Hyper, Hyper

Samstag, 1. August 1998, 17.41 Uhr

Seit Jahren liegen uns nun schon die Netzpropheten mit den Segnungen von Hypertext in den Ohren: Zeit für einen kleinen Reality-Check.

Angefangen hat alles mit dem Artikel »As We May Think« in der Juli-Ausgabe des Atlantic Monthly von 1945. In ihm entwirft Vannevar Bush ein auf Mikrofilmen basierendes Informationssystem, das er »Memex« nannte. Memex, das in den utopischen Plänen Bushs unendliche Datenmengen in assoziativer Verknüpfung speichern und vorrätig halten können sollte, gilt als einer der Urahnen heutiger Hypertext-Systeme.

Das Wort »Hypertext« selbst ist jüngeren Datums: Es wurde erstmals 1960 von Ted Nelson bei der Beschreibung seines Xanadu-Systems benutzt. Nelson war und ist beseelt von der romantischen Idee der Synästhesie, dem sinnlich erfahrbaren Zusammenhang von Allem mit Allem und träumt seit einem nachgerade mystischem Kindheitserlebnis davon, wie schön es doch wäre, wenn wir uns ohne Umwege über Sprache, linear konstruierte Sätze und Argumente verständigen könnten und ein Stichwort reichte, um eine unendliche Kette weitverzweigter Assoziationen und Sinneseindrücke auszulösen.

So weit, so gut. Doch dann kam Tim Berners-Lee – und den Träumen und Visionen von Bush und Nelson passierte das schlimmste, was Träumen passieren kann: Man ging daran, sie in die Realität umzusetzen. Und so gibt es seit 1991 das World Wide Web mit seinen Hyperlink-Verknüpfungen und den vielberufenen Hypertexten.

Nelson verspottete das WWW anfangs als »FTP with lipstick«, was den Sachverhalt zumindest von HTML 1.0 recht treffend beschreibt. Doch was als Arbeits- und Navigationshilfe gedacht war, wurde im Laufe der Jahre immer mehr zum Synonym einer angeblich revolutionär neuen Möglichkeit, Texte zu schreiben und zu lesen: Hypertext, so die Behauptung, sollte uns von den angeblichen Fesseln des Buchdrucks befreien. Die Verlinkung von Dokumenten wurde als die weitreichendste Technik seit der Druckerpresse gefeiert, das Ende der Gutenberg-Galaxis ausgerufen und ganz besonders gläubige Adepten gingen daran, große Literatur in kleine Hypertexte zu verwandeln.

Und das haben wir jetzt davon: Auf jeder Seite im WWW entfalten die farblich hervorgehobene Link die ärgerliche Penetranz fliegender Händler, die einem ihren Ramsch bei jedem Mausklick unaufgefordert unter die Nase reiben: vom Terror des Koof-Mich zum Terror des Klick-Mich.

Dabei ist Aufdringlichkeit noch das kleinste Problem. Während man sich im vielgescholtenen Buch durch einfaches Blättern problemlos orientieren kann, treiben Hyperlinks den Leser immer weiter hinein in das endlos verknüpfte Labyrinth grenzenloser Beliebigkeit.

Der altmodische Text ist dem modernen Hypertext im direkten Vergleich haushoch überlegen. Der Buchdruck bietet ein ausgefeiltes, unaufdringliches Orientierungs- und Ordnungssystem aus Seitenzahlen, Verweisen, Fußnoten und Anmerkungen, dessen vielleicht größter Vorzug ist, daß man es vollständig ignorieren und die Zeitschrift oder das Buch einfach da aufschlagen und lesen kann, wo man will.

Hypertexte dagegen sind ganz einfach unlesbarer. Ein Überblick verschaffendes Hin- und Herblättern ist unmöglich, ein sprunghafter Wechsel zwischen unterschiedlichen Textpassagen ebenfalls. Was im Hypertextraum nicht verknüpft ist, ist nicht nur unerreichbar – es existiert ganz einfach nicht. Die angebliche Freiheit des Hypertexts entpuppt sich in der Praxis als rigide Tyrannei, die dem Leser die Struktur der Maschine aufzwingt.

Es gibt für die Mitteilung unserer Gedanken und Erfahrungen kein leistungsfähigeres und flexibleres System als den Druck und kein besseres Medium als den Text: Ganz ohne Hype und ohne Hyper.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, August 1998


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