Ich bin kein .berliner

Samstag, 1. April 2006, 20.42 Uhr

Die Dotcom-Blase rundet sich erneut, dieses Mal unter dem Motto »Web 2.0«. Akute Anzeichen: mystisches Geraune über die nun aber endgültig kurz bevorstehende Verschmelzung von Geist und Maschine, verschwurbelte Visionen jenseits aller Netzrealität, zupackende Metaphern ohne Rücksicht auf Verluste (»Ein Tsunami der Kreativität« werde über die Welt hingwegfegen, konnte man kürzlich auf einer einschlägigen Veranstaltung in München hören) und, natürlich, abstruse Geschäftsideen. Zum Beispiel das Wiederaufleben der Initiative Dotberlin, die, fast verschollen in den Wirren des Dotcom-Crashs der Jahrtausendwende, nun ihr Comeback feiert. Unter dem angestaubten Motto »Wir schaffen die Identität der Berliner Comunity im Internet«, das direkt aus dem letzten Jahrtausend herangeholpert zu kommen scheint, macht man sich für die Einführung der TLD .berlin stark, um so »Identität für Bürger, Unternehmen und Institutionen« zu schaffen und dafür zu sorgen, dass »Anbieter und Nachfrager von Informationen, Waren und Dienstleistern intuitiv zueinander« finden. Das hat den Berlinern gerade noch gefehlt. Als zuständiges NIC ist, natürlich, Dotberlin selbst vorgesehen, womit die Initiative auch gleich mal zeigt, wie man einen Markt erfindet und sofort selbst besetzt. Der Antrag bei der Icann sei bereits gestellt, die Sponsorengelder fließen und alle sind guter Dinge. Fragt sich nur, wie lange. Denn selbst wenn die Icann tollkühn genug wäre, Städtenamen als TLD zuzulassen, wird die Stadt Berlin da auch noch ein Wörtchen mitzureden haben. Zum Beispiel: »Nein«.

Zuerst erschienen in: Internet Professionell, 4/2006


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