Gutes Internet, böses Internet

Sonntag, 1. Juni 1997, 7.56 Uhr

Wie schön, daß wenigstens im Internet noch klare Verhältnisse herrschen: Hier die Guten, da die Bösen. Oder etwa nicht?

Ende März war es mal wieder soweit – im endlosen Gerangel zwischen den Guten und den Bösen im Internet erzielten die Guten einen klaren Sieg nach Punkten. Nächtens drang ein Guerillakommando in einen fremden Rechner ein, änderte die Homepage und machte den Anschlag im Usenet publik.

Objekt der subversiven Begierde war diesmal keine Regierungsstelle, sondern Cyberpromotions, eine Firma mithin, die wie kaum eine zweite mit aggressiven und zweifelhaften Methoden das Netz mit Werbemails (aka Spam) vollstopft. Cyberpromotions und ihr Chef Sanford, oder, wie er sich selbst gern nennt: Spamford Wallace verkörpern für viele das Böse im Netz schlechthin. Mit ihrer Meinung zu Spamford Wallace hielten die Hacker nicht hinterm Berg. Statt markiger Werbesprüche prangte auf der Homepage eine nicht minder markige Botschaft: »Fuck off Wallace. Give up! The Internet does not want spammers«. Gleichzeitig öffneten die Eindringlinge einen Link zur 137 KByte großen Paßwortdatei des Servers. Der konnte man dann einigermaßen verblüfft entnehmen, daß die Kunden von Cyberpromotions Paßwörter wie »secret«, »topsecret«, »web« oder gar ein einladendes »welcome« für sicher genug hielten.

Die Aktion der digitalen Desperados sorgte für großes Hallo. Wieder einmal, so kann man den Tenor der meisten Wortmeldungen nur geringfügig überspitzt zusammenfassen, wieder einmal hat das Netz gezeigt, daß es zur Selbstregulierung fähig ist und keine Aufpasser von draußen braucht. Wieder einmal hat ein listenreicher David einen tumben Goliath – man stelle sich vor: »secret« als Paßwort! LOL! – erfolgreich in die Schranken verwiesen. Wieder einmal triumphierte Einfallsreichtum und technisches Genie über die plumpen Aneignungsversuche der Industrie. – Daß sich hier eine anonyme Gruppe (oder eine anonyme Person, so genau weiß das keiner) kurzerhand zur Stimme des Internets erhob, schien im vergnügten Schmunzeln über den gelungenen Streich niemandem störend aufzufallen: So einfach kommt man also zu dem schönen Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen und die richtigen Dinge zu tun.

So amüsant der Homepagehack auch sein mag, so irritierend ist das demonstrativ zur Schau getragene Selbstverständnis der Netizens, das weit eher an das jovial-verschwitzte Einverständnis unter Sauf- und Raufkumpanen erinnert, als an die vielbeschworene Virtual Community. Tritt man einen Schritt zurück und betrachtet diese und andere Aktionen aus nüchterner Distanz außerhalb des Bandenbewußtseins, zu den Guten zu gehören, dann sieht die Selbstregulierung der Lynchjustiz im Wilden, Wilden Westen so ähnlich, wie ein Lump dem anderen.

Nein, es hilft nichts: eine Trennung in Gutes Internet (wir) und Böses Internet (die anderen) schmeichelt zwar dem Ego der Guten, ist aber nur ein eskapistisches Manöver und Ausdruck einer bedenklich gestörten Realitätswahrnehmung. Keine Frage: Spam ist lästig, mitunter sogar gefährlich. Keine Frage aber auch, daß Spam der Struktur des dezentralen Kommunikationsmedium namens »Internet« eingeschrieben ist: Ohne Verluste läßt er sich daraus nicht entfernen.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, Juni 1997