er verschickt seine Prospekte in aller Regel ja nicht, um seine Mitmenschen zu ärgern, sondern um Geld zu verdienen.

Im Internet fallen diese Beschränkungen fast vollständig weg. Da eine Massenwurfsendung im Netz praktisch nichts kostet, verführt das Netz dazu, Werbebotschaften mit einer irrwitzigen Reichweite zu streuen Ob man nun eine E-Mail an einen, zehn, 1.000 oder 1 Million Empfänger verschickt, ist nur ein unbedeutendes Problem der Technik, nicht der Logistik oder der Finanzen. Was im realen Leben kompletter Unfug wäre, funktioniert im Netz tadellos: bei den Kalkulation der professionellen Direct-Mailer wie Cyberpromotion rechnet sich schon eine Responserate im Promillebereich.

Inzwischen formiert sich ein breiter Widerstand gegen die Spammer, in den verschiedensten Organisationen – von der Electronic Frontier Foundation bis zum Internet Mail Consortium – diskutiert und entwickelt man verschiedene Lösungsansätze.

Auf den ersten Blick naheliegend und verlockend einfach ist der technische Ansatz: Über spezielle Filtersoftware könnte man Spam-Botschaften im Netz abfangen, lange bevor sie sich nennenswert verbreiten. Doch wenn man eines aus der Entwicklung des Internets lernen kann, dann dies, daß die technischen Lösungen hier keine sind. Ein Hilfsprogramm löst kein Problem, sondern verschiebt es nur auf eine andere Ebene. Es führt lediglich zu einer Aufrüstungsspirale im kalten Krieg zwischen Spammern und Netzaktivisten. Die technischen Ansätze mögen gut gemeint sein und ihren Programmierer das schöne Gefühl geben, es als findiger David mit dem tumben Goliath aufgenommen zu haben – ändern werden sie nichts.

Diskutiert wird auch der Versuch, die ökonomischen Rahmenbedingungen im Internet so zu ändern, daß sich das Spam-Problem selbstregulierend löst. Das klingt zwar ganz gut, funktioniert aber auch nicht: So teuer kann man das Versenden von E-Mail gar nicht machen, daß es einen Spammer ernstlich abschreckte. Auch die unsinnige Idee einiger Provinzpolitikter in den USA über eine Art E-Mail-Steuer regulierend einzugreifen, hat wenig Aussicht auf Erfolg. Eher schon bricht das gesamte Netz zusammen.

Bleiben rechtliche Schritte. Zwar gäbe es die Möglichkeit, die wiederholte Zusendung unerwünschter E-Mails unter Strafe zu stellen, wie das bei Faxen und Telefonaten ja auch der Fall ist. Der Bundesstaat Nevada etwa ist fest entschlossen, dies zu tun und Spamming mit Strafen zwischen 6 Monaten und 5 Jahre zu ahnden. Allein: Auch das wird nichts nuzten. Das Gesetz Nevadas beginnt und endet an den Grenzen Nevadas und wird Spammer in Texas eher belustigen. Und selbst wenn es ein landesweites Verbot gäbe: Nichts hindert einen Spammer daran, seine Werbebotschaften aus der Karibik zu verschicken.

Nein, es hilft alles nichts: Spam ist der Netzstruktur eingeschrieben und kann nicht ohne Verlust daraus entfernt werden. Wir müssen akzeptieren, daß sich das Netz auch dann nicht so einfach regulieren läßt, wenn wir es gern hätte. Schließlich setzten die Spammer nur die Techniken ein, die sich im und aus dem Internet entwickelt haben. Eine Trennung in Gutes Internet (wir) und Böses Internet (die anderen) ist zwar bequem, aber in diesem Netzleben nicht zu haben.

Geschrieben für die Nullnummer von konr@d im April [?] 1997