»Hail, hail, Rock ’n’ Roll!«

Freitag, 22. Juli 2005, 11.49 Uhr

Zuerst in: AVDC, 7 / 2005

Sommer 1972: Der Watergate-Skandal nimmt seinen Lauf. Coppolas Mafia-Epos »Der Pate« kommt in die Kinos. In München werden die XX. Olympischen Sommerspiele eröffnet. Und in London treffen sich die Rock ’n’ Roll Legenden zu einem letzten großen gemeinsamen Konzert.

Schuld sind, wieder einmal, die Beatles. Eigentlich war 1972 schon alles vorbei und der Rock ’n’ Roll gut 20 Jahre alt. Das war die Musik der Eltern und damit nichts, was man als Jugendlicher freiwillig hört. Für die Woodstock-Generation war der klassische Rock ’n’ Roll schon seit gut zehn Jahren Geschichte. Stücke wie »Peggy Sue«, »Sweet Little Sixteen« oder »Rock Around The Clock« gehörten in eine Zeit, in der die Musiker noch im Abendanzug auftraten und das Publikum erstmals verblüfft feststellte, dass es jung war und Musik sehr viel direkter und dynamischer sein kann, als man es für möglich gehalten hatte.

Doch Ende der 60er-Jahre landeten die Beatles ihren phänomenal erfolgreichen Song »Lady Madonna« und läuteten damit offiziell das Rock ’n’ Roll-Revival ein, das sich bereits seit einiger Zeit abzeichnete. Wie so oft erfanden die Beatles nichts neues, aber sie griffen eine Stimmung auf machten sie für jedermann als Trend kenntlich. In den USA organisierte Richard Nader regelmäßige »Rock ’n’ Roll Revival Shows« im New Yorker Madison Square Garden und zahlreiche Größen aus den 50er-Jahren erlebten ein Comeback und gingen auf weltweite Tourneen.

Die europäische Antwort auf die New Yorker Veranstaltungen war die »London Rock ’n’ Roll Show«, die von vielen als das »Woodstock des Rock ’n’ Roll« bezeichnet wird.

Am 5. August 1972 wurde der damals größte Veranstaltungsort Europas, das Londoner Wembley Stadion, erstmals als Konzertarena genutzt. Das Stadion war ausverkauft und das Publikum erlebte einen magischen Moment der Rock ’n’ Roll-Geschichte. An diesem Tag trat alles auf, was im klassischen Rock ’n’ Roll Rang und Namen hat: Bo Diddley, Jerry Lee Lewis, Bill Haley and the Comets, Little Richard und Chuck Berry.

Dass wir dieses legendäre Konzert heute nicht nur vom Hörensagen kennen, verdanken wir dem australischen Regisseur Peter Clifton, der das Konzert in einem Film dokumentierte. Dabei gelingt Clifton nicht nur ein Konzertmitschnitt, der so angemessen roh und direkt ist wie die Musik auf der Bühne, sondern gleichsam nebenbei ein spannendes Dokument aus einer Zeit des Umbruchs und des Übergangs. Seine Kameraschwenks ins Publikum zeigen immer wieder wilde Stilmixturen und noch scheint ein öffentlicher Kuss oder eine selbstvergessen tanzende junge Frau so ungewöhnlich zu sein, dass die Kamera sich kaum abzuwenden vermag.

Der Altersdurchschnitt auf der Bühne lag an diesem Abend deutlich jenseits der 40. Doch das tat der explosiven Kraft der Musik, die auch heute noch die ungebrochene Vitalität des Rock ’n Roll beweist, keine Abbruch und auch das rund 20 Jahre jüngere Publikum störte sich nicht daran, dass auf der Bühne Musiker aus der Generation ihrer Eltern standen. Wenn der 41-jährige Chuck Berry die Bühne betritt, dominiert er problemlos das gesamte Stadion und das Publikum folgt seinen Anweisungen aufs Wort.

Nach einer Bühnenshow von David »Screaming Lord« Sutch, die eine krude Mixtur aus Halloween, Striptease, Horror-Movies und Rock ’n’ Roll bietet, eröffnet kein Geringer als Bo Diddley das Konzert.

Diddley war und ist einer der großen Unbekannten des Blues und Rock ’n’ Roll. Ginge es mit rechten Dingen zu, müsste sein Name mindestens so geläufig sein wie der von Chuck Berry, Little Richard und anderen Größen. Bo Diddley hatte bereits Mitte der 50er-Jahre mit elektronischen Verzerrungseffekten experimentiert, wie man sie erst zehn Jahre später wieder hören sollte. Schon durch die Form seiner Gitarre – ein simples rechteckiges Brett, das nur noch durch den Steg und die sechs Saiten an eine normale Gitarre erinnerte – signalisierte der Mann, der fast nie ohne Hut auftrat, das Anderssein seiner Musik.

Doch trotz seines enormen Einflusses auf praktisch jeden Musiker und jede Gruppe aus dem Rhythm & Blues-Umfeld ist Bo Diddley bis heute nur wenigen Eingeweihten bekannt – die »London Rock ’n’ Roll Show« gibt Gelegenheit, dieses Scharte auszuwetzen und den Mann mit der rechteckigen Gitarre und dem federnd-zickigen Rhythmen kennen zu lernen. Diddley hat im Umfeld der Show übrigens seine in Insider-Kreisen legendären »London Sessions« aufgenommen, mit denen er endlich auch in Europa bekannter wurde.

Nach Bo Diddley betritt ein Mann die Bühne, der als »Killer« bekannt ist und mit seinen 37 Jahren an diesem Abend gewissermaßen den jugendlichen Rowdy verkörpert: Jerry Lee Lewis, ein Musiker der Extreme. Er führt sich seinem Ruf entsprechen auf, lümmelt vor seinem Flügel, trägt betont unglamourös einen einfach roten Pullover und zerspielt seine Songs so stark, dass außer einem kontinuierlich rollendem Rhythmus kaum etwas übrig bleibt – weder Melodie, noch Gesang und am Ende auch beinahe kein Flügel mehr, auf den er eindrischt, -tritt und -hämmert, als müsse er den Rock ’n’ Roll aus ihm heraus prügeln.

Dem »Killer« folgen Bill Haley and The Comets. Haley hat den Rock ’n’ Roll vielleicht nicht erfunden, aber berühmt gemacht hat. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits 47 Jahre alt und strahlt eine pausbäckige Harmlosigkeit aus, die ihn in den denkbar größten Gegensatz zu Jerry Lee Lewis stellt. Er hat seine besten Jahre wohl schon hinter sich und sein Markenzeichen der Schmalztolle wirkt ein wenig verloren und deplatziert. Doch das stört weder das begeisterte damalige Publikum noch den heutigen Zuschauer. Alle Einwände und Bedenken sind vergessen, wenn Haley mühelos rund 20 Jahre überspringt und seine Klassiker »See You Later Aligator« und »Rock Around The Clock« präsentiert, als sei die Zeit stehen geblieben. Da es überhaupt nur sehr wenige Filmaufnahmen gibt, die uns Bill Haley auf der Bühne zeigen, ist dieser Auftritt in der »Londoner Rock ’n’ Roll«-Show doppelt wertvoll.

Auch der nächste Auftritt sorgt für einen irritierenden Moment, in dem sich die Zeiten zu mischen scheinen: für einen Augenblick könnte man meinen, Prince sei in das Jahr 1972 zurück gereist und betrete als Little Richard die Bühne, so stark ist die Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Mann, der sich kurzerhand mit »I am the King of Rock ’n’ Roll« vorstellt und der dieser Behauptung mit »Lucille«, »Good Golly Miss Molly« oder »Tutti Frutti« beeindruckend Substanz verleiht.

Doch der Star des Abends und der Höhepunkt der Show ist zweifellos Chuck Berry. Mit seinen 46 Jahren ist er wohl schon ein wenig zu alt für Show-Einlagen wie seinen berühmten »Duck-Walk« geworden. Sein früheres Markenzeichen (das er, wie er später erzählte, nur erfunden habe, um von den Falten in seinem Anzug abzulenken) deutet er nur noch an – aber als Musiker kann er auf solche Mäzchen ohnehin mühelos verzichten. Er braucht keine Show, nur seine Gitarre, seine Band, die Bühne – und das Publikum, mit dem er spielt und das ihn frenetisch feiert. Berry schlägt mit seinem ausufernden Auftritt den Bogen vom Blues über Rock ’n’ Roll zum harten Rock und stellt so einmal mehr die kraftvolle Kontinuität der Rock-Musik unter Beweis.

Das war der 5. August 1972. Heute ist es etwas ruhiger geworden um die Helden des Rock ’n’ Roll, doch bis auf Bill Haley (der am 9. Februar 1981 an einem Herzschlag in seinem Haus in Harlingen, Texas, starb) sind sie alle nach wie vor aktiv, nehmen Platten auf und gehen auf Tournee.

Bo Diddley machte in den 70er Jahren ungebrochen weiter und wurde unter jungen Musikern zum Orientierungspunkt und Meilenstein der Rock-Geschichte. Er begleitete etwa The Clash auf ihrer ersten US-Tournee und spielte 1994 mit den Rolling Stones. Jerry Lee Lewis erlebte in den Folgejahren einige schwer Schicksalsschläge, ist aber bis heute seinem extremen Image treu geblieben und wurde 2001 vom »Smithsonian Institute« für seinen Beitrag zum Amerikanischen Leben ausgezeichnet. Im Jahr 2004 war er mit Chuck Berry auf England-Tournee. Auch Little Richard rockt und rollt bis heute und soll am 19. September 2004 zusammen mit Jerry Lee Lewis den Beatles-Song »I saw her standing there« aufgenommen haben. Im Februar und April 2005 war er erneut auf Tournee in England und wurde von seinem Publikum begeistert aufgenommen. Und auch Chuck Berry macht das, was er immer gemacht hat und am besten kann: er spielt mitreißenden Rhythm & Blues und rockt nach wie vor: »Hail, hail, Rock ’n’ Roll«!


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