Hunde im Internet

Dienstag, 28. Juni 2005, 13.49 Uhr

Am 5. Juli 1993 brachte das „The New Yorker“ einen Cartoon von Peter Steiner. Darauf sieht man einen Hund an einem Computer sitzen, der zu einem anderen Hund sagt: „On the Internet, nobody knows you’re a Dog“, im Internet weiß niemand, dass Du ein Hund bist.Dieser Cartoon wurde sehr schnell sprichwörtlich und wird heute immer wieder zitiert, wenn es darum geht, dass man bei Gesprächen im Internet nie ganz genau weiß, mit wem man es eigentlich zu tun hat. So ist es in vielen Diskussionsforen oder in den Newsgroups üblich, dass sich die Teilnehmer unter Phantasienamen anmelden und pseudonym miteinander diskutieren. Nur wenige Forenbetreiber bestehen darauf, dass sich ein Teilnehmer zumindest bei der Anmeldung eindeutig identifiziert, häufig genügt es, eine E-Mail-Adresse anzugeben, an die die Forensoftware die Zugangsdaten schickt.

Dieser Hang zum Pseudonym hat häufig ganz pragmatische, nachvollziehbare Gründe: man ist vorsichtig, möchte sich nicht gleich vollständig im Internet an eine anonyme Masse preis geben und sein Privat- und Berufsleben deutlich voneinander trennen. Die zwangsläufige Anonymität solcher Diskussionsrunden wird dann auch oft genug in so genannten User-Treffen aufgehoben, bei denen man dann erfährt, welche Person zu welchem Forums-Namen gehört.

Mitunter gibt es allerdings auch Versuche, die Anonymität im Internet für den Rollen- oder Geschlechterwechsel zu nutzen, wobei es dann vorkommen kann, dass sich die betörende Schöne aus dem Forum in der Realität als kräftig untersetzter Mittvierziger entpuppt oder hinter dem souveränen IT-Experten ein zurückgezogener Teenager hervorlugt.

Und in seltenen Fällen passiert das, was kürzlich in Mannheim passiert ist.

Die Mannheimer Web-Affäre

Dort, genauer: im Internet-Forum der Tageszeitung „Mannheimer Morgen“, ging es wochenlang heftigst zur Sache. Hier wurde der Mannheimer CDU-Landtagsabgeordnete Klaus Dieter Reichardt zur Zielscheibe zahlreicher, nicht gerade zimperlicher Angriffe. Anfangs versuchte Reichard, mit den Teilnehmer und Kritikern zu diskutieren und ging so gar so weit, seine private Telefonnummer zu nennen, um strittige Punkte im persönlichen Gespräch zu klären. Es half alles nichts, die Beschimpfungen und Schmähungen hagelten weiter, bis Reichardt keinen anderen Weg mehr sah, als die Staatsanwaltschaft einzuschalten.

Die ermittelte wegen des Verdachts auf Beleidigung und übler Nachrede und förderte schließlich Erstaunliches zu Tage. Reichardt wurde überhaupt nicht von zahlreichen besorgten Bürgern im Internet angegriffen, sondern nur von einer Handvoll anderer CDU-Mitglieder, die im Internet-Forum des Mannheimer Morgens interne Partei-Streitigkeiten und -Intrigen austrugen.

Dass jemand unter einem Pseudonym einem anderen eins auswischen will, ist zwar kein schönes Verhalten, aber im Internet auch kein allzu ungewöhnliches. Doch das Ausmaß dessen, was die Mannheimer inzwischen die „Web-Affäre“ nennen, ist bemerkenswert: Sven-Joachim Otto, einer der Teilnehmer, hat inzwischen zugegeben, dass er unter sage und schreibe 31 unterschiedlichen Namen aktiv war. Ganze Diskussionen, in denen Reichardt kritisiert und Otto gelobt wurde, waren nichts als Inszenierungen und reine Selbstgespräche der 31 erfundenen Teilnehmer untereinander. Einem anderen Teilnehmer glaubt die Staatsanwaltschaft gar über 50 verschiedene Pseudonyme zuordnen zu können, einem dritten weitere 19.

Schon das allein wäre skurril genug – pikant wird die Angelegenheit aber erst dadurch, dass sich hier nicht irgendwelche unreifen Teenager in Rage geschrieben haben, sondern erwachsene Menschen, bei denen weder die Ausbildung noch ihr Beruf darauf hindeuten, dass sie zu solchem Treiben fähig wären. Sven-Joachim Otto ist 35 Jahre alt, promoviert, Mitglied der CDU-Stadtfraktion und Sozialrichter. Der Mann mit den fünfzig Namen soll der Mannheimer Bürgermeister Rolf Schmidt (60) sein und die 19 Pseudonyme sollen seinem Schwiegersohn gehören. Otto hat sich inzwischen entschuldigt und bezeichnet sein Verhalten als unfaire „Kindereien [ …] und eines 35-Jährigen nicht würdig“.

Ja, so kann man das wohl sagen.