Haben Lösung, suchen Problem

Freitag, 2. Mai 2003, 13.59 Uhr

John Romkey hatte es noch gut. Als er 1990 einen Toaster ans Internet anschloss, da fragte ihn keiner, was der Quatsch soll. Rechtfertigungen waren in der guten alten Netzzeit überflüssig, es genügte, dass etwas möglich war, um es tun. Heute wäre eine so verspielt nutzlose Nutzung vernetzter Technik kaum noch denkbar. Wie unausgegoren oder schlicht sinnlos eine Entwicklung auch sein mag, die Marketing- und Werbeexperten basteln dazu im Handumdrehen Erlebniswelten und Werbespots, die aus einer netten Idee ruckzuck ein verkaufbares Produkt machen. Dann sehen wir zum Beispiel eine junge Frau, die ihre Liebesbotschaft aus luftiger Höhe zum Handy eines Mannes schickt, der mit ihr einen überfüllten Bus unterhält. Oder man zeigt uns einen Haufen gutgelaunter junger Menschen, die kein dringenderes Bedürfnis zu haben scheinen, als an winziger Unterhaltungselektronik herumzufummeln, um Bilder im Winzformat und mit mieser Auflösung durch die Netze zu schicken. Und wenn die Branche besonders kreativ wird, erfindet sie den Fußballfan, der sich seine Eintrittskarte als Barcode aufs Handy schicken lässt, um die Scanner-Kasse am Stadioneingang zufrieden zu stellen. Doch je absurder die Szenerie, desto mehr verfestigt sich der Verdacht zur Erkenntnis, bei der so beworbenen neuen Branchenhoffnung MMS handele es sich zwar um eine nette Idee, deren Umsetzung derzeit allerdings etwa so sinnvoll ist, wie Romkeys Toaster.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, 5/2003