Gefahr ist konkret

Montag, 17. August 1998, 14.20 Uhr

So ganz trauen wir den grauen Kisten unter oder auf unserem Schreibtisch ja nicht. Und nichts glauben wir lieber als die Schauergeschichten, die man sich über sie erzählt.

Computer sind seltsame Dinger. Als die vollkommene Mischmaschmaschine eignen sie sich zur Lösung von Problemen genau so hervorragend wie zu deren Erzeugung; sie sind das ultimative Spielzeug und das vielseitigste aller nützlichen Werkzeuge; sind simple Maschinen, aber künstlich intelligent, ganz offensichtlich anorganisch, und doch irgendwie lebendig. Kurz: Sie sind die perfekte Manifestation dessen, was Sigmund Freud als »das Unheimliche« erkannt hat.

Beim alltäglichen Umgang mit den Geräten aus dem Niemandsland zwischen Leben und Tod, entwickelt selbst der Nüchternste unter uns klammheimlich magische Beschwörungsrituale, die nur mühsam mit diversen Rationalisierungsstrategien kaschiert werden (»rüttel mal am Kabel«) und wohl jeder ertappt sich gelegentlich beim Zwiegespräch mit seinem Computer. Mein Vokabular liegt da übrigens zwischen »Mistkrücke« und »Drecksding«, womit unschwer zu erraten ist, daß ich mit einem Windows-Rechner arbeite, der mir auch, ungelogen, beim Schreiben des ersten Absatzes prompt sang- und klanglos abschmierte. Tja.

Die ideale Projektionsfläche unserer heimlichen Angst vor diesem Deus ex machina ist der Computer-Virus, bei dem auch das prinzipielle Wissen um seine Funktionsweise nichts daran ändert, ihm die tollsten Dinge zuzutrauen. Kein Wunder, daß ausgerechnet die einigermaßen windschiefe Metapher vom Computer-Programm, das ein Virus ist, in den populären Computerbildern besonders beliebt ist.

Zum Beispiel in »Independence Day«. Da erliegen die bösen Aliens am Ende einem Supervirus, den Erdling Jeff Goldblum in der Stunde der höchsten Not zusammenhackt und jenseits aller Kompatibilitäts-Bedenken dem Zentralcomputer der Aliens einpflanzt. Das ist natürlich hanebüchener Unsinn, bei dem man besser nicht allzugenau hinsieht – aber was soll’s: ID 4 ist Popcorn-Kino, ein unterhaltsames Spektakel halt und sein Schluß eine augenzwinkernde Verbeugung vor H. G. Wells’ »Krieg der Welten«, in dem die miesen Marsianer schließlich von einem Virus dahingerafft werden.

Ärgerlich ist allerdings, wenn ein Autor sich der Aufgabe der genauen Beobachtung allein deshalb enthoben glaubt, weil er auf die höheren metaphysischen Weihen des Großen Ganzen spekuliert. Zum Beispiel Philip Kerr mit »Game Over«. Ein brauchbarer Thriller-Einfall – die zentrale Steuerung eines hochtechnisierten Bürohauses knallt durch und beginnt mit der planvollen Dezimierung der anwesenden Personen – wird nicht nur allein durch die blamable Unkenntnis des Autors in Sachen Computer zugrunde gerichtet, sondern vor allem dadurch, daß nur mit dieser selbstverschuldeten Unmündigkeit der tiefsinnige Tinnef über Künstliche Intelligenz und den Sinn des Lebens, um den es Kerr eigentlich geht, möglich ist.

Am Schluß erfährt man dann auch, worauf sich die Kerr’sche Computerbild stützt. Dort nämlich heißt es, das maliziöse Computersystem versende »sich selbst per E-Mail an alle Netzanschlüsse der elektronischen Welt«.

Da ist Kerr der vollen Wucht des Deus ex machina erlegen: Gerade da, wo sein Text besonders bedeutungsschwangere Blasen werfen soll, fällt er auf einen uralten Netz-Hoax, der wohl jedem bekannt ist, herein.

Irgendwann bekommt jeder eine E-Mail, in der in dringendem Tonfall und mit Beachtung heischender Gestik vor Viren gewarnt wird, die sich per Mail übertragen. Wer, so heißt es da, eine E-Mail mit einer bestimmten Betreffzeile, etwa: Good-Times, Join the Crew oder Win a Holiday, bekomme, der müsse diese Mail sofort und unter allen Umständen löschen, anderenfalls drohten unwiderruflicher Datenverlust, Hardwareschäden und ähnlich desaströse Dinge.

Diese Warnungen kursieren wohl schon seit Anbeginn aller Netzzeiten durch die Datenleitungen und längst schon ist aus dem ehemaligen Witz, mit dem man unsichere Newbies auf die Schippe nahm, ein nur noch lästiger Selbstläufer geworden, der nicht nur Einsteiger, sondern mitunter auch gestandene Computer-Redakteure zum Narren hält.

Die sollten es zwar besser wissen, aber was ist schon die professionelle Besserwisserei gegen die subtile Kraft unserer geheimen Ängste und Befürchtungen? Genau an diese appellieren die Autoren der Pseudowarnungen, wenn Sie, wie alle guten Betrüger, Halbwahrheiten und feiste Lügen so geschickt vermischen, daß ihre Fälschung genau auf den Erfahrungs- und Erwartungshorizont ihrer Opfer abgestimmt ist: Man glaubt die Warnung, weil man sie glauben will. Schließlich hat man es insgeheim ja schon immer gewußt, daß es bei Computern nicht mit rechten Dingen zugeht.

So warnte etwa die Fachzeitschrift »Chip« Anfang April in ihrer Online-Ausgabe vor einem gemeingefährlichen Virus, der sich angeblich durchs bloße Öffnen einer E-Mail übertrage. Kurz darauf teilte man mit, daß man Opfer einer Falschmeldung geworden sei und gab Entwarnung. Das ist keineswegs ein Einzelfall: Mitte August warnte das »PC-Magazin« in seinem Newsletter vor einem »äußerst bösartigen, noch weitgehend unbekannten Virus«, der »Festplatteninhalte« lösche. Natürlich war auch diese Warnung schlichter Humbug, und auch das »PC-Magazin« verschickte am nächsten Tag die Entwarnungsmeldung.

Mit diesen Entwarnungen ist es allerdings wie mit einem Dementi, das ein witziger Kopf einmal als den Versuch definierte, Zahnpasta rückwärts in die Tube zu drücken: Sie sind praktisch wirkungslos, und so können wir uns darauf gefaßt machen, auch weiterhin so alle vier bis fünf Monate von diesen Pseudowarnungen heimgesucht zu werden.

Dafür sorgt schon der Einfallsreichtum der Hoax-Initiatoren, die jede aktuelle Meldung geschickt in ihre Falschmeldung einzuflechten wissen. Nimmt man die bienenfleißigen Virenprogrammierer hinzu, die uns mit immer neuen, echten Viren überraschen und kombiniert das Ganze mit den üblichen Fehlern und Sicherheitslücken ganz normaler Programme, dann wird die Situation auch für den technisch versierten Fachmann unübersichtlich genug, um ihn zum Opfer eines geschickten Hoaxes werden zu lassen.

Doch wie so häufig spielt die Technik eine kleinere Rolle, als man glauben mag. Im Gegenteil: Je mehr man sich auf den technischen Diskurs verläßt, desto leichter verheddert man sich in den Fallstricken der Fälscher.

Betrachtet man dagegen die Warnungen aus nüchterner Distanz, dann kann man einen Hoax auch ohne technisches Hintergrundwissen erkennen. Denn ganz gleich, woher sie kommen und wovor sie warnen, sie haben allesamt eine ähnliche Struktur.

Immer geht es um eine neue, akute Gefahr, von der schlechterdings jeder betroffen ist (meist handelt es sich um einen Virus, gegen den kein digitales Kraut gewachsen scheint), immer lauert die Gefahr beim alltäglichen und vertrauten Umgang wie dem Öffnen einer E-Mail oder dem Start des Bildschirmschoners, fast immer beruft man sich auf Autoritäten (derzeit besonders beliebt: AOL und Microsoft), und immer ist die Warnung mit einer Prise Technogeblubber versetzt, die für den notwendigen Anschein der Authentizität sorgen soll.

Das wichtigste Merkmal der Pseudowarnungen jedoch ist ihre diffuse Vagheit, bei der die mitunter eingestreuten Realitätspartikel lediglich dazu dienen, dem ätherischen Lügengespinst die nötige Erdenschwere zu geben. Immer geht’s ums Ganze, immer sind alle Versionen aller Systeme aller Anwender betroffen. Eine ernstzunehmende Warnung jedoch kennt begrenzende Fakten wie Programmversionen oder betroffene Betriebssysteme.

Denn nur das Grauen lebt im Unbestimmten, die Gefahr nicht. »Die Dummheit«, so schrieb Robert Gernhardt einmal als Kritik an der wohlfeilen Allround-Satire, mit der die Zeitungen ihre Wochenendbeilagen ruinieren, »Die Dummheit ist konkret«. Die Gefahr, so kann man ergänzen: auch.

Zuerst erschienen bei Spiegel Online, 34 / 1998


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